Bremer Blues
Die Geschichte einer Liebe
Die letzten Jahre war es eine regelrechte Qual, den SV Werder Bremen demütig in sein Herz aufgenommen zu haben. Denn mit welcher Eleganz gewannen wir noch Anfang der 90er Jahre den DFB-Hallenpokal. Und wie schön wurden wir wenig später Meister. Namen wie Oliver Reck, Rune Bratseth, Dieter Eilts, Klaus Allofs und Wynton Rufer klingen noch heute wie Musik. Allesamt Spieler der goldenen Ära. Mit ihnen ging der DFB-Pokal regelmäßig an die Weser und wenn nicht, gab man ihn erst im Finale großzügig ab. Das Berliner Olympiastadium war quasi schon eine Außenstelle der heimischen Weserburg.
Und weil wir diesen Wettbewerb nach allem Belieben dominierten, erschuf die UEFA in weiser Voraussicht schon einige Jahre zuvor den Wettbewerb der Pokalsieger. Wir hatten unseren eigenen Europapokal. Und natürlich gewannen wir ihn auch. Überhaupt lagen uns diese Spiele. Legendär, wie nach einer 3:0 Auswärtspleite in Berlin der DDR-Rekordmeister daheim im Stadtstaat mit 5:0 zerlegt wurde. Unvergessen Lokomotive Moskau, die, seit sie gegen Bremen antreten mussten und in norddeutsches Gras gestampft wurden, ein ähnliches Trauma verfolgt.
Jahre später, man war der erste deutsche Vertreter in der neugegründeten Champions-League, reiste der RSC Anderlecht an die Weser. Die Stimmung war prächtig, das Spiel war schnell, die Gäste spielten frisch auf. Zur Halbzeit lagen wir mit 0:3 im Rückstand. Schmerzhaft zieht sich das liebende Herz zusammen. Hier wird das Leiden erfunden, ohne das der spätere Triumph unvorstellbar wäre. Und der soll einzigartig sein. In Halbzeit zwei wälzten sich pausenlos die Angriffswellen über den belgischen Strafraum. Keine Zeit zum Luftholen, weder auf dem Rasen noch auf den Rängen. Und die Nacht gebar jene Helden, derer nicht in Chroniken, sondern in Ruhmeshallen gedacht wird. Reck, Allofs, Rufer, Eilts, Bode, sogar Browoski, der später nach Polen zu Lodz abgeschoben, vom dortigen Trainer gern in der 80. Minute eingewechselt wurde, weil er so schön das Spiel verzögern könne. Titanen unter den Recken. Am Ende hatte man 5 Mal tief ins belgische Herz getroffen.
Aber dann der Schock inmitten der Herrlichkeit. Unserer Größter wechselt nach München. Ausgerechnet zu den Bayern. Dem Erzfeind. Deren Hoeneß und unseren Willi Lemke einte das Gift, dass nur Verrückte kennen. Unvergessen der verschossene Elfmeter, der Bayern am letzten Spieltag zum Meister machte. Unverziehen, wie Klaus Augenthaler dem gottgleichen jugendlichen Rudi Völler das torschießende Bein und mit ihm Tausende Bremer Herzen zertrümmerte. Rehhagel, dem man daheim schon ein Denkmal errichtet hatte, dessen Vertrag per Handschlag verlängert wurde, suchte die Herausforderung. Selten klagte eine Stadt ergreifender und selten scheiterte ein Trainer spektakulärer. Rehhagel wechselte weiter in die pfälzische Provinz, wo er nach grandiosen Erfolgen erneut geschasst wurde.
Und Bremen? Wir holten den hochdekorierten Aad de Mos und kämpften gegen den Abstieg. Dixie Dörner zeigte uns nach all den Jahren des Goldes, wie grau das Mittelmaß sein kann. Dann stieg Co-Trainer Wolfgang Sidka lautstark zum Chef auf und wurde von Felix Magath abgelöst, der sich an Ailton verging, in dem er ihn auf die Tribüne verbannte. Wenig später widerfuhr im Gleiches.
Doch nach all der Experimentierfreude besannen sich die sparsamen hanseatischen Kaufleute eines alten Hausmittelchens. Der als Spieler unauffällige, aber noch aus der erfolgreichen Zeit stammende Thomas Schaaf wurde Cheftrainer. Nach Jahren der Tränen erinnerten sich die Bremer ihres ersten Lieblings - dem DFB-Pokal. In vier Jahren der Regentschaft Schaafs stehen wir heuer zum dritten Mal im Finale und können ihn im Mai zum zweiten Mal gewinnen. Wieder in der Außenstelle. Dann holte man den verdienten Stürmer Klaus Allofs als Manager. Der einstige Mannschaftskollege des Trainers und Torschütze beim größten Vereinserfolg in Monaco bastelte in der Folge eine neue Traummannschaft.
Bremer Stürmer sind wieder ein Qualitätssiegel. Das Mittelfeld glänzt wie nie zuvor. Die Abwehr ist beinahe schon ein Bollwerk. Und der größte Feind der Bremer - die Rückrunde - scheint erstmals bezwungen zu werden. Wie dicht lagen in den vergangenen Jahren Freud und Leid beieinander. Stets dominierten wir die Hinrunde. Wir glänzten daheim und strahlten in der Fremde. Und wie bitterlich verlief jeweils die zweite Saisonhälfte. Abstiegskandidaten bauten sich an uns auf. Spitzenmannschaften lachten.
Doch in diesem Jahr scheint alles anders. Nur zwei Teams vermochten uns bislang zu besiegen. Dortmund rangen wir in der Revanche nieder. Stuttgart schenkten wir deren bestes Heimspiel beim sensationellen 4:4. Mit nun sieben Punkten Vorsprung rennen wir der Zielfahne entgegen. Wegen dieses Vorsprungs erlauben wir uns hier und da etwas Hilfe zu geben. Freiburg erhielt einen Punkt, Köln halfen wir moralisch. Rostock, der letzte Gegner dieser Spielzeit, meldete drei Stunden nach Vorverkaufsbeginn ein ausverkauftes Haus. Wir zauberte uns in der Hinrunde durch die Liga. Allein die Berliner kassierten in drei Begegnungen 13 Tore. In der Rückrunde probieren wir es hingegen mit Minimalismus. Denn die nächste Saison mit drei Wettbewerben wird schwer genug. Das nennt man Effizienz.
VIEW wird in der nächsten Zeit regelmäßig in einem Bremen-Report den Pegelstand der Zuneigung beschreiben. Denn nichts verblasst so schnell, wie die Liebesschwüre von gestern, wusste schon Jurek Becker Manfred Krug mitzuteilen.