Die Woche im Spiegel von view

von Christian Gödecke

Sonntag, 17.08.2003
Helmut, erzähl misch dat Tor noch ein letztes Mal...
Die zwei Ungarn, der Lorant und der annere, stürzen sich auf mich zu. So richtig mit Jewalt. Ich lass' se kommen und zieh dann die Kirsche schnell von'n rechten auf'n linken Fuß. Und da, Mann, ich seh' et noch wie heute, hab' ich dat janze Jelände vor mir. Keine zwanzig Meter von'n Tor weg, inne Position von den Halbrechten, und der Grosics steht akkurat so, dat in seine Ecke Platz is. Ich zieh' ab mit den linken Fuß, und dat jibt so'n richtig jefährlichen Aufsetzer. Un wat dann passiert is', dat wißt ihr ja. (Helmut Rahn, der Boss, Held von Bern, Schütze des 2:2 und des entscheidenden Tores im Finale der WM '54, wäre gestern 74 geworden. In der Nacht zum Donnerstag verstarb er.)
Montag, 18.08.2003
In Zeiten wie diesen hat einzig die Moral der Deutschen noch keine Konjunkturflaute durchlaufen. Vielmehr erlebt sie täglich einen neuen Aufschwung, gerade und besonders wenn es um Geld geht. Da kam es ihrem obersten Hüter, BILD, sehr gelegen, im fernen Florida Rolf J. ausfindig zu machen. J. hat sich nach Recherchen des Meinungsorgans schwerster Verfehlungen schuldig gemacht. J. lebt nicht in Deutschland, bezieht jedoch Sozialhilfe und auch versteckter Reichtum wird noch bei Miami-Rolf (BILD) vermutet. Nun ja, Rolf J. ist in Wirklichkeit mittellos. Durch eine schwere Krankheit ist er zudem seit 1989 erwerbsunfähig. Deutsche Ärzte haben ihm auch bescheinigt, dass er aus psychischen Gründen nicht lange in Deutschland leben könne. Das alles stand nicht in BILD. Noch bedenklicher als die größte anzunehmende Oberflächlichkeit bei der Recherche ist jedoch die Macht, die dieses täglich erscheinende Schmierentheater mittlerweile in der Politik zu haben scheint. Nach Gerhard Schröder (Steuersenkung nach Aufforderung) und Wolfgang Clement (Umfaller bei der Pendlerpauschale) hat auch Ulla Schmidt verstanden: Sie will jetzt, ohne Prüfung der wahren Umstände im Fall J., eine Neuregelung des Paragraphen 119 im Bundessozialhilfegesetz (BSHG) anmahnen. Einzig dieser ermöglicht es Miami-Rolf nämlich, seine Sozialhilfe auch im Ausland zu beziehen.
Dienstag, 19.08.2003
Schill out in Hamburg.
Mittwoch, 20.08.2003
Ohne Kommentar. Tobias Kniebe spottet im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung über den so genannten Fall Immendorff: [...] Der urdemokratische Instinkt, die Reichen und Mächtigen in ihre Schranken zu weisen, das Denunziantentum der Eingeweihten (der Hinweis auf Immendorff stammte von einer früheren Orgien-Teilnehmerin), die Strategie der Staatsanwälte, Exempel an Prominenten zu statuieren - sie greifen nur wirklich, wenn das Zielobjekt fest im Raster populärer oder staatstragender Werte verankert ist. Ein Star kann von seinem Publikum fallen gelassen werden, ein Politiker von seinen Wählern, ein Sportler von seinen Fans, ein Moderator von seinen Zuschauern - Jörg Immendorff aber verdankt seinen Status einer Sphäre, in der das Happening im Hotel kaum als moralisches Problem wahrgenommen wird. Faszinierend ist jedenfalls, welche Aspekte des Künstlers momentan in den Medien betont werden, damit der Mann ein bisschen tiefer fallen kann: Weil er auf Staatsbesuchen mitgeführt wurde und Gerhard Schröder für die Ahnengalerie im Kanzleramt porträtiert hat, soll ihm die Nähe zur Politik schnell noch offiziöse Würden verleihen; auch das Raunen vom Verlust seines Beamtenstatus an der Düsseldorfer Kunstakademie - oh Sinnbild bürgerlicher Urängste! - hat etwas beinah Komisches. [...]
Donnerstag, 21.08.2003
Nun also doch nicht. Nachdem der Bundeskanzler die Einladung zum Reformgipfel via Medien und im Bundestag an Angela Merkel verschickt und diese große Bereitschaft gezeigt hatte, zog die CDU-Vorsitzende jetzt die Zusage zurück. Wir brauchen keine Sonderrunden, ließ Merkel nach Rücksprache mit den Ministerpräsidenten der unionsgeführten Länder mitteilen. Warum auch. Die SPD befindet sich wieder mal oder immer noch im Umfragetief (31 Prozent) und die Zeichen konjunktureller Erholung sind noch zu schwach und ohnehin unverbrieft, als dass die Menschen in diesem Land sie schon wahrnehmen und der aktuellen Regierung zuschreiben würden. Merkel hat mit ihrer Absage gezeigt, dass sie nicht nur innerparteiliche Krisen auszusitzen beabsichtigt, sondern sogar politische Hochs. Auch wenn diese nur aus der Schwäche des Gegners resultieren. Mit einer Zusage zu Gesprächen würde die Opposition zwar der ihr durch die Mehrheitsverhältnisse in Bundesrat und Bundestag zugewachsenen Verantwortungsposition gerecht werden, etwas zur Verbesserung der Lage im Land beizutragen. Sie liefe aber auch Gefahr, die Lorbeeren eventueller Verhandlungsergebnisse dem Initiator (also Gerhard Schröder) überlassen zu müssen. Warum also verhandeln? Vielleicht hat Frau Merkel auch die Befürchtung, der schlaue Fuchs Schröder könnte die Union öffentlichkeitswirksam daran erinnern, dass schon seit Monaten Alternativvorschläge angekündigt sind, den Ankündigungen bisher jedoch immer noch keine Taten gefolgt sind? Oder hat die Union gar solch ein Alternativkonzept noch nicht mal erarbeitet? Wenn Politik sich in Ankündigungen und Verweigerung erschöpft, braucht sich Frau Merkel nicht wundern, wenn die kommenden Einladungen des Kanzlers An die Blockierer adressiert sind.
Freitag, 22.08.2003
Dass Unkenntnis schmerzhaft sein kann, mussten sechs brasilianische Musik-Fans jetzt erfahren. Sie wollten mit einer Reisegruppe zum Mathew-Street-Festival nach Liverpool, einem Happening, auf dem auch den bekanntesten Söhnen der Stadt, den Beatles, gehuldigt wird. Doch statt Yellow Submarine gab es ein Rückflugticket am selben Tag. Warum? Die Brasilianer konnten zwei Fragen der offensichtlich ebenfalls musikinteressierten Beamten nicht beantworten: Wer ist Yoko Ono? Welche Beatles sind noch am Leben? Die Einwanderungsbehörde hielt die sechs daraufhin für gefährliche Elemente, die unter Vorgabe falscher Angaben einzureisen versuchten. Dumm nur, dass die Südamerikaner gar nicht die Beatles hören wollten, sondern Bands aus der Heimat, die auch auf dem Festival auftraten. Dass Mathew-Street nicht gleich Beatles ist, hatte den Beamten wohl leider niemand gesagt. Nach Hause geschickt wurden sie auch nicht. Trotz soviel Unwissenheit.
Samstag, 23.08.2003
Die Leichtathletik-WM in Paris ist eröffnet. Wieder ein Versuch, sauber zu bleiben.