Dabei sein war alles

Leipzig hatte nie eine Chance - und hat sie auch nicht genutzt

Ein Kommentar von Christian Gödecke

Am Ende blieb der Olympische Gedanke. Was vor der Entscheidung der IOC-Exekutive, der deutschen Bewerberstadt Leipzig im Rennen um Olympia 2012 schon bei der ersten Gelegenheit die Starterlaubnis zu entziehen, noch grenzenlos optimistisch geklungen hatte, war nach dem Ausscheiden zur gemeinschaftlichen Selbstbescheidung der Hauptakteure geworden. Wir sind stolze und selbstbewusste Menschen, aber wir können noch nicht alles aufweisen, was andere schon haben, sagte stellvertretend Wolfgang Tiefensee, Leipzigs Oberbürgermeister. Dabei gewesen zu sein, diese Gewissheit blieb Tiefensee. Alles andere hätte auch wie Augenwischerei gewirkt. Leipzig hatte keine Chance und hat sie auch nicht genutzt. So einfach ist das.

Im Zuge der Bewerbung wurde vieles falsch gemacht. Da ist zum einen der Kandidat an sich. Leipzig hat es nie geschafft, innerhalb des IOC als ernsthafter Bewerber wahrgenommen zu werden. Als die Weltstädte Hamburg und Düsseldorf in der deutschen Vorauswahl scheiterten, muss das Kopfschütteln in Lausanne groß gewesen sein. Eine Stadt im Osten Deutschlands, ohne Großflughafen, aber mit dem Ansatz der athletenfreundlichen Spiele der kurzen Wege? Wo waren die Erfahrungen der Sachsen mit internationalen Großveranstaltungen? Und lediglich 500.000 Zuschauer, die maximal die Spiele hätten sehen können? Leipzig fehlte der unique selling point, der Faktor, der es von allen anderen Kandidaten positiv unterscheidet.

Leipzigs Scheitern ist auch eine Niederlage für die deutsche Sportpolitik. Die Beurteilung des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), Leipzig sei seinen Mitbewerbern Hamburg und Düsseldorf just in den Bereichen Unterkunft und Infrastruktur überlegen, zeigt, wie oberflächlich analysiert wurde. Dass die Sachsen letztlich genau wegen offensichtlicher Mängel in diesen Kernbereichen scheiterten, ist eine bittere Ironie. Auch die Tatsache, dass Leipzig bei der Anwendung des Computer-Prinzips, das auch der IOC jetzt anwendete, schon beim deutschen Vorausscheid nur an dritter Stelle gelegen hätte, spricht Bände. Nominiert wurde ein Kandidat, der selbst im eigenen Land statistisch nur zweite Wahl war.

Natürlich hat auch die Stasi-Spitzel-Filz-sitzen-wir-es-aus-Affäre um Dirk Thärichen, Burkhard Jung und Wolfram Köhler einen Teil dazu beigetragen, dass Leipzigs Bewerbung schon früh an Fahrt verlor. Doch entscheidend war sie nicht. Sie passt trotzdem in das Bild einer Bewerbung, die es nie geschafft hat, wirklich erfolgversprechend zu sein. Und doch gibt es etwas Bemerkenswertes, das sich die Stadt an der Elbe auf die Fahnen schreiben kann. Sie hat es geschafft, 80 Prozent aller Deutschen an ein Überstehen der ersten Hürde in Lausanne glauben zu lassen. Warum auch immer.