Die Woche im Spiegel von view

cartoon von Klaus Esterluß

Sonntag, 15.06.2003
Preisfrage: Welcher Band verdanken wir die folgenden umwerfenden Zeilen? (Keine Angst, es bleibt einfach):
Ich kriege keine Befriedigung, Ich kriege keine Befriedigung, weil ich es versuche, versuche, versuche, versuche... und so weiter. Poetisch sicher wertvoll dieser Textauszug. Dachten auch die über 50.000 Menschen, denen Eintrittspreise um 100 Euro nicht zuviel Geld waren, um die Rolling Stones live in, um und auf der Berliner Waldbühne zu sehen. Bemerkenswert ist die Energie, mit der die jeweils knapp sechzig Jahre alten Herren noch immer rocken können. Immerhin standen sie schon vor 38 Jahren auf der selben Bühne, die damals allerdings nach kurzer Zeit zu Kleinholz zerlegt wurde.
Aber auch die Fans reifen mit der Band und im knapp erreichten Greisenalter reißen sich Sitzgelegenheiten nicht mehr ganz so einfach aus der Verankerung. Wie das wohl erst in 20 Jahren wird?
Montag, 16.06.2003
Der Vorstand der IG Metall beschließt am Abend eine Ausweitung der Streiks der Metall- und Elektroindustrie auf Berlin und Brandenburg. Dort sind rund 4500 Beschäftigte zum Protest aufgerufen. Bislang wird der Streik nur in Sachsen geführt, dort aber schon in der dritten Woche. Es geht um die Kürzung der Wochenarbeitszeit in Ostdeutschland von 38 auf 35 Stunden und damit die Angleichung ans Westniveau.
Dienstag, 17.06.2003
Mr. Immer-die-hippste-Frisur und nebenbei Fußballgott David Beckham geht. Und zwar weg von ManU hin zu Real Madrid. Für die unbedeutende Ablösesumme von 35 Millionen Euro und einer Tagesgage um die 100.000 Euro kann sich der Champions-League Gewinner nun mit einem neuen Zugpferd brüsten. Sportliche Gründe sind nicht Schuld am Weggang heißt es, sondern die Völkerverständigung. Schließlich spielen in Spanien hauptssächlich Ureinwohner der südlichen Hemisphäre und das soll sich ändern. Kühle britische Stadtluft ins vergleichsweise tropische Madrid. Und damit es nicht ganz einsam wird, kann Ex-Posh-Spice Victoria mein Mann trägt auch gern mal meine Unterwäsche Beckham mit Spielerfrau Kollegin McManaman zum shoppen gehen. Die freut sich schon.
Abseits dieser Ultrameldung begeht man in Deutschland den 50.Jahrestag des Volksaufstandes gegen das System der DDR. Im Vergleich zu den Jahren davor mit einigem Tamtam.
Mittwoch, 18.06.2003
Gut hats der Clement nicht dieser Tage. Da hat er als Wirtschaftsminister schon genug Schelte ob der lahmenden Konjunktur einstecken müssen, und dann erntet er mit seiner sommerlich leichten Idee, zugunsten eines höheren Wirtschaftswachstums ein paar Feiertage zu streichen, erneut harsche Kritik. Clement solle nicht jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf treiben, lies DGB-Chef Michael Sommer hören. In erster Linie gäbe es zu wenig Arbeit und die würde durch Feiertagstreichungen auch nicht mehr. Der Berliner Kurier rechnet dem geneigten Leser vor, dass Bayern immer noch die meisten Feiertage hat. Kirchliche natürlich. Berlin gehört zu den weniger begünstigten. Und wer hat das höchste Wirtschaftswachstum? Bayern. Nicht Berlin.
Donnerstag, 19.06.2003
Dieter Bohlen for president! Oder mindestens Bundesverdienstkreuz. Nach der zweiten Trennung der Megalultrasupergeilundsowasvonkreativband Modern Talking hätte er das sogar verdient. Meint auch die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur, Monika Griefahn (SPD). Allerdings sind ihre Gründe andere: Bohlen habe sich für den Nachwuchs eingesetzt, sei ein Vorbild für die Jugend und zahle seine Steuern in Deutschland. Deutschland sucht den Superstar fördert den Nachwuchs, Kids singen wie Uns-Dieter und schreiben auf ihre Berufswunschkärtchen: Ey, ich will wiedder Didder wern. Das is meeegageil! Oder vergleichbares. So was rettet sicher das Land.
Freitag, 20.06.2003
Glücklich ist der Berliner Verkehrssünder, wenn die Meldung stimmt: Er kann in Zukunft sein Auto getrost parken, wo es beliebt, denn Berlin will 90 von 153 Politessen von der Strasse in die Arbeitslosigkeit, also quasi auf die Strasse setzten. Oder umlagern, jedenfalls wegfallen lassen. Was auch immer das bedeutet. Das berichtet die Berliner Morgenpost und warum sollte sie nicht recht haben. Schließlich kostet jedes Knöllchen nicht nur den Sünder wertvolles Kleingeld, sondern auch jeder Knöllchengeber dem Stadtsäckel einiges an Lohn. Und Berlin muss sparen, dass sollte derweil bekannt sein. Wer aber nun die einzutreibenden Bußgelder eintreiben soll, wenn nicht die wegrationalisierten Politessen, fragt sich der Kritiker. Und nicht nur der.
Samstag, 21.06.2003
0:01 Uhr, pünktlich zur kürzesten Nacht des Jahres wird der fünfte Harry Potter Band in Englisch veröffentlicht. Harry Potter and the Order of the Phoenix heißt das gute Stück, besser behütet als Ford Knox wird es und drei Jahre hat es gedauert, bis Joanne K. Rowling damit fertig war. Ob es sich lohnt wird sich zeigen, denn bisher hat offiziell niemand einen Blick riskieren dürfen. Nichtmal Rowlings Ehemann. Der weiß genauso viel wie die Leser, sagt er zumindest und hatte die ehrenvolle Aufgabe, seine Frau tröstend in den Arm zu nehmen, als jene eine der Hauptfiguren über den Jordan schickte. Rein schreiberisch, versteht sich. Welche das ist? Angeblich weder Harry, noch Ron noch Hermine. Wäre ja auch albern. Außerdem entdeckt der wild pubertierende Harald P. das weibliche Geschlecht und hat eine Freundin, hört man läuten. Wir alle werden schlauer sein, wenn sich die Stahltore zur millionenhohen Startauflage öffnen. 255.000 Worte auf 768 Seiten werden eine Weile beschäftigen.