Die Woche im Spiegel von view
- Sonntag, 26.10.2003
- Lothar Bisky hat eine Menge erreicht. Der 67-Jährige war von 1992 bis 1994 Vorsitzender
des
Untersuchungsausschusses zu den MfS-Kontakten von Manfred Stolpe
, obwohl Bisky selbst beim DDR-Auslands-Geheimdienst als IMBienitz
reüssierte. Bisky ist auch Vorsitzender einer Partei. Er ist sogar wieder Vorsitzender, denn bis Oktober 2000 hatte er das Amt schon einmal bekleidet. Seinen wohl größten Erfolg hat der jugendlich wirkende Bisky aber heute errungen: Er hat seiner Partei ein neues Grundsatzprogramm aufgedrückt und damit gleichzeitig den Weg bereitet für seinen Nachfolger; die Partei ist die des demokratischen Sozialismus (PDS) und der kolportierte Successor Oskar Lafontaine. Deshalb kann man diesen Erfolg nicht hoch genug bewerten. In ihrem neuen Programm bekennt sich die PDS erstmals zu den Grundsätzen der Marktwirtschaft. Und weil es auch und gerade sein Bekenntnis ist, zeigte sich Bisky nach der Abstimmung hoch zufrieden.Hier in Chemnitz hat die PDS gewonnen und niemand verloren.
Mit der Zustimmung zu dem neuen Programm hat die Partei einen wichtigen Schritt zurück in die Politik gemacht.
Platitüden zwar, aber sie geben Zeugnis von der Hoffnung eines alten Mannes, dass seine Partei nicht in der ewigen Bedeutungslosigkeit verschwinden möge. Deshalb ist wohl auch Lafontaine so willkommen. Der zweite Frühling kommt mit den dritten Zähnen, hat Walter Matthau mal gesagt. Demnach wäre das neue Programm der Zahnersatz, Oskar Lafontaine die Haftcreme und Bisky? Der gibt erfolgreich den Zahnarzt. - Montag, 27.10.2003
- Eigentlich müsste die Welt für Cornelia Pieper in Ordnung sein. Die Generalsekretärin
der FDP und Landesvorsitzende in Sachsen-Anhalt ist ziemlich erfolgreich, hat ihrer Partei bei den
Kommunalwahlen in Brandenburg gerade schöne Zuwächse beschert und wird auch vom Parteivorsitzenden
Guido Westerwelle geschätzt. Außerdem hat sie einen Sohn, der als der perfekte FDP-Wähler durchgehen
könnte. Maximilian ist jung, aus gutem Haus und nicht dumm. Ab und an kifft er auch. Die Polizei hat
gerade Reste einer Cannabis-Pflanze im Pieper-Garten gefunden. Zeichen einer offensichtlich
liberalen Erziehung. Wolfgang Kubicki sieht das anders. Der FDP-Fraktionschef von Schleswig-Holstein
nimmt den Drogen-Fund bei Piepers zum Anlass, ein Gleichnis zwischen Mutter Pieper und
Generalsekretärin Pieper zu konstruieren.
Dieser Vorgang zeigt wieder einmal, wie naiv Frau Pieper ist. Sie ist liebenswert, aber in ihrer Funktion definitiv überfordert.
Daraus folgert Kubicki, Pieper müsse konsequenterweise zurücktreten. Der resolute Gar-Nicht-So-Liberale gilt nicht gerade als Freund Piepers und hatte ihr öffentliches Auftreten auch schon früherohne jegliche politische Substanz
genannt (Kubicki ist auch der beste Freund des von der politischen Bühne abgesprungenen Jürgen W. Möllemann und hatte ihn damals andauernd alsEhrenmann
verteidigt). Die Reaktion von Cornelia Pieper, Generalsekretärin der FDP und Mutter eines Kiffers, lässt aufhorchen:Kubicki hat nicht den Arsch in der Hose, einem direkt ins Gesicht zu sagen, was er von einem hält.
Ein Tabubruch, wohl kalkuliert. Pieper weiß den Chef hinter sich. Und Kubicki wird nichts anderes übrig bleiben, als sich zu entschuldigen. Oder einen Joint zu rauchen. - Dienstag, 28.10.2003
- Wie sich die Zeiten ändern. Vor Jahrzehnten kämpften die Gewerkschaften für die 40-Stunden-Woche, vor Jahren dann für 35 Stunden. Jetzt wird für die 30-Stunden-Woche gestritten. Die Befürworter heißen jetzt aber nicht mehr IG Metall oder DGB, sondern Opel und Deutsche Telekom.
- Mittwoch, 29.10.2003
- Die Männer, die sich an diesem Nachmittag im
Bombonera
-Stadion von Buenos Aires versammeln, sind allesamt um die 40 und wohlgenährt. Sie tragen Trikots in Blau oder Rot, auf denen Nummern und Namen stehen. Der kleinste und dickste von allen trägt die Nummer Zehn und den Namen Maradona. Er ist der Gastgeber dieses merkwürdigen Altherren-Treffens. Es ist sein finales, sein endgültig letztes Abschiedsspiel. Diego Armando Maradona, 41, Argentinier, eine der größten und tragischsten Gestalten der Fußball-Historie, Weltmeister 1986, Kuba-Asylant, Schreck aller Reporter und heiß geliebt von Neapel bis Neuseeland. Diego hat zum Anlass seiner Demission von der Bühne noch mal die Gegner früherer Zeiten eingeladen. Die Gegenspieler von früher sind Freunde von heute und sie stecken in Shirts mit ihren klangvollen Namen: Stoitchkow, Higuita oder Valderrama. Maradona schmerzen schon nach 20 Minuten die Knie, aber nach diversen Zauberpässen und zwei verwandelten Elfmetern durch den Meister gewinnt Diegos Team mit 6:3. Besonders innig umarmt Maradona, der beim Schlusspfiff wie erwartet in Tränen ausbricht, einen Spieler der gegnerischen Mannschaft: Mattahus, Nummer 27. Allen orthographischen Unzulässigkeiten zum Trotz hatte sich auch Lothar Matthäus blicken lassen. Loddar, ebenfalls deutlich fülliger als zu aktiven Zeiten, war gerührt wie Diego Armando, der zum Schluss sagt:Das war zuviel für mich.
Wie er es sagt, klingt es, als brauche er Erholung. Bis zum nächsten Abschiedsspiel. - Donnerstag, 30.10.2003
- Für die gebeutelten Iraker gibt es wieder Geld zu verdienen. Viel Geld. Die USA haben 25 Millionen Dollar Kopfgeld auf Abu Mussab Sarkawi ausgesetzt. Der ehemals dritte Mann in der Hierarchie unter Saddam Hussein ist damit genauso viel wert wie der Diktator.
- Freitag, 31.10.2003
- Harry Nutt von der
Frankfurter Rundschau
kommentiert die Diskussion um den Graffitti-Schutz für die Stelen des Holocaust-Mahnmals, den die deutsche Firma Degussa bereit stellen sollte:Was als Abwehrstoff für unliebsame Zeichen gedacht war, kehrt im Namen der Degussa und ihrer Geschichte auf symbolisch vertrackte Weise zurück. Im übertragenen Sinne muss man daraus wohl den Schluss ziehen, dass es keinen Imprägnierschutz gegen eine immer wieder neu und aus unerwarteten Anlässen aufflammende Debatte geben kann.
- Samstag, 01.11.2003
- Führungstalent nennt man die Gabe, den Menschen zu zeigen, dass ihr Bestes etwas ganz
anderes ist, als sie gedacht haben. Diese Weisheit hat Gerhard Schröder nicht erst seit der
Vertrauensfrage im Zusammenhang mit dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr zu seinem modus operandi
gemacht. Seither werden nicht zustimmungswillige Abgeordnete, die ein gänzlich anderes Verständnis
vom Sinn ihres Bundestagsmandates haben als der Kanzler, vom Fraktionschef Müntefering als
Feiglinge
bezeichnet oder gar zum Mandatsverzicht aufgefordert. Wenn all das nicht funktioniert, gibt es - seit 2001 - das Mittel der Rücktrittsdrohung, von Schröder zum finalen Druckmittel erhoben. Auch heute hat Gerhard Schröder - so kolportiert zumindest eine Zeitung - mal wieder mit Rücktritt gedroht, sollte die Partei bei den anstehenden Abstimmungen zur Agenda 2010 keine eigene Mehrheit zustande bringen. Der ehemalige SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz nennt das ein Spielauf Leben und Tod
. So gesehen hat Schröder seiner Partei gerade zum x-ten Mal die Pistole auf die Brust gesetzt. Dumm nur, dass mittlerweile keiner mehr damit rechnet, dass er je abdrücken wird. Doch Schröder wäre nicht Schröder, wenn er der letzten Drohung nicht noch eine neue Qualität beigemischt hätte. Wolfgang Clement, so der Kanzler, solle im Falle seines Abtretens der Nachfolger werden. DasSpiel auf Leben und Tod
scheint endlos weitergehen zu können. Aber wir wissen jetzt wenigstens, an wen Schröder seine Pistole abgeben würde.