Mei(n) Minga!
280 warm
Der Berliner Christian Gödecke ist für drei Monate in München. An dieser Stelle steht jede Woche sein Tagebuch aus einer fremden Stadt.
Irgendwann muss es ja sein. Ich rede eigentlich nicht so gern über meine Wohnung. Nicht weil es mir peinlich ist, sondern weil sie irgendwie anders ist als die Wohnungen, die ich bisher kannte. Eigentlich bin ich ganz zufrieden, denn sie ist zentral gelegen und vor der Tür fährt der Bus.
Aber diese Wohnung riecht. Es ist einmal der permanente Geruch, den der Ölofen ausstrahlt. Dieses frühzeitliche Heizgerät steht im Flur und ist dafür zuständig, zwei Zimmer, das Bad, die Küche und den Flur zu heizen. Und ich übertreibe nicht wenn ich sage, dass dieser Ölofen damit heillos überfordert ist. Mittlerweile stehe ich zwei Stunden früher auf, zünde mit einem Gasanzünder das Öl auf dem Boden des Ofens an, lasse die Flamme hochsteigen und hoffe, dass die Wohnung warm ist, wenn ich gehe. Dann besteht immerhin die Chance, dass sich die Wärme hält, bis ich wieder zuhause bin. Den Ofen kann ich leider nicht laufen lassen, das Öl reicht nur für acht Stunden.
Meine Wohnung riecht aber auch nach Inder. Ich kann nicht genau sagen, wie indisch riecht, aber genau so habe ich mir das immer vorgestellt. Mein Vermieter heißt Uthaman. Er ist 40, Inder und ein sehr sauberer Mensch. Aber es muss der tägliche Gebrauch von Duftstäbchen sein, deren Geruch sich mit der Zeit in den grauen Vorhang zwischen Wohnzimmer und Flur gegraben hat. Oder es sind die sechzig Gewürze, die Uthaman in der Küche auf dem Schrank zu stehen hat. Oder es ist eine Melange aus Öl und Gewürzen, ich weiß es nicht. Nicht dass dieser Geruch unangenehm wäre, nein. Aber ich muss mich daran gewöhnen und mich von der Horrorvision freimachen, auf der Strasse für das Kind einer Inderin und eines deutschen Heizers gehalten zu werden. Ich glaube nämlich, dass sich ein grauer Vorhang und ein Mantel nicht groß unterscheiden.
Ich habe hier nur ein Zimmer gemietet. Aber weil Uthaman hier nur einen Tag verbringt und den Rest der Woche zu seiner sechzigjährigen Freundin geht, gehört mir quasi die ganze Wohnung. Das relativiert den Preis von 280€ ein bisschen. Eigentlich habe ich ja nur diesen einen Raum gemietet, vierzehn Quadratmeter groß. An Tagen, an denen ich nicht arbeiten muss und den Ofen anlassen kann, zahle ich also 20€/qm warm. Vor drei Tagen habe ich mit einer Bäckerin gesprochen. Die zahlt für fünfzig Quadratmeter 800€. Aber sie hat auch warmes Wasser in der Küche, das Licht im Flur funktioniert und fünf Treppen muss sie auch nicht steigen. Meine Wohnung ist eben anders als andere, aber unzufrieden bin ich deshalb nicht. Denn schließlich kann ich von hier oben über die verschneiten Dächer von München schauen. Und es fällt mir auch viel leichter, mich nach meinem Berlin zurückzusehnen. Hach München, ob du meine Stadt wirst? Anders bist du schon mal.