Die Woche im Spiegel von view

von Christian Gödecke

Sonntag, 28.09.2003
Ich kenne das von mir. Letztens erst wieder war ich bei einem Wirt, der berühmt ist für seine österreichische Küche. Ich liebe Wiener Schnitzel und ich aß eins, darauf noch eins. Herrlich, wie das zarte Kalbfleisch auf der Zunge zerging. Ich ignorierte wieder mal die deutlichen Zeichen der Sättigung. Völlegefühl. Dieses Rumoren im Magen. Aber so ist das mit Sachen, die einem schmecken, satt werden ist nicht wichtig. Es geht ums Prinzip. Auch die Erfinder von Deutschland sucht den Superstar laben sich derweil an ihrer tollen Idee und der Tatsache, dass DSDS schon in 21 Ländern erfolgreich läuft. Die aktuelle Staffel bei RTL erzielt trotz der schlechten Moderation noch großartigere Quoten als im letzten Jahr. Doch das reicht den Herrschaften von Fremantle Media (Produktion) und RTL scheinbar nicht. Man will ab dem kommenden Jahr die Gewinner aller 21 Länder gegeneinander antreten lassen und das World Idol küren. Es könnte so laufen wie mit meiner Cremeschnitte. Die musste sein, weil sie so was wie das Ritual nach dem Wiener Schnitzel ist. Bestimmt zweitausend Kalorien, aber unwiderstehlich cremig eben. Immer noch einen draufsetzen. Naja, ich habe mal wieder gekotzt.
Montag, 29.09.2003
Ein alternder Vorsitzender, der nur eine Übergangslösung und dazu noch ehemaliger IM ist. Neben ihm das Fehlen jeglicher Prominenz und damit Breitenwirkung. Die Struktur der Mitglieder hoffnungslos veraltet. Doch die Partei des Demokratischen Sozialismus hat jetzt vom ehemaligen Granden Gregor Gysi Abhilfe für ihre Probleme und die des Vorsitzenden Lothar Bisky empfohlen bekommen. Oskar Lafontaine soll der Partei beitreten und so per Vermählung für neuen Glanz sorgen. Die Partei könnte Lafontaine im Gegenzug die politische Machtfülle geben, nach der es ihn schon seit seinem Rücktritt als Parteivorsitzender der SPD dürstet. Immerhin hatte der Ex-SPD-Vorsitzende ja in den vergangenen Wochen vehement für eine Angliederung der PDS an die Sozialdemokraten plädiert. Und mit dem Saarländer würde man auch dem ersten der drängendsten Probleme tatsächlich ledig: Prominenz verkörpert OL allemal, er ist zudem in einem veritablen Alter (60) und auch die Notlösung Bisky würde mit einem Schlag dahin zurück versetzt, wo der sich selbst schon lange lieber gesehen hätte: Im politischen Ruhestand. Unlängst hat Bisky seine Partei als Häuflein der Verstaubten bezeichnet. Ob Lafontaine den Staubsauger gibt, wird davon abhängen, wie viel Chancen der kleine Mann für einen Wiedereinzug in den Bundestag 2006 sieht. Dann wird er entscheiden, ob er den Bräutigam in einer Vernunftehe gibt oder sich lieber doch nicht scheiden lässt. So ist er eben.
Dienstag, 30.09.2003
Wie sehr sich Zeiten verklären, je länger sie zurückliegen, zeigt das aktuelle Beispiel des Fußball-Lehrers Christoph Daum. Nicht, dass seine Koks-Eskapaden schon vergessen seien, nein. Das liegt einfach noch nicht lange genug zurück. Es geht vielmehr um die Zeit, da Herr Daum noch der Lautsprecher der Bundesliga war und den 1. FC Köln trainierte. Legendär seine Redeschlachten mit Jupp Heynckes, Trainer des größten Rivalen FC Bayern München. Dass Herr Daum damals kein einziges Mal gegen die Münchener gewinnen konnte, haben ihm die Fans der Domstädter nie recht übel genommen, immerhin steht ihr Verein jetzt auch wesentlich schlechter da als damals. Deshalb mehrten sich jetzt Stimmen, Daum wieder an den Rhein zurück zu holen. Köln-Manager Rettig ging daraufhin auf den ehemaligen Coach zu und unterbreitete ihm ein Angebot. Offensichtlich keins, das man nicht ablehnen kann. Du kannst keinen Michael Ballack haben wollen und ihn wie einen Moses Sichone (unterbezahlter Abwehrspieler der Kölner, d. A.) bezahlen. Wahrscheinlich ist einfach schon zuviel Zeit vergangen, dass der Fußballtrainer Christoph Daum das Angebot eines österreichischen Erstligisten annahm, nur weil ihn nach dem Koks-Skandal niemand mehr haben wollte. Vielleicht sollten es die Kölner bei Ewald Lienen probieren. Der ist billiger und gerade ohne Job. Seine Entlassung liegt auch schon fast zwei Jahre zurück.
Mittwoch, 01.10.2003
Die Kandidaten-Liste ist lang. Wolfgang Schäuble, Dagmar Schipanski, Henning Scherf, Renate Schmidt usw. Sogar Dieter Bohlen sähen einige gern im Amt des Bundespräsidenten. Einem schmeckt das aber gar nicht. Udo Lindenberg, stets bebrillter Alt-Rocker mit Hang zum Nuscheln, hat da einen viel besseren Vorschlag: sich selbst. Per Volksbegehren will sich der Mann, der einst dem DDR-Staatschef Erich Honecker eine Lederjacke schenkte, zum ersten Mann im Staate wählen lassen. Erste Vorschläge für den Weltfrieden hat der Kettenraucher auch schon parat: Bono sollte Präsident in Irland werden, Sting in England, Dylan oder Belafonte in den USA. Die Gipfeltreffen der singenden Staatschefs will Lindenberg dann mit Eierlikör in goldenen Betten abfeiern. Na dann Prost!
Donnerstag, 02.10.2003
Christopher Schmidt von der Süddeutschen Zeitung hat einen gewichtigen Einwand gegen die Warnungen vor den Gefahren des Rauchens. Zigaretten können zu verstopften Arterien, zu Herzinfarkt, Schlaganfall, zu Lungenkrebs und Raucherbein, zu vorzeitiger Hautalterung und Durchblutungsstörungen und schließlich zum Tode führen. Manchmal führen sie auch zu großer Literatur.
Freitag, 03.10.2003
Es gibt ja viele Möglichkeiten, das Bewusstsein der Öffentlichkeit für allerhand Weltbewegendes zu schärfen. Es bedarf nur einer gewissen Eindringlichkeit. Man erinnere sich der großen Skandale um Menschen, die sich in den USA an Galgen aufhängten, um gegen die Todesstrafe zu demonstrieren. Oder die allerhand Lichterketten gegen allerhand Kriege in den Neunzigern, bevorzugt Kriege der Amerikaner. Nicht zuletzt Demonstrationen geistiger Inkontinenz, die sich allein durch den Kauf einer Bohlen-Biografie zeigt. Nun wollten wieder mal die Amerikaner Bewusstsein schärfen, für das Thema Sterbehilfe. Jedenfalls gibt die weithin unbekannte Musikgruppe Hell on Earth vor, derart hehre Ziele zu verfolgen. Bei einem Konzert der Band im sonnigen St. Petersburg (USA) wollte sich ein todkranker Mann auf der Bühne umbringen. Der schärfende Beitrag der Gruppe hätte in der Internet-Übertragung des epochalen Ereignisses bestanden. Ein Richter in Florida befand jedoch rechtzeitig, das sei doch zuviel des Guten. Er argumentierte, es sei doch abartig, einen Selbstmord zu Unterhaltungs- oder Profitzwecken auszuschlachten. Sterben live im Internet, Sterbehilfe per Zur-Verfügung-Stellen einer Bühne. Sollte sich die Band diesem Verbot widersetzen, drohen 60 Tage Haft wegen Missachtung des Gerichts. In Worten: sechzig Tage.
Samstag, 04.10.2003
Siegfried und Roy sind der wahr gewordene amerikanische Traum. So was wie Schwarzenegger, nur für Deutsche. Achtmal die Woche sind die Dompteure ausverkauft, Las Vegas gab ihnen einst einen Vertrag auf Lebenszeit. Die beiden braun Gebrannten, ewig lächelnden Deutschen machte ihr Wagemut berühmt, ihre unglaublichen Kunststücke mit den weißen Tigern sind legendär. Heute ist Roy, mit bürgerlichem Nachnamen Horn, von einem der weißen Bengal-Tiger namens Montecore in den Hals gebissen worden. Hinterrücks. Sein Zustand sei ernst, hört man aus dem noblen Krankenhaus. CNN bringt die Nachricht in der Primetime, noch vor den 20 Toten in Israel. Diskutiert wird, was aus dem Tier wird, das seinen ersten Auftritt hatte. Kolportiert wird, Siegfried erwäge ob des Schocks ein Karriere-Ende. Aus scheint ein Traum, der aus dem Bändigen der wildesten Tiere dieser Erde entstand. Oder besser: die Illusion.