Die Woche im Spiegel von view
- Sonntag, 06.07.2003
- Die
Belege
, mit denen die USA den Krieg im Irak vor wenigen Monaten beförderten und begründeten, erscheinen seit heute in einem fahleren Licht als je zuvor. Offenbar haben Präsident George Bush sowie seine Paladine Donald Rumsfeld und George Tenet (CIA) nicht nur mit falschen Annahmen über das Atomwaffenpotenzial des Hussein-Staates gespielt, sondern offensichtlich haltloseInformationen
bewusst falsch verbreitet. Es geht um Uran, eine angebliche Afrika-Connection des Saddam-Regimes und letztlich um die Glaubwürdigkeit des amerikanischen Präsidenten. Joseph Wilson, ehemaliger amerikanischer Diplomat in Bagdad, erhebt jedenfalls in derNew York Times
schwere Vorwürfe gegen die Kriegsinitiatoren:Präsident George W. Bush und Außenminister Colin Powell haben die Behauptung, der Irak habe in Niger Uran gekauft, trotz erheblicher Zweifel an der Richtigkeit mehrfach wiederholt.
Wilson muss es wissen, hatte ihn doch die CIA höchstpersönlich nach Afrika geschickt, um Beweise für die Berichte zu finden. Er fand nichts und meldete das auch. Dennoch nannten Bush und andere den angeblichen Uran-Kauf mehrfach als Beweis für geheime Waffenprogramme des Irak.Es geht darum, dass die Regierung die Fakten in einer Sache, die die grundlegende Rechtfertigung für den Krieg war, falsch repräsentiert hat.
Eine schmerzhafte Wahrheit ist besser als eine Lüge, sagt Thomas Mann. Die Frage hier ist nur, ob George Bush das Lügen überhaupt weh tut, wenn es denn nur der Durchsetzung eigener Interessen dient. Ob im Irak oder sonst wo auf dieser Welt. - Montag, 07.07.2003
- Was ist der Herr Koch nicht gedeckelt worden für eine einfache Aussage. Die Chefin weist ihn
zurecht, ein entfernter Verwandter aus dem Bayerischen mischt sich in die Familien-Angelegenheit ein und
sogar die gleichaltrigen Gesinnungsgenossen schütteln den Kopf. Einzig ein entfernter Bekannter, mit dem Herr
Koch aber schon länger ab und an zusammen hockt, springt ihm unterstützend bei. Dabei waren es doch nur ein
paar Worte, in einen Nebensatz verbracht.
... und ich halte die seriöse Gegenfinanzierung der Steuerreform für unmöglich.
Ja, was denn? Wo sind wir denn angekommen, wenn ein kleiner, unbedeutender Nebensatz so hohe Wellen schlägt? Dass die Chefin (Merkel) gleich ihre Richtlinien-Kompetenz als Partei- und Fraktionsvorsitzende geltend macht? Hat da jemand Angst vor einer verfrühten Kanzlerdebatte in der Familie (CDU)? Oder dass der entfernte Verwandte (Stoiber) gleichden Zusammenhalt in der Union gestört
sieht und den Abweichler für seine unangepassten Äußerungen kritisiert? Hat da jemand Angst, eine zerstrittene Opposition könnte das bisher schadlose Bild des Ministerpräsidenten Stoiber so kurz vor den Wahlen am 21.September beschädigen? Nur Peer Steinbrück von der SPD, Ministerpräsident in NRW, stärkt dem Ministerpräsidenten Roland Koch (Hessen) den Rücken. Allein dadurch, dass er mit ihm in einer parteiübergreifenden Kommission Subventionskürzungen ausheckt.Alle werden schreien
, haben die beiden schon mal vorsorglich kundgetan. Steinbrück meinte wohl die Wähler, und Koch? - Dienstag, 08.07.2003
- Eine oft gestellte Frage in den vergangenen Tagen war ja die nach dem neuen
IG-Metall-Vorsitzenden. Da kamen neben dem allgegenwärtigen Noch-Chef Klaus Zwickel Namen an die
Öffentlichkeit, die bisher wohl nur Mitgliedern der Gewerkschaft und vielleicht den Zuschauern von
Christiansen
ein Begriff waren. Namen wie Berthold Huber oder Frank Teichmüller. Namen wie Jürgen Peters. Funktionäre, die nach einer Antwort suchen und alle eine haben, nur nicht die gleiche. Peters sagt, er würde es machen. Huber sagt, er würde es auch machen, aber nicht mit Peters. Teichmüller wird gar nicht gefragt, antwortet aber, dass er es auch machen würde. Mit Huber. Aber bloß nicht mit Peters. Der wiederum will unbedingt, und weil die Gewerkschaft auch zu nachtschlafender Zeit auf einer Sondersitzung per Patt entscheidet, dass nichts entschieden wird, bleibt alles beim Alten. Streit in der größten Einzelgewerkschaft der Welt war bisher eigentlich unvorstellbar. Weder personell noch in der Richtung. Doch die Reihen der Besitzstandswahrer sind nicht mehr geschlossen wie einst. Fragen, die tabu waren, werden auf einmal offen gestellt. Warum in Zeiten darbender Wirtschaft überhaupt für eine 35-Stunden-Woche streiken? Warum einem Ritual folgen, dass der Zweite Vorsitzende immer dem Ersten nachfolgt? Noch dazu, wenn der Kandidat als Betonkopf und Traditionalist gilt? Teile der Gewerkschaften haben erkannt, dass es Erneuerung bedarf. Personell und in der Richtung. Damit nicht irgendwann noch eine finale Frage gestellt werden muss: Brauchen wir Gewerkschaften überhaupt? - Mittwoch, 09.07.2003
- Markus Schächter hat einen harten Job. Der ZDF-Intendant plant gerade den Sender-Etat für den
Zeitraum 2005 bis 2009. Und weil er Chef einer gebührenfinanzierten Sendeanstalt ist, muss er den Etatentwurf
auch bei der Finanzkontrollstelle der Rundfunkanstalten (KEF) begründen. Den Entwurf hat er unter das viel
versprechende Motto
Spitzenqualität hat ihren Preis
gestellt. Bisher belief sich der Preis für das Spitzenprodukt auf etwa 1,8 Milliarden Euro. Das machte pro Gebührenzahler etwa vier Euro, die das ZDF aus den Einnahmen der Gebühreneinzugszentrale (GEZ) in den Gesamtetat einfließen ließ. Schächters Entwurf ist aber nicht nur ein Entwurf, sondern auch vorauseilender Gehorsam. Denn das ZDF muss es irgendwie begründen, warum es seit langem beharrlich auf eine Erhöhung der Gebühren besteht. Da ist zum einen jenes besagte Motto. Schächter möchte demnach seinen Etat gern um 20 Prozent erhöhen (lautFTD
), um weiterhin Spitzenqualität liefern zu können und natürlich dem Bildungsauftrag nachzukommen. Nur: das Zweite Deutsche Fernsehen hatte bereits in den letzten Jahren einen wesentlich höheren Etat als beispielsweise RTL (1,3 Mrd.). Zum anderen ist da dasKonkursszenario
, das Schächter so explizit zwar nicht an die Wand malt, aber doch impliziert, wenn er vondramatischen Konsequenzen
spricht. Nur: Warum soll der Gebührenzahler den (durch Schächter alsselbstverschuldet
bezeichneten) Schuldenberg des Senders abbauen? Vielleicht sollte man auch beim ZDF dazu übergehen, wie ein marktwirtschaftliches Unternehmen zu arbeiten. Einsparpotenziale (Aktenzeichen XY, Gottschalk America, Lustige Musikanten) gibt es zuhauf. - Donnerstag, 10.07.2003
- Nachdem
Friedman
in der BILD über Wochen auf der ersten Seite stattgefunden und in einem beim Pizzabäcker gelandeten Fax sowie der öffentlichen Entschuldigung kulminiert war, droht uns jetzt der nächste wochenlange Dreher: Bärbel Schäfer. Nicht, dass es den geneigten Leser nicht interessierte, was das Blondchen denn von ihrer Beziehung oder den warmen Worten der Entschuldigung ihres (Noch-)Lebensgefährten hält. Nein. Es ist auch nicht so, dass es dem geneigten Leser nicht das Herz aufgehen ließe, wie Friedman via BILD sogar über eine Hochzeit mitder Frau, mit der ich meine Zukunft gestalten will
spekuliert. Neeeein! Es ist sogar total wichtig, dass man von der Schäfer erfährt, wie sehr sie doch die Entschuldigung des geläuterten Koksersberührt
hat. Neeeeeein!! Es ist vielmehr die Tatsache, dass es offensichtlich zu einer unheilvollen Allianz von Geben und Nehmen zwischen Schäfer und dem Schlachtschiff des Boulevards gekommen ist. Du (Schäfer) gibst uns (BILD) Emotionen exklusiv und wir (BILD) geben dir (Schäfer) kostenlose Werbung:Die TV-Moderatorin probt für ihre WDR-Show
; und das immer wieder. Dann doch lieber Friedman.Der rote Teppich
(ab 26. Juli im TV) - Freitag, 11.07.2003
- Aus dem Ranking der meistzitierten Medien des letzten halben Jahres (Medien Tenor):
- Spiegel 624 Zitate
- BILD 295 Zitate
- Focus 267 Zitate
- Aus dem Ranking der meistzitierten Tageszeitungen vergangenen Halbjahres (Medien Tenor):
- BILD 295 Zitate
- Berliner Zeitung 181 Zitate
- Süddeutsche Zeitung 171 Zitate
- Samstag, 12.07.2003
- Die Love Parade muss auch in diesem Jahr Erwähnung finden. Nicht wegen der in diesem Jahr
500.000 (Polizei) bzw. 750.000 (Veranstalter) Menschen, die sich in eingezäuntem Gelände neben dem
Tiergarten auf die Siegessäule zu bewegten. Vielmehr muss sie erwähnt werden schlicht weil es sie gibt.
Denn ohne die Love Parade wäre die Welt eine schlechtere. Wirklich.
Wir demonstrieren für mehr Liebe, Frieden und Toleranz auf dieser Welt. Damit diese Botschaft vernommen wird, gehen wir seit 14 Jahren auf die Strasse.
Was wie der Tagebucheintrag eines bekifften Hippies aus den Siebzigern klingt, ist das Selbstverständnis des Organisators der Parade, Dr. Motte. Chiffren freien Denkens, freier Liebe und Freizügigkeit, stilisiert zu Charakteristika desRavers von heute
. Raven gegen Krieg, Lieben gegen Terrorismus, Feiern gegen alles, was so im letzten Jahr up-to-date war.Love Rules
eben. Nicht Dreck, Pillen, Saufen oder Koma. Diese Stigmatisierung ruft beim Veranstalter nur ein müdes Lächeln hervor. Belächelt werden darf diese Parade auch nicht! Hey, wer tut denn sonst was gegen die Zustände heute? Politiker? Die Wirtschaft? Schaut auf diese Tänzer, wie sie auf ihren Wagen - Festungen, ja Trutzburgen der gesellschaftskritischen Agitation - schreien, fuchteln, lachen, Sachen machen. Wie sie nebenbei mit selbstlosem Konsum den Säckel der verarmten Hauptstadt füllen; ist das nicht wahrhaft selbstlos? Tut der Love Parade kein Unrecht. Macht sie nicht schlecht. Oder verbietet sie sogar. Sie ist wichtig. Wer soll denn sonst nächstes Jahr gegen hohe Steuern raven oder Liebe machen für die Konjunktur? Also ich nicht.
