So gesehen
Christian Gödecke über Gerda, Sabine und einen Traum
Bäckersfrauen haben in meinen Kindheitsträumen immer gleich ausgesehen. Groß, rund, mit mächtigen Händen und Pausbäckchen. In meinen süßen Träumen hießen die tüchtigen Frauen immer Gerda. Dieser Name duftet so schön nach frischem Brot, mehligen Händen und Schwarzwälder Kirsche.
Immer wenn ich im Schlaf in diese Traum-Bäckerei ging, waberte dem kleinen Jungen ein warmes, liebevolles Na-mein-Kleiner-noch-eine-Zuckerschnecke-extra?-Lächeln von Gerda entgegen. Die Regale waren überfüllt mit Mohn-, Splitter- und Rosinenbrötchen. Hinter einer blitzblank geputzten Scheibe lagen Kirschkuchen mit Gelee, Apfelstrudel, Streuselschnecken und Torten. Torten, wie sie nur in kindlichen Träumen auftauchen. Belegt mit allem, was nicht gut ist für den kleinen Körper und die Putzi-gepflegten Zähne. So herrlich süß, dass mir Hänsel und Gretel leid tun mussten, weil sie nur an so einem doofen Lebkuchenhaus knabbern konnten. Ich aber durfte in dieser Traum-Zuckerbäcker-Backstube stehen und staunen.
Leider habe ich bis heute keine Backstube getroffen, auf die diese Beschreibung passen würde. Und auch keine Bäckersfrau wie Gerda. Vielleicht liegt das an der Tatsache, dass ich früher, als ich noch dieser kleine Junge war, nie selbst zum Bäcker gegangen bin. Oder daran, dass ich heute zwar meine Brötchen selbst hole, aber immer im Supermarkt um die Ecke. In einer - wie es wohl heute heißt - integrierten Verkaufseinheit. Die Bäckerin dort heißt Bäckerei-Fachverkäuferin. Das Problem ist, dass sie auch aussieht wie eine Bäckerei-Fachverkäuferin. Ich will hier nichts verklären, auch die Bäckerin aus meinen Träumen wird diesen Beruf gelernt haben. Aber Gerda sah aus wie eine Bäckersfrau.
Sabine, so nenne ich mal die Verkäuferin aus der integrierten Back-Einheit meines
Supermarktes, sieht eher aus, als habe sie Frisörin gelernt. Braune Strähnen im blonden Haar,
Lippenstift, blauer Lidschatten und vor allem: schlank! Sie lächelt auch fast nie und hat kein Mehl
an ihren manikürten Händen mit den frisch lackierten Fingernägeln. Sie ist ganz anders. Vor einigen
Wochen hatte ich Sabine gebeten, mir das letzte verbliebene halbe Sonnenblumen-Brot zu geben. Sie
packte es gerade ein und wollte dabei zu dem mechanischen Alles?
ausholen, als ich am linken
Rand des fast leeren Regals ein doppelt gebackenes Schwarzbrot erspähte. Ich nehme dann doch das
Schwarzbrot da hinten, sie können mir auch das ganze geben.
Ich habe das vielleicht auch gesagt, weil ich nicht wollte, dass sie neben dem
Sonnenblumen-Brot-aus-dem-Regal-nehmen-und-einpacken auch noch ein Brot aufschneiden musste.
Vielleicht. Ich weiß es nicht mehr. Ich erinnere mich nur noch an ein Blitzen in Sabines Augen. Der
deutsche Kunde an sich ist ja schon froh, wenn er von Verkäufern nicht geohrfeigt wird. Aber Sabine
sah aus, als wollte sie mir das Brotmesser in den Bauch rammen. Jedenfalls sagte das ihr Blick. Dann
klingelte ihr Handy. Es lag irgendwo im Vorbereitungsraum. Gehen Sie ruhig ran
, sagte ich zu
Sabine. Vielleicht wollte ich sie milde stimmen oder einfach nur die Chance nutzen, zu gehen.
Nachdem die blonde Sabine ihre Plateau-beschuhten Beine in Richtung ihres Handys in Bewegung gesetzt
hatte, fiel mir ein, dass ich ja noch Toast zuhause hatte. Abends lag ich hungrig im Bett und dachte
an Sabine. Ich wünschte mir, wieder ein Kind zu sein.