Mei(n) Minga!
Eine Zugfahrt die ist lustig ...
Der Berliner Christian Gödecke ist für drei Monate in München. An dieser Stelle steht jede Woche sein Tagebuch aus einer fremden Stadt.
Ich bin gestern mit dem Nachtzug von München nach Berlin gefahren. Man fährt zwar mehr als acht Stunden, aber ich fahre gern nachts. Wenn man Glück hat reden die Leute leise, die Telefone sind lautlos gestellt und man kann schlafen. Mein Zug hieß Pluto und ich hatte kein Glück. Vor mir ließen sich noch in München zwei spanische Jugendliche in die Sitze fallen und redeten - gleich nachdem sie Skitaschen verstaut hatten - ohne Unterlass. Ich bin des Spanischen nicht mächtig, aber es ging wohl um Frauen. Der Junge direkt vor mir stellte dann plötzlich seinen Sitz in die Waagerechte, worauf die auf dem Klapptisch befindliche ZEIT, meine nicht gerade billige Dallmayr-Schokolade und eine Flasche Wasser auf den Boden fielen. Es war natürlich die einzige Flasche, die ich mir vor der Fahrt gekauft hatte. Und sie war offen. Naja, die zwei hatten offenbar wenigstens ihre Mobiltelefone ausgeschaltet.
In die linke Sitzreihe auf meiner Höhe setzten sich kurz darauf zwei Frauen, die offenbar besseres zu tun hatten als über Frauen zu reden oder ihre Sitze waagerecht zu stellen. Sie küssten sich ungefähr eine halbe Ewigkeit, dann holte die eine ihre Schlafmaske aus dem Rucksack und war zwei Minuten später eingeschlafen. Die andere las noch eine halbe Stunde in einem dicken Historien-Schinken (es war mittlerweile so gegen Mitternacht), dann holte auch sie ihre Schlafmaske aus dem Rucksack und schlief sofort ein. (Was man an dem Schnarchen merkte, das kurze Zeit später einsetzte) Das hatte wenigstens den Vorteil, dass die beiden Spanier aufhörten zu reden, sich umdrehten und dann scheinbar auch die Zeit für gekommen hielten, zu schlafen. Ich war allein mit einer schnarchenden Lesbe und zwei pubertierenden Spaniern, von denen einer vor einer halben Stunde meine Trinkwasservorräte vernichtet hatte.
Um drei war auch ich eingeschlafen. Bis dahin hatte ich mich auf das Schnarchen und die knarrenden Sitze konzentriert. Zwischendurch verfluchte ich ein paar Mal die Tatsache, dass mein Platz offenbar genau über der Achse des Wagens lag. Jede Erschütterung rief mich zurück in die knarrende Realität des Nachtzugs Pluto, unterwegs von München nach Berlin.
Ich wachte gerade rechtzeitig auf, um mein Gepäck greifen zu können. Es war sieben Uhr neunzehn und der Zug fuhr am Zoologischen Garten ein. Das Abteil war hell erleuchtet, die Spanier nicht mehr da und die beiden Frauen lachten über irgendeinen Witz, den der Schaffner gerade erzählt haben musste. Das Licht blendete mich, ich fühlte mich wie man sich so fühlt, wenn man gerade vier Stunden geschlafen hat. Für einen Moment glaubte ich, das ganze Schnarchen, Knarren und Reden sei nur ein böser Traum gewesen. Dann hatte ich Durst.
Warum ich das alles erzähle? Ich habe den Eindruck, dieser Nachtzug 1900 Pluto war mein München auf Rädern. Die Fortsetzung des Leidens, dem ich für drei Tage entfliehen wollte. Ein Ort, der mich nicht ruhen lässt. Ein Schlafplatz, der meinen Rücken schmerzt. Ein Ort voll mit Menschen, die mir fremd sind, die ich nicht verstehe. Und ein Ort, an den ich zurück muss. Donnerstag, 5.2. 23:51. NZ 51948 Berlin - München. Gute Nacht.