Mei(n) Minga!
Der Kühlschrank
Der Berliner Christian Gödecke ist für drei Monate in München. An dieser Stelle steht jede Woche sein Tagebuch aus einer fremden Stadt.
Man hat es nicht immer leicht, wenn man ein kommunikativer Mensch ist. Hier zuhause ist ja niemand, mit dem ich reden kann. Und telefonieren ist auf Dauer ganz schön teuer. Deshalb habe ich heute mit meinem Kühlschrank gesprochen.
Als erstes mit dem Ingwer. Der Ingwer sagte mir, dass er schon seit drei Monaten im Gemüsefach liegen würde. Ihm sei langsam echt kalt und außerdem sei er ziemlich sauer, dass ich ihm letztens die Gurke schon nach einem Tag entwendet habe. Es war wohl sehr nett mit der Gurke. Auch der Ingwer ist offensichtlich ziemlich kommunikativ.
Es ist schön, was man so alles findet, wenn man sich mal länger mit den Kühlschränken anderer Menschen beschäftigt. Wenn man sie nicht nach wenigen Augenblicken wieder schließt nur weil man Angst hat, sie könnten innerhalb von zehn Sekunden abtauen. Kühlschrankschauen ist wie eine fantastische Reise in eine fremde Welt.
In der untersten Etage lag ganz hinten versteckt eine Packung Bambus. Der Bambus lebte aber nicht mehr. Leider. Er hätte bestimmt viel zu erzählen gehabt.
Mit der Zellophanschüssel war das was anderes. Diese Zellophanschüssel hatte sich unscheinbar vor das Lüftungsrad geschoben, ich hatte sie vier Wochen nicht bemerkt. Als ich den Pappdeckel öffnete, lächelte mich grüner Schimmel an. Er war offensichtlich erleichtert, dass nach so langer Zeit mal jemand nach ihm sah.
Ursprünglich war der Schimmel mal das Gericht Nummer dreiundsiebzig auf irgendeiner Karte irgendeines chinesischen Lieferservice' gewesen. Jedenfalls stand diese Zahl auf dem Pappdeckel. Aber das war schon sehr lange her. Dann waren die Monate ins Land gezogen und Nummer dreiundsiebzig hatte sich mit der Zeit ein grünes, weiches Kleid angezogen.
Die interessanteste Entdeckung aber waren die Bismarckheringe. Die lagen platt in einem milchigen Glas. Ich tippte mit meinem Zeigefinger gegen das Glas und sagte so was wie Na ihr kleinen Heringe ihr seid aber von ziemlich weit her oder? Dann wurde mir bewusst, dass diese kleinen Fische längst tot waren. Sie waren schon am Ende ihrer Reise angekommen, als ich noch in Berlin Räucherlachs zum Frühstück gegessen und Silvesterraketen in den Nachthimmel geschossen hatte. Für einen kurzen Augenblick war München ein Glas und ich ein Hering.
Ich habe dann Zellophanschüssel, Ingwer, Bambus und Heringsglas in eine Tüte gepackt, zusammen. Sie haben sich bestimmt viel zu erzählen. Ich selbst hatte eine nette Unterhaltung und das Gefühl, Gutes getan zu haben: Ich habe endlich den Kühlschrank ausgemistet. Das ganze verrottete Zeug in den Müll geschmissen. Die Tüte nehme ich morgen mit, wenn ich runter gehe. Sie stinkt. Ich muss mal wieder telefonieren.