So gesehen
Alexander Dluzak über das Abenteuer Einkauf
Auf der inoffiziellen Hassliste der Supermarktkassiererinnen stehe ich neben Kunden, denen ein Glas ungesüßte Schattenmorellen aus den Händen geglitten ist, ganz oben. Nicht ich persönlich, sondern ich als Wechsler. Wechsler stehen am Anfang ihres Einkaufs in devoter Position schräg hinter der Kassiererin, die mit rhythmischem Piepton abkassiert. Da sich, wenn ich einkaufen gehe, die Götter aller vier Himmelsrichtungen gegen mich verschwören, habe ich niemals und wirklich niemals einen Euro in der Tasche. Also muss ich wechseln. Die hohe Kunst dabei ist, die Aufmerksamkeit der Kassiererin auf sich zu lenken, ohne das Piepen zu unterbrechen. Die rhythmischen Pieper sind die Perlen am Geduldsfaden der Kassiererin. Wird eine ausgelassen, ist ihr meditativer Geisteszustand durchbrochen, dann hasst sie dich, weil aus einem eben noch abstrakten Etwas plötzlich eine Dose Artischockenherzen wird. Um sich dem zu erwehren, haben sich die Kassiererinnen mit den Herstellern von Supermarktkassen zusammengetan. Gewechselt werden kann nur wenn die Kasse aufgeht, also wenn der Kunde bezahlt. Dann und nur dann ist der einzige mögliche Zeitpunkt. Und wehe du stehst da mit einem Schein.
Dabei will ich doch nur einen Euro für den Einkaufswagen. Plastikchips im Kleingeldfach herumzutragen lehne ich aus weltanschaulichen Gründen ab. Schließlich habe ich ja auch keine Antirutschmatte in der Badewanne. Einkaufswagen sind ein Klotz am Bein des Kunden, aber in immer weniger Supermärkten gibt es Einkaufskörbe. Die sind zu schnell voll und ich soll ja viel kaufen und so den Reichtum des Herrn Tengelmann und der Gebrüder Albrecht mehren. Will ich auch, aber warum macht man es mir so schwer? Jegliche Produkte und so ziemlich jeder Gebrauchsgegenstand hat in den letzten Jahrzehnten Quantensprünge beim Produktdesign durchlaufen. Toaster sind heutzutage zart aprikofarben mit abgerundeten Kanten und Anti-Anbrenn-Auswurf. Einkaufswagen sind schwerfällig, kaum lenkbar und vor allem unauffindbar. Das mag auch an meiner Technik liegen. Eben weil ich Einkaufswagen grundweg ablehne, versuche ich sie so wenig wie möglich zu bewegen. Darum suche ich mir einen zentral gelegenen Platz im Supermarkt und erkläre diesen zu meinem Basislager. Von dort aus schwärme ich dann aus, raffe zusammen was ich brauche und beginne mit der Suche nach meinem Wagen. Ein verhängnisvolles Spiel, bei dem ich jedes Mal über die Dimension der Supermärkte erstaunt bin.
Ein weiterer Tiefschlag ist der Besuch an der Wurst- und Käsetheke. Seit Jahren kaufe ich
nichts anderes als mittelalten Gauda, Mortadella und Gutfried Geflügelwurst, weil es mir bislang
nicht möglich war, mir einen Überblick über das Produktangebot zu verschaffen. Kaum drücke ich mich
auch nur in der Nähe der Wursttheke herum und signalisiere das fadenscheinigste Interesse, schallt
mir von hinter der Theke ein unerbittliches Bitte junger Mann
entgegen. Um Zeit zu gewinnen
verlange ich dann nach Geflügelwurst und versuche in der Zwischenzeit etwas anders als Mortadella
und mittelalten Gauda zu entdecken. Vermutlich werden die Verkäuferinnen in einem Ausbildungscamp
auf Geschwindigkeit gedrillt, denn mein hektisches auf und ab an der Wursttheke beenden sie
erstaunlich schnell mit der obligatorischen 112-Gramm-auch-in-Ordnung-Frage. Ja sage ich
verschüchtert und starre auf den Haufen Wurst. Immer das gleiche.
Die ganze Scheinheiligkeit von Supermärkten offenbart sich nirgendwo so deutlich wie an der Kasse. Meine Unterschrift auf der EC-Karte ist kaum noch zu lesen. Jahrelanges einfach nur so in der Tasche mit sich herum schleppen hat die Farbpartikel gründlich abgescheuert. Wenn ich dann in der Zeit zwischen der Kassiererin die Karte geben und den Auszug zum Unterschreiben bekommen hektisch versuche, meinen Einkauf in die Tüten zu stopfen, freue ich mich immer schon. Wenn sie mir den Auszug hinlegt, immer nach dem selben Muster, erst Vorderseite den Betrag zeigen, dann umdrehen und hier bitte unterschreiben, mache ich das natürlich auch. Dann nimmt die Kassiererin den Kassenzettel mit Unterschrift und meine EC-Karte ohne Unterschrift, schaut prüfend, sagt dann danke und fängt mit dem nächsten Kunden an. So ein Quatsch, da steht doch gar nichts.
Während sich auf dem Weg nach Hause langsam die Plastikgriffe der Tüten in das Fleisch meiner Hände eingraben träume ich von Onlineshops und beschließe jedes Mal, einen Euro in meinem Portmonee für den nächsten Einkauf aufzusparen. Natürlich gelingt das nicht und so stehe ich dann später wieder schräg hinter vielleicht Frau Kleinschmidt und warte auf den letzten Piep.