Mei(n) Minga!

Fasching

Der Berliner Christian Gödecke ist für drei Monate in München. An dieser Stelle steht jede Woche sein Tagebuch aus einer fremden Stadt.

Ich bin kein Freund von Fasching. Ich habe da schlechte Erinnerungen. Einmal war ich als kleiner Junge zu einem Kindergeburtstag eingeladen. Es war Faschingszeit und meine Mutter hatte mich als Pirat verkleidet. Nun ist der Pirat keine besonders ausgefallene Verkleidung. Doch ich war stolz auf mein Kostüm. Als ich auf dem Kindergeburtstag ankam, war ich der einzige Verkleidete. Seither habe ich nie wieder Fasching gefeiert.

Vor vier Tagen war ich im Hofbräuhaus. Hier ist gerade auch Fasching. Und viele Gäste in diesem traditionellen Gasthaus hatten sich deshalb verkleidet. Die meisten als bierbäuchige, rotwangige Männer mit Gamsbart. Es war nicht besonders schön anzusehen. Einige Frauen gingen als Japanerinnen. Fünf Männer hatten sich Trachten angezogen und Musikinstrumente dabei. Sie spielten An der Nordseeküste und Auf der Reeperbahn nachts um halb eins. Ein bisschen fühlte ich mich wie damals auf dem Kindergeburtstag. Nur dass ich diesmal der einzige war, der sich nicht verkleidet hatte.

Es wurde geschunkelt, gesungen, gelacht - und getrunken. Am meisten an den Stammtischen. Davon gibt es im Hofbräuhaus einige. In meiner Nähe standen drei. Sie boten Platz für jeweils zwanzig Menschen. Der erste Stammtisch hieß Die Eingebor'nen oder so. An ihm saßen nur zehn Männer, aber der Tisch war trotzdem voll. Die Männer auch. Anders war es nicht zu erklären, dass sie in Ermangelung von Frauen sogar den Obern auf die Allerwertesten schlugen. Alle lachten und als Auf der Reeperbahn... gespielt wurde, sangen sie mit. Jedenfalls den Refrain.

Am zweiten Stammtisch - bei den Auß'nseitern - saßen ein fülliger Mann mit Gamsbart und noch ein fülliger Mann ohne Gamsbart, aber mit Vollbart. Beide hatten glühend rote Wangen und jeweils ein Weißbier vor sich stehen. Sie unterhielten sich mit drei japanischen Mädchen. Offensichtlich hatten die beiden älteren Männer den drei jungen Frauen ein Weißbier ausgegeben. Die Japanerinnen mochten aber kein Weißbier, denn die Gläser waren noch voll. Eine der Japanerinnen malte etwas. Als sie fertig war, zeigte sie dem Gamsbartträger das Blatt. Darauf war ein dicker Mann mit Gamsbart. Der Mann lachte und zeigte dann dem anderen Mann das Bild. Der lachte auch und nickte anerkennend. Er wollte wohl auch so ein Bild haben. Dann sagte der Gamsbart Thank you. Als Dankeschön bestellte er der Japanerin noch ein Weißbier.

Am dritten Stammtisch saßen auch zehn Männer. Sie sahen aus wie die Eingebor'nen, aber schlugen weder den Obern auf den Hintern noch sangen sie bei den Liedern der Hofbräukapelle mit. Sie saßen einfach nur da und starrten grimmig in ihre Bierkrüge. Sie schienen eher verärgert, dass man in ihrem Bayern norddeutsche Lieder spielte und Japanerinnen sich mit Bildern über ihre Landsleute lustig machten. Ihnen war einfach nicht zum Feiern zumute. Als zwei von ihnen bezahlten, warfen sie mir einen freundlichen Blick zu und lächelten. Sie hatten verstanden, die Brüder im Geiste.