Die Woche im Spiegel von view
Kinder, wie die Zeit vergeht. Bevor man es sich versieht, sind zwei Wochen voller Arbeit über den Jordan und einen Wochenrückblick hat auch wieder niemand geschrieben. Aber heute. Da ist wieder einer. Und hoffentlich regelmäßig wie noch vor Kurzem. Wir sind guten Mutes. Kernfigur dieser Woche ist ein gewisser Ex-Diktator, der gern mal was schreibt, aber ungern vor dem Kadi Verbrechen zugibt. Außerdem hat ein Außenminister hier seinen großen Auftritt. Von einem neuen Präsidenten ganz zu schweigen. Ein anderer, großer Name, hat hier seinen letzten Auftritt und wird mit Huldigungen überschüttet. Zurecht, wie Sie sicher bestätigen werden. In Hamburg trinkt ein Kapitän zuviel. Gänzlich nüchtern ist, und (hoffentlich) bleibt: Der Wochenrückblick.
Sonntag, 27.06.2004
Noch bevor er im Laufe dieser Woche vor den irakischen Kadi geladen wird, um dort seine
Unschuld zu beteuern, wird bekannt, dass Saddam Hussein seine Zeit in amerikanischem Gewahrsam
sinnvoll nutzt. Er schreibt ein Theaterstück. Worum es dabei gehen solle, wollte er den Vertretern
des Internationalen Roten Kreuzes, denen wir diese Meldung zu verdanken haben, nicht verraten. Er
fürchte, so Hussein, dass sein Werk konfisziert werden könne. Der Ex-Diktator und nach eigener
Aussage noch immer Präsident der Iraker
, ist auf dem Feld der Buchautoren kein
unbeschriebenes Blatt. Das Theaterstück ist seine vierte Produktion. Zum 65. Geburtstag Husseins vor
zwei Jahren erschien sein letztes Buch: Zabiba und der König
. Ein Märchen aus tausend und
einer Nacht soll es sein. Husseins literarisches Talent darf bezweifelt werden. Sagt die Kritik.
Trotzdem war Zabiba und der König
in den Schulen Iraks Pflichtliteratur.
Bei editio de facto können interessierte Leser ihrem Pflichtgefühl nachgeben. Kostet 14.90 Euro.

Ist seit heute nicht mehr Zivilverwalter im Irak: Paul Bremer.
(Bild: Tri-City Herald)
Montag, 28.06.2004
Völlig überraschend, weil zwei Tage zu früh, ist der Irak wieder ein souveräner Staat. Heute
um genau 10.26 Uhr Ortszeit fand die Machtübergabe durch Paul Bremers Zivilverwaltung in Bagdad
statt. Iraks Premier Ijad Allawi sprach von einem großen Tag
. US-Präsident George W. Bush bat
den irakischen Übergangspräsidenten Ghasi Al Jawar um die formelle Aufnahme diplomatischer
Beziehungen. Während Paul Bremer noch am heutigen Tag aus dem Irak abreiste, bleiben 140.000
US-Soldaten bis auf weiteres vor Ort stationiert. Die frühere Machtübergabe fand wohl statt, um
möglichen Anschlägen am ursprünglich geplanten Tag vorzubeugen.

Kein toter Wal, sondern ein Schiff kieloben: verunglückter Tanker im Hamburger
Hafen.
(Bild: Berliner Morgenpost)
Dienstag, 29.06.2004
Weil er vermutlich betrunkener war als die Polizei erlaubt, hat der Kapitän eines Chemietankers im Hamburger Petroleumhafen eine Schiffskollision mit elf Verletzten verursacht. Das mit Schwefelsäure beladene Schiff rammte ein auslaufendes Containerschiff. Dabei trat eine erhebliche Menge der Ladung aus und verursachte ein Fischsterben im Hafenraum. Die Säure sei bis zur Elbe gelangt, heißt es am Wochenende, nachdem der gekenterte Tanker geborgen worden war.
Mittwoch, 30.06.2004
Sechs Monate nach seiner Gefangennahme ist Saddam Hussein in irakischen Gewahrsam übergeben
worden. Morgen soll die Anklageschrift gegen ihn verlesen werden. Damit ist dann das Verfahren
gegen ihn eröffnet
, sagte Vize-Regierungssprecher Al Rifai. Vermutlich wird Hussein für die
Tötung und Vertreibung von 100.000 Kurden im Jahr 1988, für die brutale Niederschlagung der
Schiiten-Aufstände im Jahr 1991 mit Tausenden Toten und für schwere Kriegsverbrechen im Zusammenhang
mit dem Krieg gegen Iran und der Invasion Kuwaits angeklagt werden. Pünktlich mit der Übergabe des
Ex-Diktators setzte die irakische Interimsregierung die Todesstrafe wieder in Kraft. Diese hatten
die amerikanischen Besatzungskräfte zuvor abgeschafft.

Jetzt auch offiziell neu: Horst Köhler.
Donnerstag, 01.07.2004
Wenn Ihnen Wolfgang Thierse eine ursprüngliche Fassung des Grundgesetzes vor die Nase halten
würde, könnten sie auch nicht anders, als folgende Worte zu sagen: Ich schwöre, dass ich meine
Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das
Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen
und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde.
Horst Köhler konnte auch nicht anders. Also schwor
er auf den, im Artikel 56 vorgegebenen, Text. Er ist damit als neuntes deutsches Staatsoberhaupt
vereidigt. Der Zeremonie folgte Köhlers erste Rede vor dem Bundestag. Er forderte die
Bundesregierung zu einer konsequenten Umsetzung der Reformpolitik nach der Agenda 2010 auf. Es
mangele Deutschland nicht an Ideen, nur die Umsetzung sei zu zögerlich - auch in der Politik. Köhler
appellierte an Regierung und Opposition, keine Zeit bei der Erneuerung des Landes mehr zu verlieren
und dabei zu Kompromissen bereit zu sein. Deutschland könne sich trotz aller anstehenden Wahlen kein
verlorenes Jahr für die Erneuerung leisten, sagte Köhler außerdem. Die Bundesregierung solle Mut
beweisen und ihre Neuerungen konsequent fortführen. Die Opposition hingegen ihre Alternativen auch
klar machen. Applaus bekam der Neue dafür. Und er erntete einige Lacher, die er entsprechend
quittierte. Köhler verfolge eine einfache Sprache, hieß es in der Presse der folgenden Tage.
Schlecht ist das sicher nicht. Und Lachen kann er auch. Andere machen das nicht so oft.
Freitag, 02.07.2004
Ich bin geschockt und tief betrübt über den Verlust des größten Schauspiel-Genies unserer
Zeit. Was werden wir bloß ohne ihn machen?
(Al Pacino) Wir haben ihn alle geliebt und werden
ihn sehr vermissen.
(Robert De Niro) Er war wie ein Pate für viele junge Schauspieler auf der
ganzen Welt. Er hatte enormen Einfluss auf jüngere Darsteller.
(Robert Duvall) Amerika hat
seinen führenden Filmstar verloren. Er war der Beste. Die Welt wird ihn vermissen.
(James
Garner) Er gehörte seit langem zu den sehr seltenen Schauspielern, die zu Lebzeiten in die
Kinogeschichte eingehen. Es reichte, dass er auf der Leinwand erscheint, um den Wesen und den Dingen
um ihn herum eine neue Dimension zu geben und einer Geschichte neues Leben einzuhauchen.
(Renaud
Donnedieu de Vabres, französischer Kulturminister) Nachdem ich als 15-Jähriger den Film
(Volker Schlöndorff,
Regisseur und Oskar-Preisträger) Der Stimmen gibt es viele. Marlon Brando stirbt heute in einem
Krankenhaus in Los Angeles.Die
Faust im Nacken
gesehen hatte, habe ich beschlossen, ich will zum Film.

Y-M-C-A; Colin macht den Bauarbeiter.
(Bild: CNN)
Samstag, 03.07.2004
Colin Powell hat Spaß. Das dürfte ihm in den letzten Monaten und Jahren nicht jeden Tag
passiert sein. Am Rande des
ASEAN-Treffens in Jakarta traten er und
Mitglieder der amerikanischen Delegation verkleidet als die Village People auf und gaben YMCA
zum besten. Powell hatte eigens den Text umgedichtet. Auftritte wie dieser (siehe Bild) gehören zu
jedem dieser Treffen. 1997 gab Madeleine Albright die Evita.


