Der nichtgewollte Kandidat
Leipzigs Olympiabewerbung hatte durchaus Chancen - sie wurde nur nicht gewollt
Leipzig ist dieser Tage zweigeteilt. Und zweifelsohne ist die Zahl der Enttäuschten größer als die kleine Gruppe der Zufriedenen. Zu ersteren gehört allen voran der unermüdliche Oberbürgermeister Tiefensee, der sich für seine Stadt und deren mehrheitlichen Willen, olympische Spiele auszutragen, für fast keinen Auftritt zu Schade gewesen war. Zu den anderen zählt beispielsweise der Schriftsteller Erich Loest, der sich wenig später genüsslich über Leipzigs Scheitern auslassen durfte und nicht müde wurde, die ebenfalls vom IOC gerügten Punkte ein ums andere Mal zu wiederholen.
Von der schlechten Infrastruktur, den maroden Sportstätten, dem vielen, vielen Geld, das es zu investieren galt und einer in seinen Augen mangelnden Konzeption zur Nutzung der Areale nach den Spielen, ging das Wort. Neben wenigen berechtigten Argumenten wurden hier auch Leipzigs Stärken plötzlich zum Nachteil der Stadt ausgelegt. Das nährt aber den Verdacht, die Konzeption nicht ganz verinnerlicht zu haben.
IOC-Präsident Rogge ist mit der Maßgabe, die Spiele zukünftig von der Gigantomanie der letzten Veranstaltungen und vom Sumpf der Vetternwirtschaft zu befreien und sie wieder dem olympischen Geist anzunähern, angetreten. Dem greisen Monarchen Samaranch folgte der wesentlich jüngere Belgier Rogge auf den IOC-Thron und mit ihm die Reduktion eines aufgeblähten Apparates, dachten etliche zu dessen Amtsantritt.
Leipzigs Bewerbung war nun der Prüfstein, dieses Versprechen einzulösen. Eine überschaubare Stadt, die die Spiele erstmals seit Jahren wieder als Treffen der Welt konzipierte, schickte sich an, Rogges Vorstellungen zu verwirklichen. Die Athleten sollten nicht wie bislang in eigens gezimmerten Dörfern kaserniert, sondern inmitten der Stadt in modernisierten, bislang leerstehenden Wohnungen einquartiert werden. Jeder Berufspendler hätte 2012 morgens im Bus neben Olympioniken sitzen können, beim Bäcker hinterm bulgarischen Gewichtheber gewartet oder sein Auto am Zebrastreifen wegen der aserbaidschanischen Synchronschwimmerinnen zum Stehen gebracht. Eine Stadt hätte die Sportler der Welt bei sich aufgenommen. Der olympische Zirkus wäre erstmals nicht auf Tournee, sondern wäre wahrlich zu Besuch. Wann gab es dies zuletzt? Doch die Unken siegten:
- Leipzig selbst verfügt über keinen Großflughafen. Stimmt. Aber Altenburg, Dresden, Erfurt, ja sogar Berlin sind maximal zwei Autostunden entfernt.
- Leipzig hätte bisher keine ausreichenden Sportstätten. Mag sein. Athen aber bislang auch nicht. Nur haben die Griechen keine acht Jahre mehr, diesen Mangel zu beheben.
- Leipzig gebreche es an tragfähigen Konzepten für die Nutzung der Anlagen nach den Spielen. Dafür spricht man heute noch von Albertville. Sydney ist bekannt für seine sportlichen Attraktivität abseits der Australian Open. Noch immer trifft sich die Sportelite in Seoul. Sport in Barcelona wohin das Auge blickt. Die Liste ließe sich fortsetzen. Was Leipzig vermutlich wirklich nicht hätte, wäre ausreichend Platz für den Hofstaat, die Bugwelle des Sports.
Das IOC hat mit seiner Entscheidung nachdrücklich demonstriert, dass es an seiner bisherigen Gangart festhalten wird. Auch in absehbarer Zeit wird es keine Konzentration der Spiele auf ihren sportlichen Kern geben, sondern nach wie vor wird die Fokussierung hinsichtlich der Vermarktung gepflegt werden.
Und selbst Deutschland gönnte seinem Kandidaten die Bewerbung nicht. Die Mitbewerber machten zu keiner Zeit einen Hehl aus ihrem Unbehagen, dass es die Messestadt ereilt hatte. Nie, so der Tenor, könne Leipzig/Rostock solcherlei stemmen. Ein Schelm, wer dabei den Solidarpakt im Hinterkopf und die neuen zu erwartenden Transferleistungen im Auge hat.
Weil aber das NOK den Versprechungen Rogges anfangs Rechnung trug und seinen Teil zur Gesundung der Spiele beitragen wollte, wird es nun um so heftiger gescholten. Und als selbst dies nichts nutzten wollte, erinnerte man sich zum Glück der Möglichkeit, die Staatssicherheit ins Spiel bringen zu können. Während die nämlich noch immer für die Zerstörung verbindender Ideen gut ist, reicht der ehemalige Marinerichter Filbinger schon wieder zur Präsidentenwahl.
Leipzig hatte gute Chancen, den olympischen Geist nicht nur in sich aufzunehmen, sondern auch aus sich heraus in die Welt zu tragen. Die Stadt arbeitete mit einem neuen, einem anderen Konzept, das zu probieren zweifelsohne lohnend gewesen wäre. Dass die Stadt letztlich den erwartenden Größenwahn nicht leisten konnte, ist ihr dabei wahrscheinlich das größte Lob.