Die Woche im Spiegel von view

von Klaus Esterluß

Sonntag, 19.10.2003
David Copperfield lässt Häuser verschwinden, Wahrzeichen in Dunst untergehen und irgendwann verwandelt er den Mond vermutlich in einen riesigen Käsekuchen. So einer heißt Magier, weil er Illusionen veranstaltet, die Zuschauer mit herunterhängenden Unterkiefern zurücklassen. Ein anderer David, Blaine mit Nachnamen, verursacht mehr Kopfschütteln als Erstaunen. Jener Blaine lässt sich in Eisblöcke einfrieren, lebendig begraben oder steht halbe Ewigkeiten auf Pfählen in New York herum. Dennoch nennt er sich Magier. Aktionskünstler träfe es auch. Brachialillusionist noch eher. Vielleicht ist auch alles nur Show und der Mensch sitzt gar nicht, oder steht, oder schockfrostet? Wer weiß. 44 lange hungrige Tage saß Blaine jetzt in London in einer quasi Tupperdose, 12 Meter hoch schwebend nahe der Themse. Essen wollte er nicht, nur Wasser trinken. Er hat abgenommen. Sein Gewicht weggemagiert. Also doch ein Zauberer - Illusion als Freakshow.
Montag, 20.10.2003
Die Bilanz:
Neun Spiele, davon vier Niederlagen, fünf Unentschieden und bisher kein Sieg. Letzter Tabellenplatz.
Das Übliche:
Der Trainer steht auf der vermeintlichen Abschussliste. Wie immer ist er das schwächste Glied im Team und muss gehen, wenn es überhaupt nicht läuft. Und überhaupt nicht laufen ist das, was bei Hertha BSC im Augenblick die leichteste Übung ist. Die Fans skandieren laut und eindringlich: Stevens raus!
Das Aber:
Die Journalisten bekommen große Augen bei der Pressekonferenz. Alle hatten schon die Schlagzeilen geschrieben, und sei es nur im Kopf: Stevens bei Hertha entlassen. Pustekuchen. Wir sind einstimmig zu der Entscheidung gekommen, dass wir mit Huub Stevens weiterarbeiten werden. Wir sind zu dieser Entscheidung gekommen, weil wir überzeugt sind von Huub Stevens sagt Dieter Hoeneß, Manager und Stevens-an-die-Spree-Holer. Allerdings sagt er noch, dass die nächsten beiden Spiele entscheidend sein werden. Beide gegen Rostock, einmal in der Liga und einmal im Pokal.
Die Zukunft:
Die Journalisten parken ihre Überschriften für später und denken ein großes ?
Dienstag, 21.10.2003
Weil Brandenburger und Berliner Schulschwänzer in ihrer Frei-, also Schulzeit gern mal das ein oder andere krumme Ding drehen, will ihnen Brandenburgs Innenminister Schönbohm an die jugendlichen Füße. Allerdings soll es kein entspannendes Fußbad geben, mit Baldriantropfen oder vergleichbarem, um die aufmüpfige Meute ruhig zu stellen und lammfromm zur Schule zu bekehren. Schönbohm setzt auf die Methode Fußfessel, die piepsend ein Signal an ein Rechenzentrum senden könnte, wenn der Schulschwänzende den falschen Weg einschlägt. In Hessen wird ein ähnliches Prinzip bei Straftätern, die längst aus der Schule sind, getestet. Richtig gut findet die Idee außer Schönbohm eigentlich niemand. Berlins Bildungssenator und Justizsenatorin Klaus Böger (SPD) und Karin Schubert (auch SPD) lehnten den Vorstoß des Innenministers kategorisch ab. Lieber solle die Polizei abwesende Schüler zu anwesenden machen. Oder den Eltern entsprechender potenzieller Kleinkrimineller ein Bußgeld aufgedrückt werden.
Mittwoch, 22.10.2003
Am Morgen steht ein grinsender Ulrich Adrian (Morgenmagazin Reporter) in Warschau. Polens Hauptstadt muss ohne das neue Springer-Verlag-Fachblatt Fakt auskommen, meldet er. Ein Flugzeug hatte Verspätung. Restpolen durfte freier Sicht auf Ex-Boxchampion Darius Michalczewski nebst barbusiger Angetrauter erfreuen. Das alles für nur 21 Euro-Cent. Die deutsche Bild ist teurer.
Donnerstag, 23.10.2003
43.400.000.000 Euro. Ist nicht das Privatvermögen von Dagobert Duck, sondern die Neuverschuldung, die Deutschland in Kauf nehmen muss. Dagoberts Vermögen liegt etwas höher. Schaffen wir auch noch.
Freitag, 24.10.2003
Die Einstellung der Concorde-Flüge ist so, als ersetze man eine Eisenbahnstrecke wieder durch eine Pferdewagenbahn sagt Dennis Toeppen, als er die Concorde ein letztes Mal in London landete. Der Mann hatte illustre Gäste an Bord. Joan Collins nebst Ehemann, Formel 1-Chef Bernie Ecclestone und New Yorks Ex-Bürgermeister Rudolph Giuliani saßen mit 100 anderen VIPs bei Schampus und Fischrogen um 7.38 Uhr auf ihren Sitzen zum letzten Geleit. Zurück müssen die Ärmsten nun in einer Standard-Boeing. Oder sie bleiben in London. Ist auch schön.
Samstag, 25.10.2003
Auch wenn sich die PDS um ein neues Parteiprogramm kloppt und Regierungs- statt Oppositionspartei werden will - eine Entscheinung wird es erst morgen geben, die alte Tante Hertha mal ein Spiel gewinnt (1:0 gegen Hansa) und sich damit aus den Abstiegsrängen strampelt, gehört der Sonnabend doch einem alten Bekannten: Harry Potter. Dessen Abenteuer bzw. das erste Kapitel des neuen Buches wird heute exklusiv in elf Straßenmagazinen deutschlandweit veröffentlicht. Seit Mitternacht und zum Teil in entsprechender Montur werden den Verkäufern die Blätter aus der Hand gerissen. Bevor Joanne K. Rowling mittels Harry reicher als die Queen wurde, lebte sie, wie viele der Verkäufer heute, auch von Sozialhilfe. Eine Geste also, die zumindest die nächsten Auflagen der entsprechenden Zeitung für eine Weile retten sollte. In Berlin hatte übrigens kein Blatt die Geschichte in petto.