Die Woche im Spiegel von view
- Sonntag, 18.01.2004
- Ein langweiliger Tag, dieser Sonntag. Keine Katastrophen, mal abgesehen von üblichen alltäglichen, keine Rücktrittsdrohungen - nein, der Kanzler will sich lieber für eine Eliteuni namens Humboldt stark machen. Nichtmal eine miefige neue Seuche, die nicht schon in der letzten Woche up-to-date gewesen wäre, nichts. Schönes Wetter heute? Geschneit hats jedenfalls nicht.
- An so einem Tag werden in Berlin die Berliner Sportler des Jahres gewählt. Die Berliner Sportler, nicht die bundesdeutschen, wohlgemerkt. Sven Ottke ist es bei den Männern, Claudia Pechstein bei den Frauen. Alba Berlin heißt die Mannschaft des Jahres und man bekommt das lustige Gefühl eines Déjà vus. Sowohl Alba als auch Ottke haben schon sechs Trophäen in der Schrankwand stehen, Pechstein hat Pech und nur vier.
- Sonntags, halb zehn in Berlin. 'N Happen essen, nochmal umdrehen, schlafen. Spannender wirds nicht mehr.
- Montag, 19.01.2004
- Im Laufe dieser Woche wird in Finnland ein Beamter sterben, während der Arbeit an seinem
Schreibtisch sitzend, und zwei Tage werden seine Kollegen keine Notiz davon nehmen, sondern glauben,
er brüte an einer Steuererklärung. Kein Scherz. Zu leicht personifiziert man Beamte als scheintote
Bürohengste oder -stuten, deren Arbeitsmoral im Wesentlichen der einer Schnecke gerecht werden
könnte. Stimmt aber nicht. Das Berufsbeamtentum umfasst viel mehr als nur schnarchige Bürokraten.
Lehrer sind auch Beamte und abgesehen davon sogar Menschen. Hochschulprofessoren auch. Und die
rennen häufig in der Gegend rum und sind vergleichsweise engagiert. Bundesinnenminister Schily nennt
das Berufsbeamtentum
... ein deutsches Erfolgsmodell
. Trotzdem will er ihm an den Kragen. Beamte sollen, so stellt es sich der Minister vor, künftig länger arbeiten und, wenn sie schlechte Leistungen bringen, weniger Geld bekommen. Wenn Sie also, sollte die Idee Gehör finden, in Zukunft in Berlins Straßen zerlumpte Menschen mit Aktentaschen unter den Armen herumlaufen sehen, geben Sie Ihrem Herzen einen Stoß und dem Lumpenträger ein paar Euro. Es könnte ein Beamter sein und damit ein deutsches Erfolgsmodell. - Dienstag, 20.01.2004
Solange ich das Vertrauen der Bundesregierung habe, bleibe ich an Bord.
Und:Im Moment ist er sehr selbstsicher.
Aber mürbe? Gemeint ist Florian Gerster, Noch-Chef der Bundesagentur für Arbeit und seine Vergabepraxis bei Beraterverträgen. Diese Woche wird ein Ergebnis bringen, der heutige Tag bürgt Spekulation und Druck.- Mittwoch, 21.01.2004
- View imitiert Günther Jauch und stellt eine Frage, die der
Wer wird Millionär-Mann
auch immer wieder stellt:Was machen Sie mit dem Geld?
Im Regelfall meint der Jauch dabei Beträge im Bereich zwischen 32.000 und 500.000 Euro. Wir meinen einen Peanut-Betrag von 57 Millionen Euro. Ungefähr. Bei der Höhe kommt es auf die eine oder andere Million nicht an. Auf diese Summe belaufen sich die Prämien und Pensionen, die bei der Übernahme von Mannesmann durch Vodafon an Spitzenmanager und Ruheständler geflossen sind. Angeklagt sind unter anderem der Vorstandschef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, der ehemalige IG-Metall-Chef Klaus Zwickel und der damalige Mannesmann-Chef Klaus Esser. Heute war der erste Verhandlungstag, es folgen 39 weitere. Wir beobachten gespannt und wüssten sicher, was wir mit dem Geld anfangen würden. Hatte der Springer Verlag nicht in der letzten Woche so ein hübsches Gebäude ...? Wollen wir auch. Was nun, Herr Jauch? - Donnerstag, 22.01.2004
- In China wird Neujahr gefeiert und das Jahr des Affen eingeleutet. Alles soll besser werden, der Affe steht für Wohlstand. Im letzten Jahr war das Jahr der Ziege, mit SARS und allen Unannehmlichkeiten. SARS ist schon wieder da, hat sich ein Affenkostüm angezogen und feiert kräftig mit. Die Seuche hat auch einen Kumpel mitgebracht, die Hühnergrippe, es kann nur besser werden.
- Freitag, 23.01.2004
- Wenn die amerikanischen Raumfahrtpläne tatsächlich Realität werden und um 2030 herum der
erste Mensch seinen Fuß auf den Mars setzt, braucht dieser Mensch vor allem ein Lebensmittel nicht:
Wasser. Die Weltraumsonde
Mars-Express
der europäischen Raumfahrtagentur ESA hat Wasser gefunden. Am Südpol des Planeten, gefroren, über- und unterirdisch. Der Raumfahrer braucht nur noch Topf und Spirituskocher, um sich einen leckeren Tee zu kochen. Zwar haben die Amerikaner schon vor zwei Jahren Wasser auf dem Mars entdeckt, aber mitnichten so hübsch fotografiert, wie heuer Mars-Express. Mit dieser Entdeckung wird die millionenteure Bruchlandung der Marslandeeinheit Beagle II förmlich unwichtig. Soll der Blecheimer doch zur Belustigung der Marsamöben dienen, wir haben Wasser, mag die ESA jetzt frohlocken. Und wenn die Marsamöbe aus Marshopfen, -malz und dem frischen Marswasser schon ein lecker Bier brauen kann, ist der Evolution genüge getan und Menschen und Mars werden freudig zu dem, was HG Wells 1938 die Erde überfallen lies. Marsmenschen. - Samstag, 24.01.2004
- Der Tag der Woche ist wiedereinmal der Samstag. Einerseits bewahrheit sich die Erwartung vom Dienstag. Bundeswirtschaftsminister Clement entlässt Florian Gerster. Zuvor hatte der Bundesagentur für Arbeit-Verwaltungsrat seinem Chef den Gehorsam entzogen und mit 20:1 Stimmen das Misstrauen ausgesprochen. Anders hatte das niemand erwartet. Wer Gersters Nachfolger werden soll, ist bis dato (Sonntag Abend, 20:00 Uhr) unklar. Binnen 30 Tagen muss jedoch ein Nachfolger benannt sein.
- Andererseits stirbt mit Helmut Newton der wohl berühmteste, aber sicher auch teuerste
Fotograf unserer Zeit bei einem Autounfall in Los Angeles. Der 83jährige hatte die Kontrolle über
sein Fahrzeug verloren und war gegen eine Wand gefahren.
Helmut Newton war ein großartiger Fotograf, wir verlieren einen Künstler von Weltrang
, sagte der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Im vergangenen Oktober überließ Newton der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin eine umfassende Fotosammlung, die in der ehemaligen Kunstbibliothek am Bahnhof Zoo untergebracht werden soll.