Die Woche im Spiegel von view
- Sonntag, 09.11.2003
Wir haben nun gesehen, wie stark und nachhaltig Juden die revolutionäre Bewegung in Russland und mitteleuropäischen Staaten geprägt haben. (...) Mit einer gewissen Berechtigung könnte man im Hinblick auf die Millionen Toten dieser ersten Revolutionsphase nach der Täterschaft der Juden fragen. Juden waren in großer Anzahl sowohl in der Führungsebene als auch bei den Tscheka-Erschießungskommandos aktiv. Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als
[Auszüge aus der Rede des CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann anlässlich des Nationalfeiertages am 3. Oktober. Es dauert weitere 3 Tage, bis sich die Parteivorsitzende Angela Merkel mit ihrem Parteiausschluß-Begehren durchsetzt. Es gibt 29 Gegenstimmen.]Tätervolk
bezeichnen. Das mag erschreckend klingen. Es würde aber der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet. (...) Wir haben also gesehen, dass der Vorwurf an die Deutschen schlechthin,Tätervolk
zu sein, an der Sache vorbeigeht und unberechtigt ist. Wir sollten uns in Zukunft gemeinsam gegen diesen Vorwurf wehren. Unser Leitspruch sei: Gerechtigkeit für Deutschland, Gerechtigkeit für Deutsche.- Montag, 10.11.2003
- Nun ja, noch mal Hohmann, irgendwie. Veronica Ferres ist bei Reinhold Beckmann zu Gast.
Und weil eben gerade Hohmann in ist, passt auch die Ferres mit ihrer
aktuellen ARD-Produktion
(Beckmann)Annas Heimkehr
ganz fein ins Programm. Der Film erzählt die Geschichte einer deutschen Hausmagd, die das Kind einer jüdischen Familie während des Dritten Reichs vor den Nazis rettet. Schöne Geschichte, nichts mit Tätervolk-Verklärung und so. Und weil es sich eben gerade anbietet, äußert sich das ehemaligeSuperweib
auch noch zur aktuellen Diskussion. (Obwohl es die primäre Aufgabe von Schauspielern sei, zu unterhalten, so Ferres.) Und so hörte sich die politische Ferres dann an:In gewissen bürgerlichen Kreisen ist es wieder chic geworden, rechts zu sein.
Woher Frau Ferres diese Einsichten gewonnen hat, blieb unklar. Aber es ist doch schön, dass man von einer gutbürgerlichen Schauspielerin erfährt, wie es denn in ihren Kreisen so ausschaut. Und:Man kann nie genug gegen das Vergessen ankämpfen.
Wohl wahr. Leider fiel es aber auch ziemlich leicht, nicht gegen das Wegzappen zu kämpfen. Bei soviel Platitüden. Man kennt sie anders. Aber sicher macht Veronica Ferres auch bald wieder einen neuen Film. - Dienstag, 11.11.2003
- Es war ein mal ein junges Mädchen. Äußerlich unterschied sie sich von anderen jungen
Mädchen nur darin, dass sie eine Uniform trug. Eine Armeeuniform. Sie war Soldatin in einem
Infanteriebataillon. Im Irak kam sie in einen Hinterhalt und wurde verschleppt. Nach einiger Zeit
entschlossen sich Strategen im Pentagon, Jessica aus dem Schoss der Hölle zu befreien. Man drang in
das Krankenhaus, in dem Jessica lag und behandelt wurde, ein und holte das verlorene Mädchen nach
Hause zurück. Dort, in den USA, wurde sie dann gefeiert als Heldin. Man wusste die aberwitzigsten
Geschichten über das tapfere Mädchen zu berichten. Wie ein Action-Held habe sie sich gegen die bösen
Iraker gewehrt, habe eine Handvoll von ihnen mit ihrem M-16 niedergemäht.
Sie kämpfte bis zum Tod
, schrieb beispielsweise dieWashington Post
unter Berufung aufMilitärkreise
. Und dann war da noch dieses Buch. Es heißtI'm a Soldier, too
. Ich bin auch ein Soldat. Verfasst von einem Ghostwriter, perfekt vermarktet durch ihren (jetzt Ex-) Arbeitgeber, dem Pentagon. Heute hat Jessica Lynch alles Gesagte, Vermutete und Geschriebene als Übertreibung gebrandmarkt und ihre Heldenstilisierung als verlogen kritisiert. An die angebliche Vergewaltigung durch irakische Soldaten kann sie sich nicht mehr erinnern. Jessica Lynch ist aufgewacht aus einem Märchen, das für sie geschrieben wurde. Ohne dass sie die Hauptrolle wollte. - Mittwoch, 12.11.2003
- Burkhard Müller-Ullrich von der
Frankfurter Rundschau fragt sich, warum Martin Hohmanns Äußerungen derart verspätet
in den Medien auftauchten:
Der Mann, der seine Partei jetzt dermaßen zur Eile antrieb, tat dies immerhin mit einer äußerst abgestandenen Beobachtung: Dass zu den frühen Führern der Sowjetunion auch etliche Juden zählten, ist nicht gerade eine Neuigkeit; das konnten ausgeschlafenere Antisemiten als der MdB aus Neuhof bereits vor 85 Jahren konstatieren. Die skandalösen Folgerungen, die er daraus zog, brauchten wiederum fast einen Monat, um im Zeitalter der globalen Massenkommunikation ihren Weg vom Biertisch eines Vereinslokals im Raum Fulda bis zu den Redaktionsräumen des Hessischen Rundfunks in Frankfurt zu nehmen. Das heißt, ein deutscher Bundestagsabgeordneter kann in aller Öffentlichkeit monströse Dinge sagen, er kann sie sogar auf seiner amtlichen Homepage veröffentlichen, und einen Monat lang passiert gar nichts. Es wäre interessant zu untersuchen, was in diesem Zeitraum wirklich geschehen ist? Haben nur zustimmende Dumpfbacken den Vortrag gelesen und gehört? Oder nimmt überhaupt niemand zur Kenntnis, was ein deutscher Politiker auf Bundesebene so sagt und tut? Gibt es in einer so hoch entwickelten Organisation wie der CDU kein Alarmsystem, das anschlägt, wenn eines der avancierten Mitglieder durchknallt?
- Donnerstag, 13.11.2003
- Der US-Senat billigt 401 Milliarden Dollar für den Verteidigungshaushalt. Die jährlichen Ausgaben aller Industrienationen für die Entwicklungshilfe belaufen sich auf 56 Milliarden Dollar.
- Freitag, 14.11.2003
- Wolfgang Heine ist gescheitert. Der schwer kranke Raucher hatte versucht, den
Tabak-Konzern Reemtsma auf Schadenersatz und Schmerzensgeld verklagt. Seine Argumentation: Reemtsma
habe zu der Zeit, als Heine mit dem Qualmen anfing, noch keine Warnhinweise auf die Schachteln
gedruckt. Außerdem warf der
Ernte 23
-Süchtige dem Zigaretten-Multi vor, er mache seine Kunden mit suchtfördernden Beimischungen abhängig. Die Richter lehnten ab. Begründung: Keine Aussicht auf Erfolg. Jetzt ist Heine Deutschlands bekanntester Raucher und Gast in vielen Talk-Shows. Vielleicht gibt man ihm ja bald auch eine eigene Sendung oder Werbeverträge für Nikotin-Pflaster. Und Zeit für eine Biografie wird es auch. - Samstag, 15.11.2003
- Es soll Momente geben, in denen schiere Brillanz den Gegner vor Bewunderung erstarren lässt. Heute muss ein solcher Moment gewesen sein, wenn man die Bewegungslosigkeit der deutschen Nationalmannschaft während ihres Freundschaftsspiels gegen die französische Equipe Tricolore betrachtete. Zinedine Zidane spielte ballsicherer, Thierry Henry lief schneller und Claude Makelele graste ökonomischer das Spielfeld in Gelsenkirchen ab als das selbst der beste Deutsche des Abends, Andreas Hinkel, vermochte. Zur Erstarrung während der 90 Minuten kam nach dem Spiel die kollektive Sprachlosigkeit. Oliver Kahn, eigentlich bekannt als der redseligste Torwart-Titan seit Petar Radenkovic, lief, zur Maske erstarrt, kommentarlos an Reportern und Fans vorbei. Christian Wörns, der während des Spiels abwechselnd den Brummkreisel für Zidane und den Zuschauer für Henry gab, wollte nicht mal seine beliebten Worthülsen verteilen. Und so blieb es auch hier einzig dem jungen Hinkel vorbehalten, eine gute Figur zu machen. Er sprach offen taktische Fehler an, verlor kein Wort über den Vize-Weltmeister-Titel der doch in Turnieren stets so erfolgreichen Deutschen, diktierte den Journalisten Sinnhaltiges zur Klasse der Franzosen in den Block und vergaß auch nicht, sich bei den Fans für die gezeigte Leistung zu entschuldigen. Ein Länderspieljahr geht mit einem Debakel zu Ende. Und die WM 2002 mit dem Finaleinzug scheint Äonen zurück zu liegen. Wenigstens einer hat das scheinbar schon begriffen.