Die Woche im Spiegel von view
- Sonntag, 02.11.2003
- Von wegen, die Deutschen können nicht demonstrieren. 100.000 von ihnen legten heute
Berlins Mitte lahm. Und alle kriegen ihr Fett weg. Nicht gleichzeitig, aber nach und nach. Zur
Demonstation gegen den sozialen Kahlschlag
hatten mehrere Gewerkschaftsgliederungen, linke Gruppen, Globalisierungskritiker von Attac, PDS und Arbeitsloseninitiativen aufgerufen. 20.000 Menschen werden erwartet, das Ergebnis ist überraschend. Sauer sind sie, die Jungs von Attac und die anderen. Gerechte Reformen werden gefordert, Kanzler Schröders Absetzung auch. Das nächste Opfer heißt Koch und ist der Ministerpräsident von Hessen. Am 18. November geht es da los. Gegen die Sparpolitik. - Montag, 03.11.2003
- Kirchlicher Streit steht in den USA im Terminplan. Die Episkopalkirche hat einen
bekennenden Homosexuellen zum Bischof von New Hampshire geweiht. Drei Stunden dauerte die Zeremonie,
die V. Gene Robinson zum Bischof machte und wegen der nun eine Abspaltung der Kirche von der
Anglikanischen Mutterkirche drohen kann. Auch innerhalb der Episkopalkirche herrscht alles andere
als traute Einigkeit: Ein Pastor aus Albany im Staat New York verlas bei der Weihe angewidert eine
Liste sexueller Praktiken homosexueller Männer.
Menschen, die nach Gottes Bild geschaffen wurden, können so etwas weder praktizieren, noch segnen oder weihen
sagte er. - Ohne Kommentar.
- Dienstag, 04.11.2003
- Wolfgang Thierse (SPD) hat sich beschwert. Bei den Medien, die, seiner Meinung nach, die
politische Berichterstattung boulevardisieren würden. Das sagte der Bundestagspräsident bei seiner
Eröffnungsrede zum Mainzer Medien Disput. Nicht die wichtigen Entscheidungen würden in den
Vordergrund der Berichterstattung gestellt, sondern die Events, also Siege und Niederlagen.
Erstaunlich ist das nicht. Eine Hinwendung zu einer möglichst wirksamen Darstellung der Politik in
den Medien steht weit vor einer relevanten Aussage. Das Gesicht zählt, nicht das Programm. Er
stelle eine Tendenz zur Vereinfachung fest, sagte Thierse weiter, während zugleich politische
Prozesse immer schwerer zu durchschauen seien. Zudem würden Politiker im Fernsehen geradezu
genötigt,
umso einfacher und kürzer Stellung zu nehmen, desto komplizierter die Sachverhalte sind. Wenn dieser Trend zur Vereinfachung anhält, wird die Wirklichkeit tatsächlich in den Medien nicht mehr stattfinden.
In Mainz diskutierten mehr als 800 Medienmacher, Politiker und Wissenschaftler im ZDF-Sendezentrum unter dem MottoAuf dem Boulevard der Öffentlichkeit - was kostet uns die Meinungsfreiheit?
- Mittwoch, 05.11.2003
- Na Endlich. Die Mumie darf freudvoll in der Gruft rotieren (wenn sie denn in einer läge). Sie haben es geschafft. Helmut und Erika Simon, ein Ehepaar aus Nürnberg, stolperte vor 12 Jahren über eine umwerfende, lederhäutige Entdeckung. Ötzi, der Gletschermann, gut erhalten und tief gefroren, hatte ihnen wohlwollend die dunkelbraune Hand (oder Fuß) auf dem Similaun-Gletscher (Südtirol) entgegengestreckt. Die Simons griffen dankbar zu, Ötzi wurde Forschungsobjekt und Rechtsstreitthema. Wer darf Finder sein? Das deutsche Urlauberehepaar oder die autonome Provinz Bosen, in der Ötzi jahrhundertelang stocksteif die Stellung gehalten hatte? Die Simons. Das steht nun fest.
- Donnerstag, 06.11.2003
- Big, bigger, biggest. Bevor sich Mtv im Feiern seiner Helden übt, übt sich die Plattenindustrie bei der Schaffung von Superlativen. In Persona Sony und BMG hebt sich der dann zweitgrößte Plattenphönix als fusioniertes Unternehmen aus der Kriesenasche. Einig ist man sich darüber. Und schnell muss es auch gehen, denn die EMI plant ähnliches mit Warner Music (oder andersrum). Sony/BMG wird dann, nach Universal Music der zweitgrößte Musikverleger der Welt. Wer braucht schon Konkurrenz.
- Freitag, 07.11.2003
- Frei nach dem Motto:
Jeder kriegt irgendwo einen Preis
gibt's auch in diesem Jahr wieder die Mtv European Music Awards. Und die üblichen Verdächtigen und Helden der Popjugend dürfen sich feiern. Jedesmal woanders, diesmal auf der Insel. Quasi als Wunder von Edinburgh wurden ganze drei Preise jenseits des Stenopop verschenkt: 1. Beste Band: Coldplay, 2. Bester Rock: The White Stripes und 3. Bestes Video: Sigur Rós -Untitled 1
. Letzteres ist ein tiefbewegendes Werk, das so gut wie nie im Fernsehen zu sehen sein dürfte. Zum ersten Mal in der zehnjährigen Geschichte dieser Veranstaltung dürfen die Zuschauer die Preisträger selbst per SMS wählen. Dabei scheint also nicht jeder gute Geschmack in die Hose gewandert sein, auch wenn Beyoncé Knowles (Crazy in Love
) in einem Hauch von weniger als Nichts auf der Bühne performte und den angeblich besten Song des Jahres sang. Die drei genannten Preise sind Beweis genug. Es geht aufwärts. - Samstag, 08.11.2003
- Hertha BSC gelingt der erste Heimsieg der Saison. 2:1 gegen Borussia Mönchengladbach. Wir schreiben den 12. von 34 Spieltagen in der 1. Fußball-Bundesliga.