Die Woche im Spiegel von view

cartoon von Jürgen Wutschke

Sonntag, 18.05.2003
Das vorerst letzte Formel 1 Rennen auf dem österreichischen A1 Ring bringt zwei Erkenntnisse: 1. Irgendwie will keiner und trotzdem müssen alle im nächsten Jahr irgendwo in der Wüste ihre Runden drehen. Selbst die Gartenzwerge der Umgebung erklären sich solidarisch mit den Fahrern und lassen die Zipfelmützen theatralisch gen Boden baumeln. 2. zeigt sich, dass auch Formel 1 Wagen prima bei Fehlbedienung brennen können. So geschehen bei Michael Das Kinn Schumacher, dessen Bolide bei einem verkorksten Tankstopp kurzzeitig partiell in Flammen steht. Der Kerpener gewinnt trotzdem und kommentiert das Ereignis mit: Meine Mechaniker dachten wohl, ich sei ein bisschen zu cool gewesen und wollten mir einheizen. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.
Montag, 19.05.2003
Das in der Regel unscheinbare und vor allem durch einen latent pastoralen Einschlag in seinen Reden auffallende Gute Gewissen der Deutschen und der SPD, Johannes Rau, tut es heute zum vierten Mal und hält seine Berliner Rede im Maxim Gorki Theater. Inhaltlich sollen die Grundlagen und Perspektiven der deutschen Aussenpolitik dargelegt werden. Rau will Mut zur Zivilität und Versöhnung und Mildigkeit und hält eine gute Rede, wie anwesende Diplomaten sagen.
Rau wünscht sich ein selbstbewußtes und starkes Europa an der Seite der USA und fordert eine gerechte internationale Ordnung als Ziel deutscher Aussenpolitik.
Und Gott sprach es werde Friede auf Erden und es ward. Hoffentlich.
Dienstag, 20.05.2003
Was alle wussten, ist nun amtlich, Das Preissystem der Bahn ist einfach Mist. Wer weiß schon, wann er in sechs Monaten wohin fährt, wie lange er bleibt und woher die zwölf Verwandten ersten und zweiten Grades genommen werden sollen, die allesamt eine Bahncard haben müssen und dann zusammen beruhigt werden wollen, weil die Kontingente an diesem Tag ersatzlos gestrichen wurden. Zwei Vorstände der Bahn müssen gehen, der Steuerzahler das mittlerweile auf 11 Mrd. Euro angewachsene Defizit decken und dennoch leierte Chef Mehdorn dem Kanzler einen neuen 5-Jahresvertrag aus den Rippen.
Ab sofort müssen Spitzenmanager ihre Einkünfte offen legen. Auf Druck aus Politik und Öffentlichkeit wird das Portemonaie gläsern. Trotz allgemeiner Wirtschaftsflaute haben auch im Vorjahr manche Vorstände ihre Bezüge um bis zu 50 Prozent angehoben.
Mittwoch, 21.05.2003
Um kurz vor Mitternacht läuft in Deutschland die Fortsetzung des Cyberthrillers Matrix an. Schon am Wochenende verortet die FASZ die Matrix irgendwo zwischen Nietzsche, den Heilsgeschichten und dem Schamanentum. Summa summarum alles nur geklaut. Und eben deshalb so erfolgreich. In den USA brach der Film am Startwochenende sämtliche Einspielrekorde. Das wird hier zu Lande vermutlich nicht anders werden. Wie bereits im ersten Teil der Saga, der den seit dem unzählige Male zitierten bullet-dance profilierte, werden wieder Maßstäbe in der Tricktechnik erwartet. Dass darüber die Story ein wenig auf der Strecke bleibt, wen stört das schon.
Donnerstag, 22.05.2003
In Algerien erhöht sich die Zahl der Todesopfer des verheerenden Erdbebens auf etwa 1000. Europa entsendet Hilfsgüter und Fachkräfte. Die algerische Regierung kauft die landesweiten Vorräte an abgefülltem Trinkwasser auf. Bei bis zu 35 Grad im Schatten steigt das Risiko der Seuchen erheblich.
Relativ ruhig ist es um die Modeseuche SARS geworden. Aus China werden immer weniger Neuinfektionen gemeldet. Dafür steigt die Zahl der Infizierten wieder in Kanada an. Britische Wissenschaftler haben den Herkunftsort des Virus' ins All verlagert. Die Welt kann wieder schmunzeln.
Freitag, 23.05.2003
Deutschlands Reformen kommen in Schwung. Ab September wird es auf den bundesdeutschen Autobahnen eine LKW-Maut geben, deren Einnahmen einschließlich in die Verkehrsinfrastruktur fließen sollen. Einmal in Fahrt gekommen werden die Rentenanhebungen gemildert, der ostdeutsche Rentner erhält statistisch nun 88 Prozent der Westrente, die Krankenpflegerausbildung wird modifiziert und das notorisch klamme Berlin peitscht die Erhöhung der Anwohnerparkausweise um 300 Prozent durch. Zudem wird der 32 statt bislang 18 Seiten starke Pass erfunden. Positive Erfahrungen aus Italien und England dienen als Vorbild.
Am Abend feiert die SPD ihren 140 Geburtstag. Parteivorsitzender Schröder appelliert an die Geladenen, sich wie so oft noch einmal selbst am Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Hinter den Kulissen wird NRW-MP Peer Steinbrück bearbeitet, die Koalition mit den Grünen und dabei hauptsächlich mit deren Chefin Bärbel Höhne zumindest noch bis zum Sonderparteitag am 1. Juni beizubehalten.
Die Grünen ihrerseits beschließen in einer Mitgliederbefragung, dass künftig ein Drittel der Vorstandmitglieder auch ein Abgeordnetenmandat besitzen dürfen. Während Claudia Roth, die eben deshalb vor einem Jahr als beliebte Parteivorsitzende zurück treten musste, beginnt nun das große Schachern. Vor allem auf die nicht ganz so populäre Parteichefin Angelika Beer prasseln plötzlich von allen Seiten Komplimente und Belobigungen hernieder. Man bastelt an einem neuen Amt für sie.
Samstag, 24.05.2003
Wie Arsch und Friedrich (R. Siegel) soll es diesmal nicht werden. Dennoch schickt Deutschland trotz allem Spott im Vorfeld wieder den Grand-Prix-Veteranen Siegel ins Rennen und dieser die rothaarige Lou mit einem Hedonismussong. Während die Welt eigentlich nur darauf wartet, wie das russische Retorten-Duo Tatu schockieren will, ob es sich küsst, in dildogleiche Mikrofone stöhnt oder einfach nackt auftritt. Für diesen Fall will das lettische Fernsehen Bilder aus der Generalprobe senden. In der wurden die Teenager allerdings ausgebuht. Am Abend wird dann überraschend die Vertretung aus der Türkei den Prix gewinnen und im folgenden Jahr als Titelverteidiger austragen.