Die Woche im Spiegel von view

von Christian Gödecke

Sonntag, 25.05.2003
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Vor 140 Jahren wurdest du als Zusammenschluss unzufriedener Arbeitergruppen von Ferdinand Lasalle gegründet. Damals war dein Name Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein. Du hattest in all den Jahren große Politiker in deinen Reihen. Kurt Schumacher, Erich Ollenhauer, Willy Brandt, Helmut Schmidt. Du setztest dich stets für die Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität ein. Du meintest, diese Werte würden die Rechte der Arbeiterschaft am besten wiedergeben. Deshalb brachtest du sie in deinem Godesberger Programm unter. Das ist jetzt 44 Jahre her. Manche meinen, Du solltest Dich dieser Werte wieder besinnen, wenn es um den Umbau des Sozialstaates geht. Manche meinen, du solltest noch radikaler gegen diese deine Grundwerte opponieren. Innere Veränderung nennen die das. Was wünscht man denn nun dem Jubilar? Glück? Hattest du schon genug in den letzten Jahren. Erfolg bei den anstehenden Reformen? Sinnlos, zu schwer scheint die Last. Nicht zu schultern. Ich wünsche dir stattdessen einen unermesslich reichen Banker zum Mäzen, der Dich liebt und achtet. Der Dir Kredit gibt, soviel du verlangst. Den kannst du dann immer wieder verspielen. Und so bleiben wie du bist, SPD!
Montag, 26.05.2003
Sebastian Deisler (Bayern München) verpennt das Training. Sonst war nicht viel.
Dienstag, 27.05.2003
Während in Deutschland über Steuererhöhungen nachgedacht wird, geht man andernorts den Steuersenkungsweg. Wie auf den Balearen. Dort hat die Bevölkerung gerade gewählt und der neue Ministerpräsident gibt sich radikal: Die Ökosteuer muss weg. Vor gerade einem Jahr eingeführt, ist die ecotasa offensichtlich schon von der Realität eingeholt. Sie sollte ursprünglich die Auswirkungen des Massentourismus auf die Umwelt abmildern, jetzt will der ehemalige spanische Umweltminister Jaume Matas lieber den Hotels der Region ihre Feriensaison retten. Es ist bald Juni. Hochsaison. Dann fallen wieder Heerscharen von Deutschen Urlaubern auf den Balearen ein, besser bekannt als Mallorca, Menorca oder Ibiza. Sie werden dafür sorgen, dass zwanzig Mal mehr Geld in die Kassen fließt als durch die Steuer. Die Wirte sagen Danke. Die Deutschen werden saufen, singen und - nicht sauber machen.
Mittwoch, 28.05.2003
Im schlechtesten Endspiel der Geschichte (Marca/Spanien) kürt sich der AC Mailand zum Champions-League-Sieger 2003. Das italienische Duell Milan gegen Juventus Turin bietet bis zum Elfmeterschießen kargste Kost, taktisches Geplänkel und Langeweile pur. In Chile sorgt zur gleichen Zeit Faustino Asprilla für Schlagzeilen. Der ehemalige kolumbianische Stürmerstar (Parma, Newcastle) macht seinen Trainingskollegen von Universidad auf seine Art Beine: Er schießt mit einem Revolver zweimal in die Luft. Kurz darauf steigt er in sein Auto und verschwindet. Zwei gegensätzliche Ereignisse, ein Ergebnis: Es ist ein Tag, an dem Fußball zum Schimpfwort wird.
Donnerstag, 29.05.2003
Der ehemalige SPD-Vorsitzende Oscar Lafontaine ist auf der Suche nach einem neuen Forum fündig geworden: Nachdem Generalabrechnungen mit der Politik seines ehemaligen Troika-Kumpanen Gerhard Schröder bereits via BILD, Bunte und dem eigenen Buch geführt worden waren, wirft die Küchenschabe der Sozialdemokraten (starker Panzer, man kann sie nicht recht leiden, die meisten treten auf ihr rum) auf dem ökumenischen Kirchentag dem Kanzler erneut Wortbruch vor. Als Hauptargument führt Lafontaine Schröders Wahlversprechen an, die Rente nicht anzutasten. Gleichzeitig habe der Kanzler jedoch an Rentenkürzungen gearbeitet. Viertausend Gläubige klatschen Beifall. Ihr Gott ist in diesem Moment eins sechzig groß und hat rote Wangen. Es ist seine Auferstehung. Die wievielte eigentlich?
Freitag, 30.05.2003
Paul Wolfowitz ist stellvertretender Verteidigungsminister der USA. Und ein Spielverderber. Sein Präsident macht die gesamte Welt glauben, dass es im Irak gefährliche Waffen gebe, und dann das: Aus bürokratischen Gründen haben wir uns auf eine Sache konzentriert, die Massenvernichtungswaffen. Was wie das Geständnis eines vorgeschobenen Kriegsgrundes klingt, ist natürlich aus dem Zusammenhang gerissen, wie das Pentagon sich beeilt, zu versichern. Ja klar. Ebenso aus dem Zusammenhang gerissen ist dann wohl auch die Aussage von Wolfowitz, die USA hätten den Krieg eigentlich geführt, um ihre Truppen endlich aus Saudi Arabien abziehen zu können. Ja was denn nun? Donald Rumsfeld, Wolfowitz' Vorgesetzter, könnte Licht ins Dunkel bringen. Der sagt dann auch, dass Saddam chemische und biologische Kampfstoffe besessen habe. Möglicherweise hat der Diktator diese aber vor dem Krieg vernichten lassen.
Samstag, 31.05.2003
Da sage mal einer, SPD und Popkultur sei ein Paradoxon der besseren Sorte. Wer nämlich die Regierungspartei bisher mit einer antiquierten und senilen Dame verglichen hat, die vom aktuellen Zeitgeist nur die Nachwehen mitbekommt, hat sich gründlich getäuscht: Die Sozialdemokraten haben seit heute sogar einen eigenen Fachmann für all das, was DSDS und Starsearch zur kulturellen Vielfalt in diesem Lande beisteuern. Der Mann heißt Sigmar Gabriel und war mal Ministerpräsident. Ein Hoffnungsträger. Damals nannte man ihn den kleinen Kanzler und wenn gewählt wurde, präsentierte sich Gabriel gern mit Barden wie Maffay und Lindenberg. Der Parteivorstand hat ihn auch deshalb zum Beauftragten für Popkultur und Popdiskurs ernannt. Ein Abstieg? Mitnichten! Gabriel darf jetzt die junge Zielgruppe an die Partei binden. Die könnte ihn dann später wählen, wenn er wieder Ministerpräsident werden will. Oder Kanzler. Irgendwie cool.