Die Woche im Spiegel von view
- Sonntag, 27.07.2003
- Lance Armstrong kann es sich leisten, nur wenige Kilometer nach dem Start der letzten Etappe der Tour de
France hinein nach Paris ein aus dem Versorgungsfahrzeug gereichtes Glas Champagner zu trinken. Niemand greift das gelbe
Trikot auf den letzten 152km der Rundfahrt an. Das ist Usus. Armstrong gewinnt die Tour zum fünften Mal in Folge, aber nie
war es so knapp wie in diesem Jahr. Jan Ullrich, Ex-Telekom-Profi und nun Leader des sporadisch und recht kurzfristig
zusammengewürfelten Bianchi-Rennstalls hat es ihm schwer gemacht. Eine knappe Minute Vorsprung bleibt dem Amerikaner vor
dem Deutschen. Und alles nur wegen Sarah-Maria, ihres Zeichens frisch geborene Tochter Ullrichs und der Garant dafür,
dass ihm, so Ullrich, quasi Flügel wachsen. Hätte keiner gedacht, nach Pillenaffäre, Unfall und einsetzender Feistigkeit
noch vor einem Jahr. Gut für den Radsport ist es allemal. Im nächsten Jahr will Ullrich es wirklich wissen und Armstrong
sagt:
Keiner motiviert mich so wie Jan.
Das wird lustig. - Montag, 28.07.2003
- Und es war Sommerschlussverkauf. Zum allerletzten Mal. (Frei nach Peter Maffay) Zumindest sieht es so aus. Weil Rabatte künftig das ganze Jahr erlaubt werden sollen, braucht wohl niemand mehr wirklich ein solches Happening. Fehlen würde es trotzdem. Traumhafte Schlangen vor noch ungeöffneten Kaufhaustüren, sich prügelnde Hausfrauen, selten -männer, am Unterwäscheregal, fliegende Fetzen und Stützstrümpfe. Hart aber herzlich und alles für bis zu 70% Rabatt. Sommer kann so schön sein. Scheiß auf Freibad.
- Dienstag, 29.07.2003
- Die Buddy-Bären sind wieder da. Es kann also quietschbunt werden. Stünde Meister Petz nicht für die Unicef in der Gegend herum und würde durch seine Versteigerung in Bälde ordentlich Geld in die leeren Kassen der Organisation spülen, könnte man ihn fast unansehnlich finden. In Hamburg stehen übrigens Wasserträger. Selber Zweck, nur noch viel bunter.
- Mittwoch, 30.07.2003
- Wenn der Pförtner des Volkswagenwerks in Puebla (Mexiko) am Mittwoch die Lichter seiner Fabrik ausknipst, geht
eine Ära zuende. Der letzte Käfer - VW Käfer, nicht New Beetle - der alte mit den schönen Formen, die Studentenschaukel,
rollt dann, nach knapp 70 Jahren Bauzeit vom Band. Die Karosserieform der
Ultima Ediciòn
getauften, definitiv letzten Serie bestehend aus 3000 Exemplaren, ist immer noch die gleiche wie damals, als Ferdinand Porsche 1936 die ersten Probeexemplare dieses Autos fürs Volk auf die Strasse stellte. Hitler gefiel die Idee auffallend. Der Käfer, der diesen Namen damals noch nicht trug, wurde inKraft durch Freude
-Wagen (KdF) umgetauft und - erst mal nicht gebaut. Kriegswirtschaft und -gerät waren wichtiger und die Anzahlungen der an und für sich willigen Kundschaft wurden rüstungstechnisch verbraten. Bis zum Ende des Krieges gab es nur einige hundert zivile Exemplare dieses Wagens. Aber dann: Nach Krieg und kurz vor Wirtschaftswunder erreichten 1949 die ersten Exemplare des namenlosen Spaßmobils die USA, in denen der Käfer seinen Namen bekam. Die New York Times soll Schuld daran gewesen sein. Die frühen 70er Jahre erlebten einen durch und durch modernisierten Old Beetle und Verkaufsrekorde am laufenden Band. Die späten 70er dagegen ein Auslaufmodell. Trotzdem verkaufte sich der Wagen mit den Glupschaugen noch. Im Mai 1981 zum 20-millionsten Mal. Heute ist Schluss. Endgültig. Der wirklich letzte Käfer kommt in Wolfsburg ins Museum, die anderen 2999 kann man für 84.000 Pesos kaufen. Das sind knapp 13 tausend Euro. - Donnerstag, 31.07.2003
Die Ehe ist heilig, während homosexuelle Handlungen gegen das Moralgesetz der Natur verstoßen. [...] Rechtliche Anerkennung homosexueller Partnerschaften oder ihre Gleichstellung mit der Ehe würden nicht nur die Anerkennung abweichenden Verhaltens bedeuten, [...] sondern auch Grundwerte verdecken, die zum gemeinsamen Erbe der Menschheit gehören
steht in einem 12-seitigen Papier, das der Vatikan heute veröffentlicht hat. Ab ins - äh - Sommerloch damit.- Freitag, 01.08.2003
- Ein Blick in die nachmittäglichen Talkshows - so sie denn noch existieren, werden ja immer weniger - offenbart
nicht nur dezent latente Mediengeilheit bei einem Teil der Bevölkerung oder Mitteilungsbedürfnisse oberhalb der
Schreigrenze, sondern führt auch ab und an Personen ins Rampenlicht, die sich stolz an die Brust fassen und im tiefsten
Ton der Überzeugung verraten:
Ich lebe vom Staat und bin stolz drauf
oder:Arbeiten ist doof
. Aussagen, die eben erwähnte Schreigrenze in der Regel nach sich ziehen. Vergleichbares soll es in Zukunft nicht mehr geben, denn wer nicht arbeiten will, bekommt weniger Unterstützung vom Staat. Gibt's bei Talkshows eigentlich noch Geld? - Samstag, 02.08.2003
- Abends, 18:10 Uhr in Deutschland. Papi hat sich im Wohnzimmer eingeschlossen und guckt Fußball in der ARD. Endlich wieder Ruhe.