Die Woche im Spiegel von view

von Klaus Esterluß

Sonntag, 05.10.2003
Natürlich verdiene ich unheimlich gerne Geld und ich hoffe, dass das jeder in Deutschland tut, dann haben wir nämlich keine Sorgen mehr, dann haben wir keine Arbeitslosen mehr und 'ne super Finanzsituation. Hat Dieter Bohlen, seit kurzem vom ähnlich lustigen Stefan Raab als Gitarrist von Thomas Anders bezeichnet, gestern bei Wetten dass...? gesagt. Geerntet hat er dafür nicht den erhofften Applaus ob eines - dachte er sicher - klugen Satzes, sondern Buh-Rufe aus Richtung des Publikums. Wohl zurecht. Was in Buchform noch voyeuristisch amüsierte Reaktionen hervorruft - es betrifft schließlich den Leser nicht persönlich - darf im realen TV-Leben getrost als Beleidigung verstanden werden. Niemand wehrt sich gegen Geldverdienen, das aber behauptete Bohlen in seinem Satz. Zeugt von großer Finanzkenntnis. Weil in Kürze sicher ein entsprechender Posten in der Bundesregierung vakant werden dürfte (stimmt's Hans?), kann ja vielleicht der Dieter ...? Die Popularität hätte er. Fehlt nur noch das Arnie-Prinzip. He'll be back.
Montag, 06.10.2003
Berlin hat die Goldelse, den Telespargel, Palazzo Prozzo, die schwangere Auster und die Waschmaschine (Bundeskanzleramt, warum auch immer). Bald kommt mit der Banane ein neues uriges Wahrzeichen dazu. Das steht dann am Alexanderplatz und ist ein Einkaufs- und Freizeitzentrum. Noch eins. Knorke, wa?
Dienstag, 07.10.2003
Heute Abend wird die Frankfurter Buchmesse eröffnet. In zehn Hallen kann der geneigte Konsument einige hunderttausend Bücher und 1000 Autoren angucken. Bohlen wird da sein, Naddel auch. Juckt aber keinen, denn Harald Potter kommt bald auf Deutsch, auch wenn er selbst nicht anwesend sein kann. Die schulischen Verpflichtungen, Sie verstehen. Im Ring, sogar wirklich und nicht im übertragenen Sinne, steht eine lebende, wenn auch zittrige Legende. Muhammad Ali präsentiert ein Buch über sich. Schlappe 34 Kilo wiegt der Schinken, ist einen halben Meter im Quadrat groß und in Ziegenleder gebunden. Goldkanten hat er auch. Nicht zu vergessen: Ganz billig ist das Werk leider nicht. 3000 Euro kostet die Standardausführung, 7500 Euro die Champions-Edition. Da ist dann aber auch ein Autogramm vom Meister höchstselbst drin, und das ist doch auch mal was.
Mittwoch, 08.10.2003
Und gleich nochmal Buchmesse. Michel Friedmann ist wieder da. Drei Monate nach seiner Koks 'n Edelnutten-Affäre steht er bei der Buchmesse in der Gegend herum. Am Stand des Aufbau Verlags, denn dort soll er sich in Zukunft um dessen politisches Sachbuch-Programm kümmern. Außerdem werden hier jährlich zwei Interviewbücher Friedmanns erscheinen, in denen er Gespräche publizieren werde, in denen es um Tiefe, um Biografien, um Brüche und um Sein und Schein gehen solle, sagte der ehemalige Vizechef des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Donnerstag, 09.10.2003
Berlins Universitäten sind, pünktlich zum Semesterauftakt am kommenden Montag, begehrt wie nie. Studentenströme werden zu -fluten. Na herrlich. View wünscht sich ein Verkehrsleitsystem auf den Fluren der Unigebäude.
Freitag, 10.10.2003
Diesen Mittwoch trug sich bei Günter Jauchs Stern TV folgendes zu: Ein Pärchen mittleren Alters aus Süddeutschland saß auf den Sesseln gegenüber des Moderators. Das ist beilebe nichts ungewöhnliches. Bei Jauch sitzen häufiger Pärchen mittleren Alters auf Sesseln. Manchmal kommen sie aus Süddeutschland. Dieses Päarchen war eingeladen worden, weil es Anfang Oktober in Las Vegas zugegen war, als ein weißer Tiger sein Herrchen anfiel und bedrohlich verletzte. Zu sagen hatten die beiden nicht viel. Der Tiger sei irgendwie komisch gewesen, hieß es. Und überall wäre Blut oder alles ganz schrecklich gewesen. Natürlich. Was sonst? Jauch ist an dieser Einladung vermutlich nicht schuld, sie fällt aber dennoch auf ihn zurück. Schließlich ist Jauch seit Jahren schon Stern TV. Journalismus ist das nicht. Vielmehr riecht es muffig nach Effekthascherei. Wo finden die Stern TV Redakteure ihre Protagonisten? Was bleibt, ist der Mensch Jauch und ein Deutschland, das ihn liebt. Für seine Show Wer wird Millionär, für seine fragwürdigen Krombacher-Werbespots und gleiches bei Quelle. Der Mann verdient richtig Geld im Moment. 49% des Volkes würden ihn daher zum Kanzler wählen. Sabine Christiansen käme auf Platz zwei. Das ergab heute eine Umfrage im Auftrag der Berliner Morgenpost. Es ist aber noch nicht alles verloren, denn nur 4% hielten ihre Hand für olle Dieter ins Feuer.
Samstag, 11.10.2003
Der Friedensnobelpreis geht in diesem Jahr erstmals an eine Muslimin. Die iranische Anwältin Schirin Ebadi wurde für ihren Einsatz um Demokratie und Menschenrechte geehrt. Nicht zuletzt für Kinder und Frauen. Das Osloer Komitee war somit auch in diesem Jahr für eine Überraschung gut. Noch in dieser Woche galten Papst Johannes Paul II. und der frühere tschechische Präsident Vaclav Havel als aussichtsreichste Kandidaten.