Die Woche im Spiegel von view

von Christian Gödecke

Sonntag, 12.10.2003
Mit Versteigerungen ist das so eine Sache. Immer stehen sich zwei Fronten unvereinbar gegenüber. Der Verkäufer, der einen möglichst hohen Preis für sein Eigentum erzielen will. Und der Käufer, angetreten mit der Absicht, so wenig wie möglich für das Objekt der Begierde auszugeben. Das ist bei Ebay so oder bei Wohnungsauflösungen. Und bei Cargo-Lifter auch. Heute wurde das Inventar des ehemaligen Vorzeige-Unternehmens der New Economy an den Mann gebracht. Oder besser: sollte an den Mann gebracht werden. Die insolventen Luftschiff-Bauer aus Brandenburg mit Hang zu Superlativen stehen bei Gläubigern weltweit mit 120 Millionen Euro in der Kreide. Erhofft von der Versteigerung hatte man sich einen zweistelligen Millionen-Betrag, erzielt wurde knapp eine Million. Warum? Weil sich auch bei der Leichenfledderei gezeigt hat, dass das wertvollste Inventar der Firma (der längste Schneidetisch der Welt, die größte Krananlage Europas usw.) keinem Investor so recht nutzt. (Cargo-Lifter würde wohl sagen, man sei technisch der Zeit voraus gewesen.) Was aus der Firma selbst wird, offenbarte vor kurzem der neue Eigentümer der weltweit größten freitragenden Halle, eine britisch-malaysische Investorengruppe: man werde einen, natürlich global einzigartigen, überdachten Tropenwald mit Badestrand bauen. Irgendwie bezeichnend. Was von Cargo-Lifter übrig bleibt, ist ein Superlativ.
Montag, 13.10.2003
Manchmal muss man einfach zeigen, dass man der ist, für den man gehalten wird. Und wenn einem nun mal das Image eines Hardliners angedichtet wird, dann wirkt man schnell unglaubwürdig, wenn man sich wie ein Weichei aufführt. So gesehen ist Jürgen Peters ein sehr glaubwürdiger Mann. Der Erst-Nicht-Und-Dann-Doch-IG-Metall-Chef will nämlich die geplanten Sozialreformen der Bundesregierung mit einer groß angelegten Kampagne bekämpfen. Die unheilvolle Drohung Generalstreik macht ebenso die Runde wie Überlegungen, die Rot-Grüne Regierung und die Oppositionsparteien auf den Weg der sozialen Gerechtigkeit zurück zu zwingen. Peters fügt sich damit nahtlos in das (schon lange als veraltet kritisierte) Image seiner Gewerkschaft. Die gilt immer noch als Blockierer notwendiger Sozialreformen und damit eher als Übel denn als gern gesehener Verhandlungspartner. Eine Imagekorrektur beider ist längst angemahnt, doch Peters und die größte Einzelgewerkschaft der Welt tun nichts anderes, als ihr Image zu pflegen. Und weiter in die Bedeutungslosigkeit zu steuern.
Dienstag, 14.10.2003
Der Empfang war triumphal. Mehrere zehntausend Menschen jubelten am Vormittag dem Fußball-Weltmeister Deutschland zu. Ja, wir sind wieder wer. Nur 49 Jahre nach dem ersten Titel für die deutschen Männer haben es auch die Frauen geschafft, in der männlichsten aller Sportarten nachzuziehen und den ersten WM-Sieg zu holen. Gerhard Mayer-Vorfelder, der Vorsitzende des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), jubilierte schon von einer bevorstehenden glorreichen Ära des Frauen-Fußballs und Reporter des ZDF umarmten die siegreichen Gladiatorinnen per Wort und Arm, wie sie das mit den Männern nach der siegreichen EM-Qualifikation taten. 14 Millionen Menschen hatten zudem am Sonntag in der ARD das Finale gegen Schweden live verfolgt. Alles eitel Sonnenschein also für die Heldinnen? Naja, für den Titel hatte es 15.000 pro Person gegeben und 6.000 Euro von der Deutschen Sporthilfe. (Die Männer bekamen für den Finaleinzug 2002 72.000 €.) Kapitänin Bettina Wiegmann und Stürmerin Maren Meinert erklärten ihren Rücktritt, selbst das Angebot des Bundeskanzlers, mal schnell zu telefonieren und die Damen per Penunsen zum Weitermachen zu bewegen, scheiterte. Gleich nebenan trainierte die Mannschaft des Damen-Bundesligisten FSV Frankfurt. Zum nächsten Heimspiel kommt der FCR Duisburg. Jürgen Strödter, sportlicher Leiter, hofft auf 800 Zuschauer.
Mittwoch, 15.10.2003
Morgen kommt das Wunder von Bern in die Kinos. Michael Althen von der FAZ hat Sönke Wortmanns Film über den deutschen Sieg bei der WM 1954 schon gesehen: Was die fußballerische Seite angeht, ist Das Wunder von Bern [...] durchweg gelungen, auch weil es den Spielern gelingt, die etwas behäbigere Spielweise der fünfziger Jahre präzise nachzuahmen. Und wenn Sascha Göpel als Helmut Rahn das entscheidende Tor schießt, kann man sich genauso wenig der Tränen erwehren, wie das vor fünfzig Jahren gewesen sein mag.
Donnerstag, 16.10.2003
Ein Richter im französischen Angoulême knöpft sich während des Plädoyers des Verteidigers die Hose auf, hebt die Robe und befriedigt sich selbst. Geile Justiz. Sonst war nicht viel.
Freitag, 17.10.2003
Schuster, bleib bei deinen Leisten. Dass dieses alte Sprichwort in Unternehmen schon längst keine Gültigkeit mehr hat, ist nicht erst seit McDonalds offensichtlich. Der amerikanische Hamburger-Brater verkauft schon längst nicht mehr nur Cheeseburger und Cola. Mittlerweile befindet sich italienischer Kaffee ebenso im Angebot wie Sandwiches oder Rohkost-Salate. Gesünder will auch Smith & Wesson sein Angebot machen. Der Waffenhersteller bietet ab sofort neben der Magnum auch Cowboy-Kleidung und Schmuck an. Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft erweitert das Unternehmen aus Scotsdale damit seine Palette um weitaus imagefreundlichere Produkte als es die Schießeisen bisher waren. Doch natürlich steckt auch hier ein Schuss Kalkül im System: Appelliert werden soll mit Cowboyhüten und Perlenketten zuvorderst an uramerikanische Werte wie Unabhängigkeit und Freiheit, so eine Sprecherin des Konzerns. Und verteidigt werden diese, jedenfalls in Amerika, immer noch mit - Waffen.
Samstag, 18.10.2003
In Deutschland lesen täglich vier Millionen Menschen BILD. Sie lesen, welche Unterwäsche Verona Feldbusch trägt und wo der Kanzler Urlaub macht. BILD ist Politik für unten und Mädchen oben ohne. BILD ist Meinung und BILD ist vor allem eins: deutsch. Jedenfalls bis morgen. Ab morgen ist BILD nämlich auch polnisch. Nur BILD heißt im Nachbarland dann nicht BILD, sondern FAKT. Was ja nicht viel anders klingt, auch vier Buchstaben hat und ebenfalls in großen, weißen Lettern auf rotem Hintergrund steht. Der Axel-Springer-Verlag geht also voran in der publizistischen Ost-Erweiterung. Axel Springer Polska gibt ab Montag täglich eine Zeitung heraus, die möglichst viele Polen lesen sollen. Es gibt nur ein Problem: Der Chef von Springer Polska ist ein Deutscher. Der einzige zwar unter 500 polnischen Mitarbeitern, aber eben einer. Ein gefundenes Fressen für den Chef der bisher zweitgrößten Boulevard-Zeitung des Landes, Super Express. Der stichelt schon mal, dass die Deutschen mit viel Geld nach Polen kämen und alles aufkauften. Zwar mag man die Stirn runzeln ob solch vergessen geglaubter antideutscher Ressentiments. Aber es zeigt, dass das Springer-Engagement mit FAKT zum Kulturkampf werden könnte. Und wie der Boulevard-Journalismus in Polen funktioniert, hat Super Express auch gleich vorgemacht und eine bekannte Politikerin nach dem Aufstehen mit Lockenwicklern fotografiert und auf der ersten Seite bloßgestellt. So was gäbe es nicht in Deutschland, nicht mal in BILD. Das ist Fakt.