Die Achse des Schnöden

Warum es zurzeit nicht einfach ist, ein Bayern-Fan zu sein - eine Polemik

von Christian Gödecke

Was waren das noch für Zeiten. Als der FC Bayern München zweimal in drei Jahren das Finale der Champions League erreichte, 2001 nach dem Sieg gegen Valencia endlich der lang ersehnte Triumph gelang und die Rache für das Debakel zwei Jahre zuvor gegen Manchester so süß schmeckte. Als die Mia san mia-Mentalität der Siebziger und Achtziger zurückgekehrt schien an die Säbener Strasse. Und damit in das Herz des Bayern-Fans.

Es war die Zeit, als die Kahn-Effenberg-Elber-Achse ganz Europa in Angst und Schrecken versetzte. Als in München mit einem an Arroganz grenzenden Selbstbewusstsein behauptet werden durfte, man habe den besten Torhüter, den besten Mittelfeldspieler und einen der besten Torjäger der Welt in den eigenen Reihen. Selbstredend wurde das Team auch noch vom besten Trainer der Welt betreut. Superlative, die ihre Legitimation aus der beachtlichen Titelsammlung jener Zeit bezogen. Als Bayern-Fan schämte man sich fast, dass die anderen nichts abbekamen von all den Pokalen.

Und heute? Ernüchterung ist eingekehrt, nicht erst seitdem zu Beginn der Rückrunde gegen die talentfreien Balltreter von Frankfurt nicht gewonnen werden konnte, in Bochum der Abstand auf den ehemaligen Erzfeind aus Bremen auf neun Punkte anwuchs und gegen den Hamburger SV erst in letzter Minute das erlösende Siegtor fiel. Das Gefühl sitzt tiefer. Es ist wie eine sich anbahnende chronische Bronchitis. Das Gefühl könnte von Dauer sein. Am Schlimmsten ist, dass die Flucht in die noch so nahe, glorreiche Vergangenheit nicht den Blick verklärt für die eine, simple und doch so schmerzhafte Erkenntnis: Der FC Bayern ist nicht mehr das, was er mal war.

Früher spielten die Bayern schlecht und gewannen trotzdem ihre Spiele. Heute muss man schon froh sein, wenn es wenigstens andersrum ist. Heute wird im Vorbeigehen eine gute zweite Halbzeit (in Bochum) zur Hoffnung für den Rest der Saison hochgejazzt. Früher wurde intern über den kommenden Gegner nur gesagt Gegen die brauchen wir uns nicht mal umzuziehen. Heute würde wahrscheinlich selbst Barfuß Bethlehem respektvoll als ernstzunehmend bezeichnet, um nach einem Punktverlust sagen zu können Seht's her, wir haben es doch gewußt. Und heute, heute hat man gegen Real Madrid nur eine Zehn-Prozent-Chance. Die Achse Kahn-Effenberg-Elber würde darüber wohl nur den Kopf schütteln. Wo ist nur das ganze Selbstbewußtsein hin ...

Die damals Weltbesten in den Reihen der Bayern sind heute nur noch herausragende Spieler in Europa. Aus Stefan Effenberg wurde Michael Ballack, aus Giovane Elber Roy Makaay und Thomas Linke heißt heute Robert Kovac. Mit der Mannschaft von 2001 haben sie nicht mehr viel gemeinsam. Sie tragen rote Trikots und den Druck, ebenso erfolgreich sein zu müssen. Es scheint, als sei der Druck zu groß.

Die einst so sichere Abwehr des Rekordmeisters ist nicht mehr das, was sie mal war. Vor Oliver Kahn spielt heute eine Kette, deren Glieder so durchlässig sind wie ein zu weit geknüpftes Netz. Da verteidigt ein Kroate, der so schnell ist wie wenige aber auch so blass. Neben ihm ein Ghanaer, dem schon vor Äonen der endgültige Durchbruch prophezeit worden war. Zugegeben, es gibt wenige Verteidiger mit dem Talent von Robert Kovac und Samuel Osei Kuffour in der Bundesliga und zumindest Kuffour machte in den Champions-League-Festspielen der letzten Jahre durchaus eine gute Figur. Nur, was helfen Talent und die Lorbeeren vergangener Tage, wenn in der Realität nur sieben von einundzwanzig Bundesliga-Spielen ohne Gegentor beschlossen werden, im Pokal schon Feierabend ist und in der europäischen Königsklasse nur zwei der letzten dreizehn Spiele gewonnen werden konnten?

Michael Ballack hätte noch am ehesten die Voraussetzungen, in die Fußstapfen seines so erfolgreichen Vorgängers Effenberg zu treten. Er ist jetzt schon torgefährlicher als Effe es zu seinen besten Zeiten war und in der Mannschaft als Führungsspieler anerkannt. Doch dem Chemnitzer fehlt das, was der Tiger im Überfluss besaß: die rückhaltlose Unterstützung durch den Trainer und eine feste Position im System der Münchener. Mit der Erwartungshaltung von Ottmar Hitzfeld ist aber selbst ein überdurchschnittlich begabter Kicker wie Ballack heillos überfordert. In dessen Vorstellungen soll Ballack überall auf dem Platz präsent sein, hinten die Gegner abgrätschen, vorne den entscheidenden Pass spielen und am besten gleich noch selbst verwandeln.

Nur: So wie in Leverkusen darf Ballack nicht spielen, muss mal den Zehner geben und dann den Abräumer vor der Abwehr spielen. Ganz nebenbei möchte die Nummer dreizehn doch bitte noch der Wortführer auf dem Platz sein und den ganzen Verein nach außen repräsentieren. Himmel, Ballack ist gerade mal 28! Bei Effenberg reichte es dem Trainer, wenn der Blonde einen Elfer verwandelte und zwei drei gute Pässe ankamen. Ansonsten sollte Effenberg eigentlich nur da sein. Die Präsenz des Regisseurs war für die Gegner meist schon Einschüchterung genug.

Und als vorderstes Glied der neuen Bayern-Achse wäre da noch ein emotionsresistenter Holländer, der zwar Tore am Fließband schießt, aber den Rest des Spiels vornehmlich im Abseits zubringt. Zudem ist Roy Makaay zwar die teuerste Neuerwerbung der Bayern (wenigstens noch ein Superlativ), aber bisher im Gegensatz zu seinem formidablen Vorgänger Giovane Elber eher als latenter Verweigerer von Kombinationsfußball in Erscheinung getreten. Das hat die Berechenbarkeit des Münchener Angriffsspiels dermaßen erhöht, dass Peter Neururer nach dem ersten Sieg des VfL Bochum seit fünfhundert Jahren unwidersprochen dozieren durfte: Makaay ausschalten ist gleich Bayern ausschalten.

Nur ganz hinten ist die brüchige neue Achse der Bayern noch halbwegs stabil. Da steht der Mann, dem man am ehesten unterstellen könnte, er sei satt. Oliver Kahn scheint aber immer noch hungrig. Kahn, der alles gewonnen hat, der das reißfeste letzte Glied der Achse des Schreckens war. Jetzt gehört er nur noch einer schrecklich labilen Achse an. Einer Achse des Schnöden. Er kann einem fast Leid tun. Zwar leistete sich auch der Kapitän in dieser Saison schon den einen oder anderen Aussetzer, doch Kahn ist der einzige, dem Lethargie völlig abgeht, für den ein Unentschieden eine Niederlage ist und dem ein Abspielfehler der Mannschaftskameraden schon so nahe geht wie ein Gegentor. Blöd nur, dass Kahn nicht alle zehn Minuten nach vorne rennen und seine Mitspieler so zusammenfalten kann wie gegen Hannover, als er den schlafenden Zé Roberto so lange schüttelte, bis der ganz weiß war. Irgendwie hat man den Eindruck, dass der Torhüter als einer der ganz wenigen den Geschmack des permanenten Erfolgs nicht missen will.

Die Aussichten für den Bayern-Fan, sich in den kommenden Jahren noch mal für viele Pokale schämen zu dürfen, sind trübe angesichts einer wohl titellosen Saison. Sie sind trübe angesichts einer Mannschaft, die sich immer noch sucht, obwohl sie mehr als eine Saison Zeit hatte, sich zu finden. Vielleicht wird im nächsten Jahr ja alles besser, vielleicht wird in diesem sogar Real Madrid ausgeschaltet. Es hilft nur hoffen. Und dieses Hoffen-Müssen macht wahrscheinlich den größten Unterschied aus zwischen dem Bayern-Fan der letzten Jahre und dem von heute.