Die Woche im Spiegel von view

cartoon von Christian Gödecke

Sonntag, 11.05.2003
Gute Nachrichten für die Union und kein Ende: Die SPD sackt in den Umfragen auf desaströse 25 Prozent, der Finanzminister der Koalition wird öffentlich geprügelt und ein christsozialer Ministerpräsident bekommt eine Audienz beim amerikanischen Präsidenten. Jetzt auch noch das: Steffel ist weg. Kollektives Durchatmen in der Partei, denn mit dem Kennedy von der Spree (BZ) geht der wohl größte Antipathieträger der Hauptstadt endlich in den politischen Ruhestand. Zeit wurde es auch. Verfehlungen waren für Steffel irgendwie immer eine conditio sine qua non: Erst brach er im Wahlkampf 2001 eine Lanze für die erzkonservative Meinung (Kommunisten sind rot angestrichene Faschisten). Dann brach die CDU auf 24 Prozent ein. Am Schluss brach der Hinterzimmerpolitiker (CDU-Kreise) mit fast jedem in der Partei. Christoph Stölzl, Vorsitzender der Berliner CDU, würdigte den Rücktritt des 37-jährigen Fraktionschefs als Einsicht in das Unmögliche. Manchmal kommt die Einsicht eben auch nach dem Fall.
Montag, 12.05.2003
Beinahe hätte Fizzer den Rechner des Autors zerstört.
Dienstag, 13.05.2003
2002 war ein Jahr der mutigen Entscheidungen. Erst beschlossen Millionen deutsche Bundestrainer, dass Vizeweltmeister doch ein Titel ist, ein schöner dazu. Dann beschloss Stefan Effenberg, Claudia Strunz glücklich zu machen und den VfL Wolfsburg obendrein. Am Ende beschloss Bayern, wieder mal Meister zu werden und Rudi Völler entschied: Es gibt keine Kleinen mehr! Bei Bayer Leverkusen entschied man, nicht mehr Zweiter zu werden. Als jedoch die Krisen kamen, entschied man sich spontan, diese einfach weg zu entscheiden. Manager Rainer Calmund (der dicke Calli) vergoss ein paar Tränen und beschloss, Trainer Klaus Toppmöller sei nicht mehr der Richtige. Die Entscheidung fiel auf den Trainer Thomas Hörster. Der entschied irgendwann, dass der Job nichts für ihn sei und trat zurück. Daraufhin entschied der Vorstand, der Rücktritt sei kein Rücktritt und die abstiegsbedrohte Mannschaft beschloss, dass man das jetzt durchziehen muss. Mit dem Sportdirektor Kohler an der Seite. Zwei Spieltage vor Schluss entschied man dann, dass Hörster vielleicht doch besser zurückgetreten wäre und beschloss, den eben bei Nürnberg entlassenen Klaus Auge Augenthaler zum neuen Übungsleiter zu machen. Mutig. Konsequenz: Nach all den Entscheidungen entscheidet der Pillenclub jetzt auch noch den Abstiegskampf.
Mittwoch, 14.05.2003
Lothar Bisky, 61, hält Wort. In der Not, hatte er angekündigt, stehe er noch einmal für ein Amt zur Verfügung. Jetzt ist die Not groß und der alte Bisky nötig. Er wird erneut für den Bundesvorsitz der Partei kandidieren. Da es sich bei der Partei um die PDS und beim Bundesvorsitz dieser Partei mittlerweile um ein Amt von eher marginaler Öffentlichkeitswirksamkeit handelt, sei an dieser Stelle lediglich auf die Not der Demokratischen Sozialisten eingegangen. Die Not ist eingetreten, weil die farblose Parteichefin einer konturlosen, zerstrittenen Partei beschloss, nicht mehr mittun zu wollen. Zermalmt zwischen Alt-Kommunisten wie Hans Modrow und Erneuerern wie Dietmar Bartsch, verkommen zur Bedeutungslosigkeit in Bundespolitik (2 Bundestagsmandate) wie auch in Landespolitik (Berlin aktuell: neun Prozent), gibt Gabi Zimmer die Verantwortung ab. Nun übernimmt also der Integrationsopa (Welt). Bisky tut gut daran, sich selbst nicht zur finalen Lösung oder gar zur Rettung der Partei zu stilisieren. Dafür ist er viel zu alt. Die Not viel zu groß. Und die Partei viel zu bedeutungslos.
Donnerstag, 15.05.2003
Steuern rauf, Steuern runter. Die Vorschläge zur Sanierung des angeschlagenen Staatshaushaltes gleichen in den vergangenen Wochen der viel zitierten Achterbahnfahrt. Erbschaftssteuer rauf (Eichel), Eingangssteuersatz runter (FDP u.a.), Mehrwertsteuer rauf (Böhmert, Eichel auch irgendwie), alle Steuern runter (BILD). Jetzt ist auch die Stadt Köln auf den Steuerzug aufgesprungen und plädiert gar für eine neue Steuer: Die Sexsteuer. Demnach soll die rheinische Metropole bei Bordellen und Erotik-Shows extra kassieren dürfen. Das bundesweite Echo lässt nicht lange auf sich warten. Aufschrei allenthalben, denn die erweiterte Vergnügungssteuer geht eindeutig zu weit. Bekommt jetzt Mama weniger Wirtschaftsgeld? Leidet die Bildung der Kleinen, wenn der Papa mal schnell verschwindet und mehr Geld für die Kneipe mitnehmen muss? Führt die neue Abgabe zu schwindender Nachfrage oder gar den ersten Arbeitslosen im ältesten Gewerbe der Welt? Fragen unter der Gürtellinie. Antworten bei ihrem Nachbarn.
Freitag, 16.05.2003
Neues vom Altkanzler: Der gewichtige Ex-Politiker Helmut Kohl taucht nach langer Fernsehabstinenz (man erinnert nur noch den Auftritt bei der Parteispenden-Untersuchung) in der ARD-Sendung Panorama auf. Und wieder hat er deutliche Schwierigkeiten, Fragen konkret zu beantworten. Das Kuratorium ZNS, das sich für Unfallverletzte mit Schäden des Zentralen Nervensystems einsetzt, hatte im Gedenken an Hannelore Kohl nach Bonn geladen. Mittendrin, aber offenbar nicht in Feierstimmung, der große Mann mit dem kleinen Gedächtnis. Anstatt auf die eigentlich simple Frage des Reporters Wofür haben Sie die Gelder des Herrn Kirch bekommen? zu antworten, fährt der Dicke umgehend die ganz schweren Geschütze auf und bellt: Die brauchen wir, um den Landesverrat Ihrer Gesinnungsgenossen aufzuzeichnen. Leugner der Einheit. Landesverrat bei Machenschaften Ihres Senders. Landesverrat? Gesinnungsgenossen? Selten hat ein Politiker einen ähnlich erbärmlichen Eindruck hinterlassen. Was bleibt ist kollektives Kopfschütteln über einen Mann, der offensichtlich irgendwo im Kalten Krieg hängen geblieben ist. Und besser nicht wieder auftaucht.
Samstag, 17.5.2003
Der Vorhang ist gefallen. Der kleine Schauspieler abgegangen. Applaus, Applaus. Nicht für die Leistung, nein, für den Akt an sich. Die Generösität des Augenblicks. Don't cry for him, Argentina schreibt der Spiegel über Carlos Menem, den großartigsten aller argentinischen Ex-Präsidenten. Wie der Einsfünfzigmann sich einer zu schweren Bürde entledigte, nötigt Respekt ab. Wer will von einem kleinen Mann wie ihm denn verlangen, die Welt (sprich: Argentinien) auf seinen Schultern allein zu tragen? Wer kann ihm, einem Perónisten der ersten Stunde, abnötigen, sehenden Auges eine Niederlage einzugestehen? Ein Carlos Menem hat das nicht nötig. Pah. Und wer behauptet, Menem sei es nicht um Argentina sondern um einen egozentrischen Vergnügungsausflug zurück in die Politik gegangen, was weiß der schon? Ok, er hat sich damals, in den Neunzigern, beim Golfen fotografieren lassen, während in Buenos Aires während der Rezession die Barrikaden brannten. Aber dass dieser Kirchner, der jetzt durch seinen (Menems) Entschluss allein neuer Präsident ist, ihn der Fahnenflucht bezichtigt. Kopfschütteln. Ein Carlos Menem flüchtet nicht. Er zieht sich geschickt zurück und kommt irgendwann wieder. Und wenn es nur ein bisschen blitzlichtgewittert.