Die Woche im Spiegel von view

von Christian Gödecke

Sonntag, 22.06.2003
Der neue alte Boxweltmeister lächelt auf der Pressekonferenz. Lennox Lewis ist noch mal mit zwei blauen Augen davon gekommen. Sein Fast-Bezwinger Vitali Klitschko wird von den Medien einhellig als der Champion of the people gefeiert und hat einen Rückkampf wohl schon sicher. Auch er hat allen Grund, sich zu freuen. Zufriedene Gesichter beim Fernsehen: Das ZDF verzeichnet zu nachtschlafender Zeit Rekord-Einschaltquoten. Und die Box-Fans in Kalifornien? Sie feiern den ukrainischen Hünen ob so viel Blut, Schweiß und Tränen. Faustkampf fatale. Und typisch amerikanisch. Vor Monaten, als Dr. Faust (BILD) nach einem Muskelbündelriss in der Schulter seinen WBO-Titel gegen Chris Byrd durch Aufgabe verliert, titulierten ihn die gleichen Fans und die gleichen Medien als Weichei. Mit rücksichtslosem Kampf und martialischer Mimik hat er sich nun die Anerkennung Amerikas gesichert. Sein Auge wird in drei Monaten wieder hergestellt sein.
Montag, 23.06.2003
Der Stern stand bisher nicht im Verdacht, Bemerkenswertes zur Jugendkultur beizutragen. Das angestaubte Wochen-Magazin wird ähnliche Überlegungen angestellt haben. Also kaufte man mal eben eine komplette Redaktion ein, auf dass sie dem Stern neuen Glanz verleihe mit einem Heftchen für die Teens und Twens. Der Name des neuen Produktes - lange geheim gehalten - versprach denn auch Licht im Überfluss: Neon. Nomen est omen, denn was da seit heute leuchtet, kommt nicht nur auf Hochglanz daher sondern ist auch recht nett anzuschauen. Doch vieles ist dann bei näherem Betrachten nicht so blendend. Überfrachtet mit Werbung und gespickt mit konstruierten Inhalten (Die 100 wichtigsten jungen Deutschen, zwei Wahrheiten über den Orgasmus) hat der von großem Medien-Ballyhoo begleitete Launch nur eins gezeigt: Nicht alles was glänzt ist auch gelungen. In Zukunft sollte sich die Mannschaft um Herausgeber Thomas Osterkorn - die einst mit dem Jetzt-Magazin für Furore sorgte - deshalb besser des eigenen Mottos erinnern: Eigentlich sollten wir erwachsen werden.
Dienstag, 24.06.2003
Wenn es nach Orrin Hatch, 69, geht, müssen sich Raubkopierer in Zukunft warm anziehen. Der Senator des erzkonservativen US-Bundesstaates Utah schlägt vor, die Rechner von illegalen Softwaredieben in sogenannten p2p-(peer-to-peer) Netzwerken per virtueller Selbstschussanlage zu desintegrieren. Die Idee mutet absurd an, doch in Anbetracht weltweiter Wirtschaftskrise erscheint sie erschreckend rational. Hatch lässt sich auch nicht davon abschrecken, dass sich selbst Firmen, die von einer solchen Neuerung profitieren könnten, dagegen aussprechen. Die Zerstörung von Computern, erklärt der Senator, sei vielleicht der einzige Weg, um jemandem die Bedeutung des Urheberrechtsschutzes deutlich zu machen. Der greise Politiker, mit einem virtuellen Büro selbst im Internet vertreten, tut allerdings gut daran, mit der Umsetzung der Pläne noch zu warten: Das Internetmagazin Wired nahm die Website des Gutmenschen näher unter die Lupe und stieß prompt auf unlizenzierte Software.
Mittwoch, 25.06.2003
Finanzminister Hans Eichel vergisst im Bundeshaushalt 2004 die Kosten für ein Vorziehen der dritten Stufe der Steuerreform. Deshalb kann man den Entwurf auch getrost vergessen.
Donnerstag, 26.06.2003
Nachdem sich jetzt auch die ZEIT als letztes der Schwergewichte deutscher Medien auf die Seite des öffentlich angeprangerten Michel Friedman geschlagen hat und Herausgeber Michael Naumann (Die Staatsanwälte sind durchgeknallt) gar eine Klage der Justiz riskiert, stellt sich heute die entscheidende Frage: Kommt er oder kommt er nicht? In vielen Programmzeitungen ist er noch angekündigt. Doch Friedman weicht wieder einmal, diesmal einer Reportage mit dem Titel Das ist ein schmutziges Geheimnis... US-Kampfpiloten unter Drogen. Was wie unfreiwillige Komik anmutet, hat in Wahrheit System. Erstens ist heute Weltdrogentag und zweitens profiliert sich die ARD gerade still und heimlich als Vorreiter im Kampf gegen alle Sorten von Rauschmitteln. Ob nun Go-Pillen für amerikanische Bomberpiloten oder Koks für deutsche Kampfmoderatoren. Alles wird durch bloße Zur-Schau-Stellung verpönt. Vorprogrammiert ist der Erfolg keineswegs: Als das Erste einst gegen fortschreitende Demenz in der deutschen Bevölkerung vorgehen wollte und Heinz Schenk als Moderator für den Blauen Bock verpflichtete, war das Ergebnis katastrophal: Helmut Kohl wurde Bundeskanzler und Wussow Chef der Schwarzwaldklinik.
Freitag, 27.06.2003
Das ewige Verhandeln hat endlich ein Ende. Das DSF überträgt ab der kommenden Saison die Sonntagsspiele der Fußball-Bundesliga. Für zwölf Millionen Euro. Das ZDF lässt das rostige Sportstudio weiter offen und verwertet zweit am Samstagabend, wie es so schön heißt. Das Ganze für 15 Millionen. SAT 1 tröstet sich mit der Champions League und zahlt dafür knapp 30 Millionen. Und was macht die ARD? 60 Millionen zahlen, die Sportschau wieder ausgraben und ab der kommenden Spielzeit in der ersten Reihe jubeln. Aber wer wird eigentlich das einstige Flaggschiff des deutschen Fernsehens moderieren? Günter Netzer und Gerhard Delling? Nein. Grimme-Preisträger können nicht das Erbe von Wontorra oder Welke antreten. Waldi Hartmann und Gerd Rubenbauer? Nein. Die bierselige Bayern-Connection ist schlichtweg zu alt. Und das anbiedernde Du Franz, warum hoam die Bayern so schlecht g'spuit? will auch keiner mehr hören. Nein! Denn die Lösung liegt so nah: Beckmann und Kerner werden es. Die Symbiose aus dem ehemaligen ran-Chef B. und dem Berufsjugendlichen K. deckt nahezu alle Zielgruppen ab. Interviews mit gestressten Profis versprechen eine ungeahnte Tiefe. Und beide erfüllen noch eine weitere - bei der Sportschau unablässige - Bedingung: Sie haben keine Ahnung. Na dann, gut Sport.
Samstag, 28.06.2003
Noch nie hat es eine vergleichbare Streikniederlage gegeben. (IG Metall-Vize Jürgen Peters)