Die Woche im Spiegel von view
- Sonntag, 07.09.2003
- Es ist anscheinend zum Heulen. „Warum tut ihr das? Ich liebe Euch!" schreibt Jessy, 12, im Forum von noangels.tv. Ergänzt um ein paar virtuelle Tränen. Nur ein Beispiel für die unendliche Trauer, die Deutschland erfasst, als die Schreckensnachricht via BILD an die jugendliche oder noch jüngere Gemeinde gesendet wird. Was ist passiert? Die No Angels, eine der erfolgreichsten Marketing-Produkte der bundesdeutschen Geschichte und im Nebenberuf Gesangsgruppe, haben ihre Auflösung bekannt gegeben. Jedenfalls glaubte das jeder. Als Grund für das Aus nannten die „deutschen Spice Girls" Kräftemangel und Auszehrung. Nadja, einer der vier Nachnamen-losen Engel, sagte stellvertretend: „Mir ist einfach die Energie flöten gegangen." Sie könne bei jeder Gelegenheit ausrasten. Erst am Freitag hatte die Band einen Auftritt bei der Aufzeichnung für eine Konzertreihe bestritten. Obwohl die Trennung zu diesem Zeitpunkt schon beschlossen war, ahnten die Fans nichts. Lucy sagte dazu: „Ich habe mich wie eine kleine Betrügerin gefühlt." Betrogen fühlt sich auch die Managerin des Quartetts. Regina Weber will von alldem nämlich nichts wissen. Der Zeitungsbericht sei „übertrieben", die vier bräuchten lediglich mal „Urlaub". Vielleicht noch ein Hoffnungsschimmer. Und wenn doch alles ein Ende haben sollte… die nächsten Engel kommen bestimmt, Jessy.
- Montag, 08.09.2003
- „Unsere Koalition hat diese internationalen Forderungen durchgesetzt in einer der schnellsten und humansten Militäraktionen der Geschichte." (US-Präsident George W. Bush in der „Rede an die Nation" über den Krieg gegen den Irak.)
- Dienstag, 09.09.2003
- Hans Eichel hat einen Bericht der „Welt" zurückgewiesen, nach dem die bundesdeutsche Wirtschaft entgegen optimistischer Schätzungen aus dem Bundesfinanzministerium in diesem Jahr doch nicht um 0,75 % wachsen soll. Bis zur Aktualisierung der Regierungsprognose im November blieben die alten Zahlen bestehen, so Eichel. Die „Welt" hatte aus „gut informierten Kreisen" berichtet, dass die Bundesregierung in diesem Jahr nur noch mit 0,5 Prozent Wirtschaftswachstum rechnen würde. Offiziell werde die Regierung ihre bisherige Prognose erst zur neuen Steuerschätzung im November korrigieren, so die Zeitung weiter. Nichts Neues also aus dem Hause Eichel. Ein Haushalt basierend auf Hoffnung. Und wenn's halt doch nicht hinhaut mit der Prognose, dann wird eben darauf verwiesen, dass es der Wirtschaft schlecht gehe und die Steuereinnahmen eingebrochen seien. Es kann kein gutes Zeichen sein, dass wir schon soweit sind, Reaktionen von Politikern wörtlich vorherzusagen.
- Mittwoch, 10.09.2003
- Heute ist ein merkwürdig schöner Tag. Deutschland spielt gegen Schottland. Ansehnlich sogar und erfolgreich. Aber irgendwas stimmt nicht. Nach dem 2:1 haben sich alle so lieb, dass es einem fast unwirklich vorkommt. Waldemar Hartmann, bayerische Duz-Maschine, geht dem Teamchef Rudi Völler derart um den Bart, dass der noch am Samstag nach dem Spiel gegen Island ausgerastete Völler gar nicht anders kann, als seine Medienschelte noch mal zu relativieren. Gerhard Delling und Günther Netzer, preisgekröntes Moderatoren-Duo mit Fönfrisur-Schick, betonen andauernd, wie toll doch die deutsche Mannschaft gespielt habe und man heute keinen Anlass zur Kritik sehe. Man könnte bei soviel inniger Zuneigung fast vergessen, dass die ARD ein Medienunternehmen ist, das dem Deutschen Fußball-Bund jährlich eine beträchtliche Summe für die Übertragung der Länderspiele zahlt. Und der Teamchef ja vom DFB bezahlt wird. Also von der ARD. Vielleicht war alles auch nur so unwirklich, weil es eigentlich das übliche In-den-Arm-nehmen-und-auf-dem-Schoss-sitzen war, was sich heute ereignete. Und das eigentlich merkwürdige am Samstag gegen Island passiert war. Schade wär's.
- Donnerstag, 11.09.2003
- Trotz stundenlanger Operationen können die Ärzte das Leben von Anna Lindh nicht mehr retten. Um 5.29 Uhr erlag die schwedische Außenministerin ihren Stichverletzungen. Von ihrem Mörder, der sie in einem Kaufhaus niedergestochen hatte, fehlt noch immer jede Spur. Es ist der 11. September 2003, und mit Anna Lindh, die Politikerin und Mensch sein wollte und sich deshalb nicht von Bodyguards begleiten ließ, stirbt auch die freie Gesellschaft in Schweden.
- Freitag, 12.09.2003
- Die Forschung ist um einen Skandal reicher: Deutsche Wissenschaftler mussten eine im Fachmagazin „Nature Medicine" veröffentlichte Studie über einen Krebs-Impfstoff zurückziehen. Sie hatten ihre Ergebnisse offenbar gefälscht. Die 15 Forscher aus Göttingen und Tübingen hatten Anfang 2000 über Therapieerfolge bei Nierenkrebspatienten berichtet - nd mussten die Studie nun wegen fehlerhafter Darstellungen widerrufen. Die Untersuchung hatte für großes Aufsehen bei Forschern und Laien gesorgt, wurde in den Medien gefeiert und von Wissenschaftsorganisationen ausgezeichnet. In der Studie ging es um einen neuartigen Impfstoff gegen Nierenzellkrebs und dessen Metastasen. Der Impfstoff aktiviere das körpereigene Immunsystem der Patienten, um einen bereits bestehenden Tumor zu bekämpfen, hatten die Autoren behauptet.
- Samstag, 13.09.2003
- Oskar Lafontaine hatte vor vielen Jahren mal einen Traum. Er wollte als Finanzminister der ersten rot-grünen Koalition nach 16 Jahren Kohl den Staat wieder zum Steuermann der Wirtschaft machen. Die Nachwirkungen des großen Traums vom kleinen Oskar lassen sich auch heute noch spüren. Es bedurfte erst der abrupten Demission des Saarländers und später vieler Reformen und Reförmchen, um die verkappte Plan- in eine Marktwirtschaft zu wandeln. Jetzt hat der Politik-Rentner mit Comeback-Ambitionen wieder einen Traum. Lafontaine sieht die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) „reif für eine Fusion" mit der Partei, dessen Vorsitzender er auch mal war. Dumm nur, dass nicht mal die derart gebauchpinselte PDS davon etwas wissen will. Nicht Gregor Gysi („Deutschland braucht eine sozialistische Partei, die gäbe es dann nicht mehr") noch PDS-Chef Lothar Bisky („Ich in kein Sozialdemokrat, sondern Sozialist"). Auch den Granden der SPD kommen Lafontaines Visionen offensichtlich wie ein Alptraum vor. So meint stellvertretend Fraktionsvize Michael Müller: „Die Situation ist viel zu ernst für solche blöden Spiele". So scheint wieder ein Traum ausgeträumt. Vor vier Jahren erschien „Das Herz schlägt links", die Memoiren des Mannes, den man den „Napoleon" nannte. Um es Bonaparte gleich zu tun, fehlt noch die Verbannung. Am besten in die Realität.