Die Woche im Spiegel von view

von Klaus Esterluß

Samstag, 27.12.2003
Planet Mars, im Dezember. Der Beagle hat wohl verpennt. Zum jetzigen Zeitpunkt sind bereits fünf Versuche, Kontakt zum Mars-Lande-Roboter der Europäischen Weltraumagentur aufzunehmen, gescheitert. Beagle schweigt beharrlich. Man vermutet nun, dass die großen Temperaturunterschiede während der Reise die Uhr des Landegerätes verzogen haben und Beagle 2 irgendwo auf dem unwirtlichen Planeten steht und quasi schläft. Der view-Redakteur kennt das leidige Wecker-Problem. Vielleicht grillt sich der ein oder andere Marsmensch, den oder dessen Lebensgrundlage zu finden die Mission gestartet wurde, seine nachweihnachtlichen Mars-Gänsekeulen in den Sonnenkollektoren. Sechs Monate halten die Solarzellen des Beagle. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Sonntag, 28.12.2003
Das Jahresende ist immer prädestiniert für Weissagungen. Hoffnungsvoll oder nicht, irgendwo zwischen persönlichen Horoskopen, Weltuntergang (soll Mitte Mai sein, also Obacht) oder, bodenständiger, über die Wirtschaftssituation der Hauptstadt. Der Hauptgeschäftsführer der Berliner Industrie- und Handelskammer Jan Eder meint (in der Berliner Morgenpost), dass mit einem Wirtschaftswachstum von 0,5% zu rechnen sei. Besonders herausragend ist das nicht, sagt er, man läge noch immer hinter dem Bundesdurchschnitt, aber was nicht ist, kann ja noch werden. 2005 oder 2006 nach der EU-Osterweiterung. Hoffen wir mal und warten auf Geld in leeren Kassen. 2003 ist das Wachstum übrigens um ein Prozent gesunken. Kann wer rechnen?
Montag, 29.12.2003
Drei Jahre hat es gedauert, 1,2 Milliarden Euro gekostet und keiner hat etwas gemerkt. In China, zwischen dem Flughafen Pudong und Shanghai, fährt der erste Transrapid im Linienbetrieb. Jeden Tag zwischen 8:32 Uhr und 12:32 Uhr. Eine Fahrt dauert acht Minuten und kostet umgerechnet sieben Euro. Wir fahren ohne jede offizielle Zeremonie los, sagt Xia Guozhong von Chinas Betreibergesellschaft. Zwei Hostessen standen an den Haltestellen. Sie trugen Hinweisschilder mit richtungsweisenden Pfeilen. Mehr war nicht. Die Jungfernfahrt vor gut einem Jahr, zu der eigens Bundeskanzler Schröder angereist war, hatte mehr Pomp. Jetzt fährt er, der Transrapid. 430 km/h schnell.
Dienstag, 30.12.2003
Kurz vor dem Jahreswechsel ist Hamburg in Aufregung. Laut nachrichtendienstlichen Quellen der USA sollen islamische Terroristen Selbstmordanschläge auf das Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg (dort sollen auch verwundete Soldaten aus dem Irakkrieg behandelt werden) und den US-Militärflughafen im Großraum Frankfurt planen. Im Umkreis der entsprechenden Einrichtungen wurden die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt und Fahrzeuge durchsucht. Gefunden wurde dabei nichts. Festnahmen gab es ebenfalls keine.
Mittwoch, 31.12.2003
Zwischen 23:50 Uhr und 0:45 Uhr liegt die Stadt Berlin unter dichtem Nebel. Das liegt nicht am vergleichsweise kalten Wetter, sondern wird durch einige tausend Knall- und Leuchtkörper verursacht, die sich ihren Weg durch den nächtlichen Himmel schneiden. Besonders sinnvoll ist, dass man die kurz nach Mitternacht wegen des Rauches nicht mehr sieht. Die Luft riecht nach Schießpulver, sie sind also noch da. Heute ist Silvester.
Die, die nicht in den eigenen vier Wänden oder drum herum feiern, gehen zu einer der zahlreichen Veranstaltungen oder zum Brandenburger Tor. Eine knappe Million Menschen tut letzteres. Im Dunstkreis des dortigen Feuerwerks schleudert eine Rakete durch einen Lüftungsschacht ins Dachgeschoss des ZDF-Hauptstadtstudios und setzt es in Flammen. Dabei wird niemand verletzt. Einem Mann jedoch, ebenfalls im erwähnten Dunstkreis, fällt eine fußballgroße Pappkugel auf die Schulter, die, im Gegensatz zur ZDF-Rakete, nicht gezündet hat und eigentlich zum Schauspiel am Brandenburger Tor gehörte. So gesehen eine normale Silvesternacht. Schnapsleichen, gesprengte Briefkästen - das Übliche.
Donnerstag, 01.01.2004
Mein guter Vorsatz für 2004: Rollmöpse, Aspirin und Mineralwasser kaufen, bevor der Kater kommt. Geschlossene Supermärkte an Feiertagen machen keinen Spaß.
Freitag, 02.01.2004
Diese Meldung passt zum Donnerstag. Da hat der reuige Zecher einen gehörigen Brummschädel, dadurch seine Geheimzahl zum Bankautomaten vergessen und ergo kein Geld im Portmonee. Der Weg zum Allgemeinarzt bleibt ihm trotz migräneartigen Zuständen aber versperrt. Denn der Doktor will seit gestern Geld sehen. Zehn Euro sind fällig, pro Quartal, der Gesundheitsreform sei Dank. Wir weisen ab, wer kein Notfall ist. Und wer laufen kann, ist kein Notfall, sagt eine Ärztin im Bezirk Friedrichshain. Der Brummschädel kann noch laufen. Vielleicht nicht geradeaus, aber immerhin.
Samstag, 03.01.2004
Kein Wochenrückblick ohne den Kanzler. Johannes Rau will keine zweite Amtszeit als Bundespräsident. Und Gerhard Schröder möchte seine Hauptwidersacherin bei den Bundestagswahlen 2006 aus dem Rennen haben. Darum meldet er sich zu Wort und sagt, er fände es an der Zeit, dass eine Frau Präsidentin würde. Das habe er schon häufig angemerkt. Angela Merkel, die Auserwählte des Kanzlers, sieht das selbstredend anders. Man werde die Entscheidung unabhängig von der SPD nach einem eigenen Zeitplan treffen. Schließlich will sie Schröders Job. Eine Präsidentschaft passt da nicht hinein. Diese soll möglicherweise Wolfgang Schäuble übernehmen. Stimmen dafür mehren sich in der CDU/CSU. Gewählt wird am 23. Mai 2004.