Die Woche im Spiegel von view

von Christian Gödecke

Sonntag, 03.08.2003
Lynn Frazier und Gray Davis haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Der eine (Frazier) war Gouverneur des US-Bundesstaates North Dakota, als Gray Davis noch nicht mal auf der Welt war. Das war 1921. Davis ist heute Gouverneur von Kalifornien und Frazier schon lange tot. Ab dem 7.Oktober jedoch könnte Davis in einem Atemzug mit Frazier genannt werden. Er könnte dann dank eines Instruments direkter Demokratie - dem recall - von den unzufriedenen Bürgern des heißesten Staates der USA quasi in die Wüste geschickt werden. So war es im letzten Jahrhundert als bisher einzigem US-Gouverneur besagtem Frazier ergangen. Man hatte ihm die Förderung der Prostitution und des illegalen Glücksspiels zur Last gelegt. Gray wirft man hingegen vor, nicht nur der unbeliebteste Gouverneur aller Zeiten zu sein, sondern auch für den gigantischen Schuldenberg des Surferparadieses verantwortlich zu zeichnen. Illustre Kandidaten für seine Nachfolge stehen schon Schlange. So soll es neben Schauspieler Arnold Schwarzenegger etwa zweihundert weitere mehr oder weniger kompetente Interessenten für das Amt Grays geben. Unter ihnen ein Mann, der es mit leicht bekleideten Mädchen zum reichen Mann gebracht hat: Larry Hustler Flynt. Er hat auch schon einen Erfolg versprechenden Vorschlag zur Sanierung des Haushalts unterbreitet. Flynt möchte das Glücksspiel in Kalifornien ausbauen.
Montag, 04.08.2003
Und wieder ein US-Bericht. Nach US-Berichten über Massenvernichtungswaffen im Irak nun das nächste clear intelligence, diesmal aus dem Iran. Und wieder beruft man sich auf ausländische Geheimdienste, wie schon beim angeblichen Irak-Uran-Schmuggel aus dem Niger. Eine Eigenart von US-Berichten ist die, dass sie von Zeitungen gemacht werden. Im neuesten Fall die Los Angeles Times. Sie berichtet von Erkenntnissen des französischen Geheimdienstes und dreimonatigen Eigen-Recherchen. Demnach stehe der Iran überraschenderweise kurz vor dem Bau einer Atombombe. US-Berichte haben es ferner an sich, dass aus US-Geheimdienstkreisen ad hoc Reaktionen auf diese Ergebnisse kolportiert werden. Im vorliegenden Fall steht eine Bombardierung von Atomanlagen im Mullah-Staat zur Debatte. Ein so genannter Eventualplan mithin. Die Geheimdienstquelle zur Zeitung: Es wäre töricht, dem Oberkommandierenden nicht alle Optionen vorzulegen, einschließlich dieser (Angriffsoption). Dass die CIA eine Stellungnahme zu dem Bericht ablehnt, gehört ebenso zum Ritual wie die bedauerliche Gewissheit, dass sich in Bälde Vermutungen als bewiesen und Eventualitäten als Tatsachen im amerikanischen Gemeinschaftsgedächtnis festsetzen werden. Wie im Irak. Na dann, bombt mal schön...
Dienstag, 05.08.2003
Roy Makaay ist immer noch kein Bayer.
Mittwoch, 06.08.2003
In der Wahl seiner Worte bewies der Kleine schon Geschick wie ein Großer. Und sicher war Philip Missfelder, 23, Vorsitzender der Jungen Union, auch klar, dass ihm seine Vorschläge von den Großen der eigenen Partei um die Ohren gehauen würden. Dem smarten Christ-Sozialchen wird auch bewusst gewesen sein, dass es einfach nicht political correct war, solche Überlegungen anzustellen. Öffentlich. In einer Tageszeitung. Doch wenn Missfelder auch Hohn und Spott, mediale Entrüstung und beißende Kritik für seine Forderungen geerntet hat, so steht doch fest: Hat sich gut ins Gespräch gebracht, der Kleine. Und wer Zahnprothesen und künstliche Hüftgelenke für Senioren ab 85 in Zukunft nicht mehr von den Kassen bezahlen lassen will, traut sich mehr als die alten Säcke in der eigenen Partei. Chapeau! Die haben doch sowieso nur Angst, dass sie die Krücken in ein paar Jahren selbst blechen dürfen. Jetzt musst du nur noch erwachsen werden, Philip Missfelder. Achja, und bis 70 arbeiten. Lange Zeit noch bis dahin, aber auch das hast ja DU als erster gefordert. Na dann, immer schön zum Zahnarzt gehen...
Donnerstag, 07.08.2003
Per definition ist ein Protegé ein Günstling. Ein Geförderter. Neuerdings gibt es Protegés auch im Irak. Diese Günstlinge werden zu Geförderten durch einen Erlass des amerikanischen Präsidenten George W. Bush. Der Erlass trägt den Namen Executive Order 13303 und existiert bereits seit Mai 2003. Bis heute stand er unbemerkt im Federal Register, dem offiziellen Amtsblatt der Regierung. Der Inhalt in Kurzfassung: Urteile, Pfändungen oder Gerichtsprozesse müssen für null und nichtig erklärt werden, sollten sie [...] jegliche Geschäfte mit irakischem Öl betreffen. Die Günstlinge des Erlasses Nummer 13303 sind also mitnichten die befreiten Iraker, sondern die Förderer irakischen Öls, amerikanische Firmen. Nicht nur nach Meinung des Verfassungsrechtlers Jamin Raskey (American University) kommt die Verfügung per se einem Freibrief für die Ölfirmen gleich, mache doch der Erlass jede zivil- oder strafrechtliche Haftbarkeit amerikanischer Ölkonzerne unmöglich. Ein neuer Akt in dem Stück Wie bastele ich uns eine Welt nach meinem Gusto. Keine Tragikomödie, ein Drama vielmehr.
Freitag, 08.08.2003
Roy Makaay ist endlich Bayer.
Samstag, 09.08.2003
Kaum ereilt uns die Nachricht, dass George W. Bush dem Kanzler und Deutschland im Allgemeinen für die besonderen Verdienste um die Befriedung Afghanistans persönlich danken wolle, wird von einer deutlichen Verbesserung des zerrütteten Verhältnisses beider Staaten fabuliert. Und die derart Gelobten mühen sich sofort, die wohligen Worte des Großmächtigen mit vorauseilendem Gehorsam zu rechtfertigen. Es ist die Rede vom Ausbau der deutschen Truppen am Hindukusch, ja es ist plötzlich gar nicht auszuschließen, dass künftig deutsche Soldaten im Irak Dienst tun könnten. (Peter Struck, Verteidigungsminister) Wie schnell das Versprechen, mit dem Gerhard Schröder die Wahlen so denkbar knapp für sich entschied (keine deutschen Soldaten in den Irak), schon nach nicht ganz einem Jahr das Papier nicht mehr wert ist, auf dem es gemacht wurde, verblüfft schon. Aber vielleicht gibt es auch nur ein weiteres Zeugnis von der Sprunghaftigkeit einer Politik, deren einziger Zweck der des Gefallens zu sein scheint. Die Opposition reibt sich schon die Hände.