Die Woche im Spiegel von view

von Klaus Esterluß

Sonntag, 11.01.2004
Es geht ans Eingemachte. Nicht aber an Muttis Marmeladenreserven aus dem vergangenen Jahr, sondern Gold. Bitte verschlucken sie nicht in Panik ihre Goldkronen. Auch ihren Schmuck dürfen sie gern behalten, lieber Leser. Dieses Land verfügt über den zweitgrößten Goldvorrat aller Länder der Erde. 3.440 Tonnen alles in allem, mit einem Gesamtwert von etwa 37 Milliarden Euro. Je nach Tagesform. Das ist mehr als Dieter Bohlens Sammlung goldener Schallplatten. Erstaunlich. 400 bis 600 Tonnen davon sollen verkauft werden, um den Erlös, zwischen vier und sieben Milliarden Euro, sinnvoll anzulegen. Aus den daraus gewonnenen Zinsen, um die 300 Millionen Euro jährlich, möchte man in Forschungsprojekte investieren. 4,2 Prozent Zinsen sind das übrigens. Die Regierung und der Bundesbankpräsident Ernst Welteke seien sich einig, heißt es. Das Bundesfinanzministerium dagegen tut unwissend. Neu ist letzteres nicht.
Montag, 12.01.2004
Es gibt in der Bundesregierung ein Gesetz, dessen Inhalt regelt, dass Zivildienstleistende nicht - im Vergleich zu Wehrdienstleistenden - benachteiligt werden dürfen. Das heißt, wenn der Wehrdienst geschrumpft wird, wird es der Zivildienst auch. Und wenn sie die Frage: Watt? Warum hamsen nich jedient, junger Mann? nochmal zu einem alternativ aber dynamisch wirkenden Menschen sagen wollen, müssen sie sich beeilen. Im Bundesfamilienministerium schließt man nicht aus, das der Zivildienst schon 2004 von zehn auf neun Monate verkürzt wird und vier Jahre später komplett ausläuft. Verteidigungsminister Struck zückt für die Bundeswehr den Rotstift. Es folgt: Siehe oben.
In Berlin pflegen, fahren, gärtnern und helfen etwa 3500 Zivildienstleistende. Ersetzen kann man die ohne weiteres nicht.
Dienstag, 13.01.2004
Die Konkurrenz rüstet auf. Der Axel Springer Verlag baut sein Haus in Berlin nun doch endlich fertig, indem heute die Axel Springer Passage eingeweiht wird. View baut keine Häuser (irgendwas läuft hier falsch), dafür aber lesbare und fundierte Artikel. Was ist wohl besser?
Mittwoch, 14.01.2004
Wenn die am Dienstag angesprochene Zeitung (BILD) und etliche andere beinahe jeden Tag mit demselben Thema aufmachen, dann kommen wir wohl auch nicht daran vorbei. Das Thema heißt Ich bin ein Star - holt mich hier raus, läuft auf RTL und ermöglicht es Menschen der Popularitätswertigkeit unbedeutend, sich in einem australischen Urwaldareal quasi zu prostituieren.
Dabei denkt niemand an den Stress für die armen Tierchen wie Kakerlaken, Schlangen, Aale, Schmeißfliegen und Koalabärchen, die mit Sicherheit tausend Tode sterben, wenn ein Mensch der Kategorie Küblböck so mir nichts dir nichts unter sie geworfen wird. Vor allem wenn der kreischt. Auch Kakerlaken haben Ohren. Irgendwo.
Einen großen Unterhaltungseffekt erhält das Urwaldvergnügen im Wesentlichen jedoch durch die Lästertiraden einer gewissen Caroline Beil. Die hat wohl mal Blitz bei Sat1 moderiert. Ihr journalistisch par exellance geschultes Lästermäulchen brachte ihr den Beinamen Hackebeil ein, was einerseits prima passt, andererseits aber den Gesundheitszustand eines guten Dutzend Vogelstrauß dramatisch verschlechtert hat.
Weil Frau Beil so böse ist, verdonnerte sie das Publikum der Sendung, immerhin knapp sieben Millionen Menschen, zu einer Prüfung, bei der sie in einem Gehege garniert als Straußenfutter mit eben jenen Straußen Ringelpietz mit Anfassen spielen sollte. Preis war eine Sonderration Nahrungsmittel für die Dschungelmenschen. Die Straußen taten das einzig Richtige und pickten auf den Fremdkörper ein. Das machte blaue Flecken und verhalf zu mindestens einer Gewissheit: Auch wenn man nur Semi-Star mit Geltungsgeilheit ist, bleibt die ruhige Couch zu Hause eine gesündere Alternative. Da hilft auch Küblböcks blöken wenig. Den Straußen ist jetzt sicher schlecht.
Donnerstag, 15.01.2004
Der jüngste Musikchef Deutschlands nimmt seinen Hut. Tim Renner, Boss der Universal, verlässt zum Monatsende seinen Posten. Schlimm? Vielleicht. Das dickere Ende kommt einen Tag später ...
Freitag, 16.01.2004
... die graue Eminenz packt ebenfalls die Koffer. Onkel Stein, unter diesem Namen kennen wohl die meisten Menschen Thomas M. Stein, den Chef von BMG Deutschland. Arbeitslos wird er trotzdem sicher nicht. Der gute, gern mal ausgebuhte Onkel Stein, sitzt nach wie vor in der Jury zum RTL-Kracher Deutschland sucht den Superstar. 54 Jahre ist er alt, hat graue Haare und anno dazumal Chris de Burgh entdeckt. Tim Renner, sein 39jähriges Pendant machte Rammstein groß. Beiden ist gemein, dass sie, entgegen der allgemein niedergehenden deutschen Musikindustrie, Gewinne erwirtschaftet haben. Renner war bei der Sendung Popstars involviert, Stein bei der Konkurrenz. Platten haben sie verkauft, welche aus Deutschland. Keine Internationalen. Und das schmeckt der echten Führungsetage in Übersee wenig. Was zählt schon ein mittelmäßiger Alexander K., wenn U2 weniger verkaufen. Wer hat mehr Wert? Kurz vor der Fusion von BMG mit Sony muss der Stein also gehen. Merken wird der Konsument wenig davon. Platten bleiben zu teuer, gecastet wird weiterhin. Egal, ob nun Renner oder Stein oder gänzlich andere die Hebel ziehen.
Samstag, 17.01.2004
1.600 Aussteller aus 56 Ländern bevölkern derzeit das Messegelände unter dem Funkturm. Die Veranstaltung dazu heißt Internationale Grüne Woche. Der Start war erfolgreich, mehrere 10.000 Gäste bevölkerten schon am Starttag die heiligen Hallen, um zu sehen und vor allem zu kosten, was die Welt an exotischen Früchten und einheimischer Fauna zu bieten hat. Zwischen dem Biss in die Kuh und der Knabberei an stachligen, rosafarbenen Irgendwassen, die nach Marzipan schmecken, bleiben dem Naturfreund vielerlei Testmöglichkeiten. Guten Appetit und lassen sie den ein oder anderen Exoten rüberwachsen. View wartet gespannt auf Einsendungen. Zur Not auch per mail.