Mei(n) Minga!
A Guadn!
Der Berliner Christian Gödecke ist für drei Monate in München. An dieser Stelle steht jede Woche sein Tagebuch aus einer fremden Stadt.
Es gibt sie noch: die Protestbewegung. Sie ist eins siebzig groß, hat blonde Haare und trägt
ein blau-weißes Halstuch. Die Protestbewegung heißt Tanja und ist Bedienung im Weißen
Brauhäusl
direkt in Münchens Innenstadt. An ihrer Berufskleidung, einem Dirndl, trägt Tanja
einen Sticker, mit dem sie - wie ihre sechzig Kolleginnen - gegen die geplante Wiedereinführung der
Trinkgeldsteuer protestiert. Herr Stoiber, Hände weg vom Trinkgeld
steht in (Achtung!)
roten Lettern auf grünem Grund. Mei, will da etwa jemand versteckte Sympathie für
den Kanzler zeigen, der die Steuer im Juni 2002 abgeschafft hatte? Seltsam, diese Bayern. Es bleibt
abzuwarten, wie sich der Landesvater ob dieses Protestes verhält. Unterschätzen sollte er die kleine
Bewegung im Brauhäusl jedenfalls nicht. Denn die Münchner Traditionsgaststätte war schon 2002 die
Keimzelle des Widerstandes gegen die verhasste Steuer und: Der Kanzler (selbst häufiger hier zu
Gast) gab nach.
Ich wollte also dort, an geschichtlich relevanter Stätte, am vergangenen Sonntag meine ersten
Erfahrungen mit den bayerischen Ess-Gewohnheiten machen. Ein Brunch sollte es sein. Ein spätes
Frühstück. Zu diesem Zwecke hatte ich mich vorher mit Tageszeitungen eingedeckt, meinen Chef
angefleht, erst um 14Uhr anfangen zu müssen und mich sogar rasiert. Es war also 11:30Uhr und mein
Erstaunen groß. Kein Brunch - wie in Berlin und wahrscheinlich im Rest der Republik üblich - am
Sonntag. Man muss sich die Situation vorstellen. Ein Berliner, mit bayerischen Tageszeitungen unter
dem Arm, steht vor einer Traditionsgaststätte und hält nach Brunch Ausschau. Ich hielt es dann für
besser, im Brauhäusl
nicht nach Brunch zu fragen, sondern bestellte - ohne noch mal in die
Karte zu schauen - ein Frühstück. Die nette Dirndl-Sticker-Trägerin fragte irgendwas, das ich, unter
Vortäuschung bayerischer Sprachkenntnisse, mit einem selbstsicheren genau!
quittierte. Drei
Minuten später - ich hatte gerade den zweiseitigen Innen-Außen-Sicherheits-Politikteil der tz
zweimal durchgelesen - war es da. Das Weißwurstfrühstück.
Man steckt in solchen Situationen ja in einem Zwiespalt. Ich konnte diesen weißen
Keramik-Topf, in dem die Berliner wahrscheinlich Hühnerbrühe servieren, natürlich nicht zurückgeben.
Die leicht gesalzenen Brezeln, die hier Brezn
heißen, gehörten offenbar zu meinem Frühstück
dazu. Das Weißbier auch. A Guadn
(Lassen Sie es sich schmecken, sie sind ja selbst schuld
wenn Sie nicht wissen was sie da bestellen, d. A.) war das letzte, was ich von Traudl oder Heidi
oder wie auch immer sie hieß, hörte. Dann war ich allein. Allein mit vier Weißwürsten, süßem Senf,
sechs Brezn und einem Bier. Es war 11:40.
Als ich bezahlt hatte (etwas um 14€) fühlte ich mich gar nicht sooo schlecht. Es war alles in
allem ein schmackhaftes Frühstück gewesen (an Weißwürsten mit süßem Senf und leicht gesalzenen Brezn
schmeckt eigentlich nur der Senf nach was). Ich war satt und immer noch nüchtern, obwohl ich noch
ein Bier bestellt hatte und sonst nicht mal abends viel trinke. Nachher wurde mir von Kollegen dann
der Spruch Weißwürste dürfen das Zwölf-Uhr-Läuten nicht hören
anvertraut. Ich überlegte kurz,
was wohl passiert wäre, wenn ich eine halbe Stunde später aufgestanden wäre. Aber egal, ich hatte
wenigstens kein Trinkgeld gegeben.