Die Woche im Spiegel von view
- Sonntag, 15.02.2004
- Dem Billigflieger RyanAir kann man zumindest eines nicht vorwerfen: Das er unkreativ
wäre. Weil das Unternehmen durch Rückzahlungsforderungen zwielichtiger Beihilfen von über vier
Millionen Euro gebeutelt ist und ihm alle Nase lang die teuren Klappstühle in den Flugzeugen kaputt
gehen, sinnt es nach Einsparungsmöglichkeiten. RyanAir führt deshalb die Holzklasse wieder in den
Personenbeförderungsbetrieb ein. Die neuen Sitze in den neuen RyanAir-Flugzeugen werden sich nicht
mehr nach hinten klappen lassen und Kopfstützen fehlen auch. 195.000 Euro soll das pro neu
bestellter Maschine sparen. Durchaus sinnvoll ist der Abbau eventuell vorhandener Sitztaschen, in
denen man prima Kotztüten, Wasserflaschen und Zeitungen deponieren konnte. Die seien zu schwer zu
reinigen, sagt RyanAir und Zeitungen werden sowieso nicht gereicht. Wozu also? Der Passagier mit
Brechreiz kann seinen Mageninhalt in Zukunft gegen die Fenster spucken, wenn es ihm draußen zu hell
ist, schließlich soll es auch keine Sichtschutze mehr geben. Der Gipfel der Kreativität jedoch ist
die Idee, nur noch Passagiere mit wenigen Gepäckstücken zu fliegen. Die könnten nämlich ihr
Täschchen selbst zum Flieger tragen und es dann auf dem eigenen Schoß deponieren. Das spart den
lästigen Eincheck-Vorgang und weil man die Sitze nicht mehr kippen kann, läuft man auch nicht Gefahr
von rutschenden Täschchen auf dem Schoß zerquetscht zu werden. Bitte, liebe Leser, stimmen Sie zur
Melodie von Reinhard Meys
Über den Wolken
mit ein: Zwo, drei, vier -Über den Wolken, muss der Sauerstoff schon allzu dünn sein ...
- Montag, 16.02.2004
- Ob sich die CDU-Chefin Angela Merkel in einer Sitzungspause gern mal einen
Döner mit alles
zu Gemüte führt, oder doch lieber - heimatverbunden - ein Matjesbrötchen, ist nicht überliefert. Wohl aber, dass sie und damit auch ihre Partei etwas gegen die Aufnahme der Türkei in die EU hat. Ginge es nach Merkel, gäbe es eineeuropäische Perspektive für die Türkei
, aber vorerst wohl keine Vollmitgliedschaft. Unpraktisch aber, das der türkische Ministerpräsident Recip Erdogan bei einem Gespräch der beiden gänzlich anderer Meinung war. Er will den Beginn von Beitrittsverhandlungen. Und das möglichst gleich. Merkel wünscht sich dagegen eineprivilegierte Partnerschaft
der Türkei und der EU. Sie sagt, das diese keineMitgliedschaft zweiter Klasse
wäre. Stimmt, es ist eine Mitgliedschaft auf Warteliste. Bitte ziehen Sie eine Nummer und genießen Sie ein Matjesrötchenmit alles
. Wohl bekomm's. - Dienstag, 17.02.2004
- Das Ergebnis der elfstündigen Verhandlungen ist drei Seiten lang und rot umrandet. Und
es ist so standfest wie die Zukunft des Verkehrsministers. Die Manager von Daimler-Chrysler,
Deutscher Telekom und Cofiroute, mit denen Manfred Stolpe elf Stunden verhandelt hat, sind
überrascht, als sie vom Minister die Kündigung erhalten. Der Vorschlag von Toll Collect zur Maut sei
für den Bund
technisch, rechtlich und wirtschaftlich nicht akzeptabel
, heißt es darin. Das monatelange Hickhack hat ein Ende, denkt man. Hat es nicht. Zwei Monate hat das Konsortium nun Zeit, sein Angebot zu verbessern und akzeptabel zu machen. Geschieht das, geht der Spaß von vorne los. - Stolpe sagte, er habe eine
Eselsgeduld
gehabt. Trotzdem hat er die rote Karte gezogen. Vielleicht zu früh, denn Zugeständnisse hatte Toll Collect nach und nach gemacht. Was nun kommen könnte, ist die Vignette. Ein System, das es hier schon über Jahre gab. Die finanziellen Mauterwartungen wird es nicht decken. 40 Millionen Euro statt der, von Toll Collect zugesicherten 160 Millionen monatlich. Andererseits könnte eine neue europaweite Ausschreibung stattfinden, um einen fähigen Maut-System-Entwickler zu finden. Das würde zwei bis drei Jahre dauern und ein weiteres, bis das System stünde. Die finanziellen Ausfälle sind so oder so gewaltig und Stolpes Stuhl kaum sicherer. Eine Eselsgeduld hätte er bewiesen, sagt der Minister. Vielleicht nicht nur Geduld? - Mittwoch, 18.02.2004
- Das haben die Berliner Grundschüler von ihrer Faulheit. Weil die PISA-Studie so
respektabel schlechte Ergebnisse zutage gebracht hat, gibt es ein Geschenk von Bildungssenator Klaus
Böger. Das Geschenk heißt
Naturwissenschaften
und wird ab dem nächsten Schuljahr Pflichtfach. Die Vereinigung von Biologie, Chemie und Physik ersetzt die bisherigen zwei Stunden Biologie in den fünften und sechsten Klassen. Den unschuldigen Fächern Erdkunde und Geschichte/Sozialkunde blüht eine ähnliche Zwangsvereinigung. Die dannGesellschaftswissenschaften
genannte Symbiose krankt, wie ihr Pendant, allerdings an einem elementaren Problem. Niemand hat bisher Unterrichtsmaterialien. Sollte das GeschwisterpaarNaturwissenschaften
undGesellschaftswissenschaft
etwa das Maut-System der Berliner Bildungspolitik werden? Liebe Kinder, erklärt mir doch bitte den Zusammenhang von Photosynthese bei Stiefmütterchen und Helmut Kohls Amtsantritt als Kanzler am 25. Mai 1983. - Donnerstag, 19.02.2004
- Liebe Andie MacDowell, was tun Sie sich an? Was hat Ihnen der Lugner gezahlt? Kann der
überhaupt noch? Ist der ist nicht pleite? Sie Sie pleite? Brauchen Sie Geld? Sollen wir spenden?
Wien ohne Opernball ist wie Berliner ohne Füllung. Und wenn alle
Alles Walzer
gebrüllt haben, gehts auch los. Wie in jedem Jahr. Die Debütantinnen werden eingeführt, in die Szene natürlich. Und ein Stargast ist auch dabei. In diesem Fall Andie MacDowell. Da steppt der Papst im Kettenhemd. Rock 'n Roll. Sogar Karneval ist besser. - Freitag, 20.02.2004
- Picasso, Matisse, Gauguin, Monet, van Gogh, Dali, von Pollock, Hopper, Lichtenstein und
Warhol haben seit heute eines gemeinsam. Sie hängen in der Berliner Neuen Nationalgalerie. Bevor sie
da hingen, wurde die Stadt mit Plakaten gepflastert, deren Sinn niemand verstand. Ein cleverer
Schachzug.
Moma kommt
stand auf den Plakaten undMoma ist der Star
. Moma meint das Museum Of Modern Art. Dieses Museum der Museen in New York ist derzeit wegen Umbaumaßnahmen geschlossen. Berlin war schnell und jemand kannte jemanden und so sicherte sich die Hauptstadt den Zuschlag. 8,5 Millionen Euro wurden investiert und eine Million Besucher erwartet. Mindestens. Wer am heutigen Eröffnungstag Bilder gucken wollte, musste bis zu zwei Stunden in der Kälte stehen. Ein Opfer, das sich lohnt. - Samstag, 21.02.2004
- Zweimal war Arnold Schwarzenegger in dieser Woche in den Medien. Einmal, ließen die
Monitore in der Berliner U-Bahn wissen, weil er auf dem Hof seiner Regierungsresidenz eine
Raucherecke einrichten lies und sich damit den Hass der Nichtraucherfraktion zuzog. Und ein anderes
mal, heute, weil ihm Homosexualität gegen den Strich geht. Homosexuelle Ehen, die seit einigen Tagen
in San Francisco geschlossen werden dürfen, stellten, sagt der Gouvernator, eine
unmittelbare Bedrohung der bürgerlichen Ordnung
dar und verstießen gegen die Gesetzeslage in dem US-Bundesstaat. Diesen Satz schrieb Arnie an seinen Justizminister Bill Lockyer. Außerdem schrieb er:Ich weise Sie hiermit an, sofortige Schritte zu unternehmen, um eine endgültige juristische Lösung dieser Kontroverse zu erreichen.
Man sollte meinen, das ein Mann, der sich selbst lange dunkle, aus Kuba stammende Stangen in den Mund steckt etwas loyaler wäre.