Die Woche im Spiegel von view

von Christian Gödecke

Sonntag, 20.07.2003
Star Search ist Bildungsfernsehen. Zum Beweis hier die Votings der Jugend-Kulturbeauftragten Jeannette Biedermann: Für Jenniffer-Marie (16) aus Königsau bei Mainz, die Bilder von Dir von Laith Al-Deen gesungen hatte. Ich bin begeistert. Du hast sehr sauber gesungen und hast dich megamäßig bewegt. Ich gebe dir 5 Punkte! Für Moses W. (37), Comedian aus Essen: Ich hab so gelacht, ich hab langgelegen. Du bist rein gekommen und hast uns erst mal gezeigt, wo der Frosch die Locken hat. Ich gebe dir 5 Punkte! Spekulationen, was wir gelernt haben nach nur einem Mal Star Search... Wer weiß, wo Jeannette die Locken hat, weiß dass sie ein Frosch ist. Wer megamäßig sauber singt, legt Jeannette flach. Oder so.
Montag, 21.07.2003
Frankfurt. Keine Woche vergeht ohne Neuigkeiten von der einst geschlossenen Gewerkschaftsfront. Der langjährige Vorsitzende Klaus Zwickel tritt vorzeitig zurück - und anschließend noch mal nach. Er (Zwickel) übernehme durch seinen Rücktritt ausdrücklich nicht die Verantwortung für den gescheiterten Streik im Osten. Vize Jürgen Peters sei der Hauptschuldige am Debakel. Vielmehr habe er (Zwickel) festgestellt, dass es einen personellen Neuanfang, den er für dringend notwendig halte, nicht geben werde. Nach zehn Jahren ist damit Schluss für den Mann, dem viele in der Organisation vorwerfen, irgendwann den Überblick verloren zu haben. Jürgen Peters wird jetzt doch Zwickels Nachfolger - und erklärt, 2007 nicht mehr anzutreten. Mit einer für einen typischen Gewerkschafter typischen Charaktereigenschaft (der Betonköpfigkeit) hat es der Traditionalist mit Zugabe einer Portion Verweigerung und einer Prise Ausnutzen der drohenden Handlungsunfähigkeit geschafft, selbst die Gegner seiner Kandidatur weich zu kochen. Für ihn wird nach nur einer Amtsperiode Schluss sein. Vier Jahre für das Ego. Vier Jahre Starre für eine IG Metall, die sich eigentlich bewegen müsste. Begleiten wird ihn Berthold Huber, der sich dem Amt des Vize unter Peters erst offen gegenüber zeigte und dann lange verweigerte. Ein Mann, der als Erneuerer gilt, aber als Zweiter Vorsitzender zuwenig Einfluss hat, um die Gewerkschaft wirklich zu verändern. Zudem ist Hubers Image nach seinem Hin-und-Her angekratzt. Seit heute ist die Führungskrise in der größten Einzelgewerkschaft der Welt zwar vordergründig beigelegt. Die strukturelle Krise wird jedoch verstärkt. Zwei Gegner in der Spitze sind weder ein Signal an die Wirtschaft noch an die Mitglieder. Sie sind vielmehr ein fauler Kompromiss, aber Garanten für weitere Neuigkeiten.
Dienstag, 22.07.2003
Das sind sie also. Zwei aufgedunsene, schrecklich zugerichtete Menschen. Vollbart. Glatze. Zwei Männer, getötet durch amerikanische Gewehrsalven oder Selbstmord. Udai (39) und Kussei (37), die einzigen Söhne des Saddam Hussein, Nummer 2 und 3 auf der Fahndungsliste der Amerikaner. Tot in einer Villa in Mossul. Die Veröffentlichung der Bilder wird vom US-Verteidigungsministerium und Donald Rumsfeld persönlich ausdrücklich gewünscht. Sie soll den Zivilisten im Irak das Ende der Schreckensherrschaft Saddams und seiner Söhne verdeutlichen, die Moral der Guerilla-Kämpfer brechen und nebenbei der interessierten Öffentlichkeit zeigen: Seht her, wir kriegen sie alle, der Vater ist der Nächste. Der amerikanische Aktienindex reagiert mit leichten Gewinnen auf die Nachricht vom Tod der beiden. BILD erklärt die Bilder der Leichen ad hoc zu Dokumenten der Zeitgeschichte und veröffentlicht sie auf der ersten Seite. Am Tag nach der Veröffentlichung wird erneut ein US-Soldat bei einem Anschlag getötet. Er ist Nummer 153 seit Beginn des Krieges.
Mittwoch, 23.07.2003
Eine gute und zwei schlechte Nachrichten. Die gute zuerst: Laut einer Forsa-Umfrage hat die Mehrzahl von 1630 befragten Bürgern deutsche Politiker auf Fotos erkannt (Bundeskanzler Gerhard Schröder: 99 Prozent, Außenminister Joschka Fischer: 96 Prozent). Eine schlechte Nachricht: Nur 22 Prozent der Befragten glauben, dass sich der Kanzler für die Belange seiner Mitmenschen einsetzt. Was die Befragung noch zutage förderte, ist jedoch umso bedenklicher: Lediglich die Hälfte der Bürger konnte angeben, welches Amt Bundeskanzler Gerhard Schröder innehat! Nur 46 Prozent wussten, dass Joschka Fischer Außenminister ist und 32 Prozent konnten Partei- und Fraktionsvorsitzende der CDU Angela Merkel zuordnen. Was uns diese erschreckenden Zahlen sagen? Sollen Politiker demnächst Reden immer mit dem Amt einleiten, das sie bekleiden? Ist PISA schuld? Werden keine Inhalte mehr transportiert? Allgemeinplätze, Phrasen, grenzwertig nutzwertig. Die Studie zeigt einzig, dass sich ein CDU-Mann aus Hessen anschickt, Boden gut zu machen: Von Roland Koch wussten immerhin 31 Prozent, dass er Ministerpräsident Hessens ist. Dass die Befragten von dessen Rivalität mit Parteichefin Angela Merkel wissen, darf bezweifelt werden. Ob sich Roland Koch für die Belange seiner Mitmenschen einsetzt, wurde nicht gefragt.
Donnerstag, 24.07.2003
Oh Österreich! Land der Kaiser, Krapfen und Kärtner Landeshauptmänner! Wir haben es schon immer gewusst. Du hast nicht nur einen an der Schüssel, sondern öfter auch mal einen darin. Dazu bedarf es eigentlich nicht der Aussage von Politikern Deines Parlaments, dass einige Abgeordnete gern mal betrunken Reden halten, nach Alkohol stinken oder so voll im Plenarsaal sitzen, dass sie von der Polizei aus dem Verkehr gezogen werden müssten (Brigid Weinzinger, grüne Abgeordnete). Warum zum Beispiel darf dein Finanzminister überteuerte deutsche Jagdflieger kaufen, ohne belangt zu werden? Warum darf ein einziger Baulöwe 1200 Scheinfirmen gründen, Geld von Generalunternehmen kassieren und seine Buden dann schließen? Und erst nach Jahren belangt werden? Warum tun Menschen so etwas? Vielleicht weil sie es können? Wie bezeichnend ist es, dass eine ÖVP-Abgeordnete sogar einräumt, ihr wehe beim Gespräch mit Kollegen öfter mal eine Alkoholfahne entgegen, sich aber trotzdem gegen ein Alkoholverbot im Parlament ausspricht? Fragen an ein Land, das sich seit Jahren selbst vergisst. Oh Österreich, Land der Kaiser. In der Tradition bist du zu beneiden, in der Gegenwart nur noch zu beweinen.
Freitag, 25.07.2003
Sie sind klein, ziemlich alt (40) und nicht wirklich attraktiv: Die Mainzelmännchen. Seit vier Dekaden lächeln die wortkargen Wichte (mehr als Gu'n Aaaaamd ging noch nie) vom Mainzer Lerchenberg und machen ihre Späße zwischen den ZDF-Werbepausen. Doch der Institution soll es nun an den Kragen, besser: an den wohlbeleibten Körper gehen. Den Planern beim Zweiten sind die Moppis schlichtweg zu dick. Das muss sich ändern. Edi, Det und Fritzchen sollen aber nicht nur fitter und frecher werden, sie sollen sogar sprechen lernen. Was wie eine Revolution anmutet, ist offenbar nur kühles Kalkül. Nach den Plänen von Hans-Joachim Strauch, Leiter des Werbefernsehens beim ZDF, sollen die angestaubten Männchen nach der Frischzellenkur sogar eine eigene Sendung auf dem hauseigenen Kinderkanal tivi bekommen. Fatalisten sehen schon die geballte Merchandising-Maschinerie der Öffentlich Rechtlichen anlaufen, etwa Det-Drinks oder Edi-Diskopuppen. Dabei ist Skepsis unangebracht. Immerhin wird auch Schluss gemacht mit unterschwelligem Chauvinismus bei den Wichten: Geplant sind nämlich zwei Zwillings-Schwestern der drolligen Figürchen. Zarah und Lea werden ab Herbst das Mainzel-Universum erweitern. Und auch Tierliebhaber werden auf ihre Kosten kommen. Guudnberg, ein Hund, begleitet die Werbeunterbrecher und Showstars ebenfalls.
Samstag, 26.07.2003
Heute vor fast einem Jahr - am 23.7.2002 - sperrte der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) eines seiner Mitglieder für sechs Monate vom Leistungssport aus. Das Gremium verurteilte den Fahrer außerdem zu einer Geldstrafe von 2000 Franken. Das Mitglied hatte sich nicht des Dopings im engeren Sinne schuldig gemacht, sondern lediglich eine Pille Ecstasy geschluckt und eine Nacht durchgemacht. Da der Fahrer aber Jan Ullrich hieß, fällte nicht der BDR das entscheidende Urteil, sondern die Öffentlichkeit. Der labile Jan, verhätscheltes Jahrhundert-Talent des Teams Telekom und damit aller Deutschen, wurde zum Drogenopfer stilisiert. Von seinen Sponsoren verlassen und den Nerven. Ich weiß nicht, ob ich mich im nächsten Jahr noch einmal motivieren kann. So sprach der Tour de France-Sieger von 1997 zu einem Zeitpunkt, als seine Karriere zu Ende schien. Jan Ullrich ist heute beim Einzelzeitfahren gestürzt. Hat die Chance verpasst, die Tour 2003 zu gewinnen. Liegt mehr als eine Minute hinter dem Sieger Lance Armstrong zurück. Jan Ullrich wird Zweiter werden. Jemand hat mal gesagt, dass der Zweite der erste Verlierer sei. Doch dieser zweite Platz ist eine Leistung, die höher zu bewerten ist als sein Gesamtsieg 1997. Als Olympiasiege, Weltmeisterschaften. Nicht weil es ein Sieg gegen Zweitausender ist oder gegen die Uhr oder gegen fast 200 der weltbesten Fahrer. Ullrich hat einen Sieg gegen sich selbst gefeiert. Und gewinnen kann er die Tour immer noch. Im nächsten Jahr.