Mei(n) Minga!

Der Berliner Christian Gödecke ist für drei Monate in München. An dieser Stelle steht ab heute jede Woche sein Tagebuch aus einer fremden Stadt.

Manchmal ertappe ich mich dabei, München mit Berlin vergleichen zu wollen. Dann halte ich inne und denke: Moment, du bist gerade mal eine Woche hier und hast immer noch Probleme, den Weg zur U-Bahn zu finden. Du warst einmal im Zentrum und nur weil dort kein Hundekot auf der Strasse liegt, willst du gleich ein Loblied auf die Sauberkeit dieser Stadt singen? Dabei ist es doch so: Welcher Hund scheißt seinem Frauchen schon gern auf den Arm, wenn er sich dort dauernd ausruhen kann? Ich glaube, ich habe hier noch keinen Hund, der kleiner als ein Sechserträger Mineralwasser ist, auf der Strasse gehen sehen.

Also gemach mit dem vorschnellen Urteil, denke ich mir dann. Schließlich ist hier sicher nicht alles so schön, wie es einem die Löwenbräu-Werbung glauben machen will. Überall in der Stadt hängen großflächige Plakate mit dieser attraktiven, dunkelhaarigen Frau, die auf einer Bank irgendwo auf einer grünen Wiese liegt. Sie hat ihre Augen geschlossen, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Beine angewinkelt. Im Hintergrund sieht man einen See, einen Berg und ganz viele Blumen. Am Kopfende der Frau steht ein Maßkrug, nur noch halbvoll. Darin Löwenbräu - ein Bier wie Bayern. Ja ist doch klar, warum die Frau schläft, oder? Wer wird nach einem Sturzbier nicht müde? Und wenn das Bayern ist, dann frage ich mich, wo solche Frauen hier wohnen.

Ich habe Frauen hier bisher nur als matronenhafte und pelzbewehrte Gestalten kennen gelernt, die schubsen, drängeln und sich nicht mal bedanken, wenn man ihnen die Tür aufhält. Und die natürlich ihre Louis-Vuitton-Taschen oder wie die Dinger heißen, auf den einzigen freien Platz im Bus stellen und einen dann am liebsten umbringen würden, wenn man höflich fragt, ob man sich neben die Dame setzen dürfe.

Junge Frauen fehlen hier anscheinend komplett. (Ich nehme jetzt mal die üblichen 14-jährigen Mädchen mit Nylonhose und Turnschuhen aus, die muss man nicht mal sehen, die riecht man schon.) Den Grund dafür lieferte gestern die Abendzeitung. Großer Aufmacher: München braucht drei neue Altenheime! Denn: München wird immer älter! Und das passiert einer Stadt, die sich immer so jugendlich gibt. Ich muss mich richtig zurücknehmen, sonst werde ich noch schadenfroh. Dabei müsste München dieses Problem vielleicht gar nicht haben. Am Samstag war ich auf dem Weg zur U-Bahn. Da bin ich an einer alten Frau vorbei gelaufen, die verzweifelt an einer Tür gerüttelt hat. Dabei hat sie laut geflucht und den Kopf geschüttelt. An der Tür stand Bestattungsunternehmen und darunter hing ein Schild Closed. Tja, da wollen die Menschen schon früher sterben und alles regeln und dann lässt man sie nicht.

München hat natürlich auch seine schönen Seiten. Die Busse kommen pünktlich und die Kontrolleure in Uniform. Und eine gewisse Dekadenz kann ja auch was Ansehnliches haben: Hier tragen selbst die Obdachlosen ihr Hab und Gut in Hallhuber-Tüten durch die Gegend. Hach München, ob du meine Stadt wirst? Unvergleichlich bist du schon mal.