Die Woche im Spiegel von view

von Klaus Esterluß

Sonntag, 08.02.2004
Knapp vier Wochen will der Kanzler noch brauchen, bis er am 11. März eine Regierungserklärung vor dem Bundestag halten will. Um die Bilanz der Sozialreformen soll es darin gehen und um Ausblicke auf Förderung von Bildung, Forschung und Innovation. Er will mit dieser Rede an seine Ansprache vom 13. März des vergangenen Jahres anknüpfen. Damals hatte Schröder die Agenda 2010 beschworen. Wir sind entschieden und entschlossen, dass es keine Rolle rückwärts geben kann und darf. Diesen Satz konnte man, nach dessen Bestätigung als Parteichef durch den SPD-Vorstand, von Franz Müntefering hören. Er macht also einen braven Kanzlertreuen. Ähnlich treu wird sich der ebenfalls bestätigte neue Generalsekretär der Partei und Olaf Scholz-Nachfolger verhalten. Der heißt Klaus Uwe Benneter und soll bei einem Sonderparteitag am 21. März gewählt werden. Wird er sicher auch. Immerhin ist an diesem Tag auch Frühlingsanfang und gute Gelegenheit Neues entstehen zu lassen. Die Natur machts vor. Geschmeidigkeit, schreibt die Berliner Zeitung in ihrer Montagsausgabe, sei die hervorstechenste Eigenschaft Benneters. Er ist lange dabei, kennt Schröder seit den 70er Jahren und will Macht und Einfluss. Beides bekommt er jetzt. Elementar wird hierbei wohl seine Loyalität sein. Er lobt die Agenda 2010 und hat Schröder beim Lügenausschuss den Rücken freigehalten. Loyalität braucht der Kanzler. Auch wenn dadurch nicht unbedingt frische Knospen sprießen.
Montag, 09.02.2004
Quasi als Bonus zur loyalen Troika Schröder, Müntefering, Benneter rumort es an der Basis der SPD und auch Wirtschafts- und Arbeitsminister Clement denkt laut nach. Er befürchte unter einem Parteichef Müntefering bei seinem Reformkurs in Zukunft weniger Rückendeckung zu haben als unter Schröder. Clement ist gleichzeitig auch Vize-Parteichef und war ähnlich überrascht über den Chefwechsel wie der Rest der Partei. Dieser Rest fordert nun eine Kabinettsumbildung. Wenn Minister weiter handwerkliche Fehler machen oder in neue Kakophonie verfallen, wird man handeln müssen, sagt der Sprecher des Seeheimer Kreises Klaas Hübner. Die kommenden Wochen versprechen einige Spannung unterhalb der allgemeinen Loyalität.
Dienstag, 10.02.2004
Ein leidlich amüsanter Krimi geht in Russland zu Ende. Der seit fünf Tagen vermisste Präsidentschaftskandidat Iwan Rybkin meldet sich aus Kiew. Er habe sich mit Freunden von den Strapazen erholt, die seine Kritik an Präsident Putin hervorgerufen hätten. Nebenbei habe er weder sein Mobiltelefon noch den Fernseher eingeschaltet. Kann sein, Vodka und Brot mit Salz sind allgemein bekannte Gedächtnisvernichter. Dennoch, etwas seltsam mutet diese Geschichte trotz der Aussage des Kandidaten an. Immerhin sind in den vergangenen Jahren schon zehn Duma-Abgeordnete auf mehr oder weniger undurchsichtige Weise aus dem Leben geschieden. Das Volk vermutete auch hier das gleiche. Rybkin hatte die Tschetschenienpolitik Putins als Staatsverbrechen beschrieben und diesen selbst korrupt genannt. Sollte der amtierende Präsident etwa ...? Er wird clever genug sein, dass nicht ....
Rybkin selbst erklärt nach seiner Rückkehr am morgigen Mittwoch, was ihm, eventuell, wirklich widerfahren ist. Er sei nach Kiew gereist, um einen tschetschenischen Führer zu treffen und sich für den Frieden in dieser Region einzusetzen, sagte der Präsidentschaftskandidat. Man habe ihn aber in eine Wohnung gelockt, dort Tee und Brot serviert, nach deren Genuss er sich schläfrig gefühlt habe. Als er wieder zu sich gekommen sei, habe man im Videos mit perversem Inhalt und ihm in der Hauptrolle vorgeführt. Näher ging er nicht darauf ein. Am Dienstag dann sei er gezwungen worden, sich via Handy zu melden und die oben beschriebene Geschichte zu erzählen. Den Tätern sei es darum gegangen, die Opposition in Russland bloß zu stellen.
Besser hätte auch Henning Mankell so eine Geschichte nicht schreiben können. Wie hoch der Wahrheitsgehalt hierbei liegt, bleibt wohl im Verborgenen. Das Rybkins Chancen, tatsächlich Präsident Russlands zu werden marginal sind, ist dagegen kein Geheimnis. Publicity braucht jeder. Zumindest in die Köpfe der Menschen hat er es damit geschafft.
Mittwoch, 11.02.2004
Ach, schön, so ein Präsidentschaftswahlkampf. Quer rüber über den großen Teich diesmal. Während John Kerry in hoher Frequenz Vorwahlen zur Ernennung des Präsidentenkandidaten der Demokraten gewinnt - Ende der Woche werden es vierzehn Siege sein - beginnt langsam die Schlammschlacht im Wahlkampf. Präsident Bush habe, so die Konkurrenz, seinen Wehrdienst Anfang der 70er Jahre unter falschen Vorwänden abgekürzt und sei somit alles andere als glaubwürdig. Und so einer schickt Soldaten in den Krieg. Welche Wäsche an der Haut Kerrys dreckig ist, werden die Republikanischen Kreativköpfe sicher noch finden. View wettet, es hat mit Sex zu tun. Ist ja noch Zeit bis zu den echten Wahlen.
Donnerstag, 12.02.2004
Den Beweis für die These: Iss nichts, das du nicht selbst gebacken hast, haben zehn Lehrer eines Gymnasiums in Lüneburg (da wo die Heide wuchert) unfreiwillig erbracht. Weil sie einen Schokoladenkuchen, der vor ihrem Lehrerzimmer stand, ahnungslos vertilgt haben, führten sie sich eine beachtliche Menge Haschisch zu. Dem unweigerlich folgenden Unwohlsein folgte ein kurzer Krankenhausaufenthalt des Lehrkörpers. Vielen Dank für alles - guten Appetit stand auf einem, dem Kuchen beigelegten Zettel. In der Schule ist es üblich, das Eltern oder Schüler für die Lehrer buken. She's so high - high above me ...
Freitag, 13.02.2004
375.000 Menschen bei 3 Konzerten in Knebworth, 5 Studioalben und ebenso viele Jahre Take That, 25 Millionen verkaufte Tonträger, 21 Hit-Singles, 128 Millionen Euro-Plattenvertrag bei EMI, 6 Schlafzimmer, 9 Badezimmer, 14 Tattoos: Robbie Williams wird 30.
Samstag, 14.02.2004
Barbie geht fremd. Nach knappen 25 aufgezwungenen Ehejahren mit Ken hat das Püppchen die hübsche Nase voll und vergnügt sich mit Blaine, einem heißen Surfer-Typen, einem Beach-Boy, wie er in hübscher Plastik im Spielwarenladen steht. Kein Wunder, ist ja auch Valentinstag und damit der Tag der Liebe, des geliebt Werdens, des Liebens und der ungeliebten Depression ungeliebter Exemplare. Davon gibt's reichlich. Übrigens ist dieser Tag keine bloße Erfindung der Konfekt- und Blumenindustrie, sondern hängt einem heiligen gleichen Namens an, der zum Leidwesen des Papstes seiner Zeit Verliebte auch ohne Zustimmung des Kirchenoberhaupts in den Stand der Ehe gehievt hat. Und das hat er nun davon. Knutschen Sie Ihre Liebste, liebe Leser. Sie erwartet es von Ihnen. Blumen kommen gut, Süßkrempel nicht so. Und bitte unterlassen Sie Valentinstagskarten, die Aufschriften wie Folgende tragen: Stell dir meine Liebe als Kaffee vor und schenke dir immer wieder nach, wenn Sie weiterhin geknutscht werden wollen. Karten mit dieser Aufschrift gehören zu den meistverkauften in den USA. Aber die wählen auch George W. Bush zum Präsidenten. Sie wissen, was das heißt.