Der Künstler als König
Alexander Osang liest aus seinem neuen Buch
Am Ende stehen sie alle Schlange und wollen ein Autogramm vom Künstler. Geduldig harren sie
aus, es ist spät geworden. Der Künstler sieht müde aus. Trotzdem schenkt er jedem Fan ein Lächeln.
Der älteren Dame mit dem beigefarbenen Mantel und den Stützstrümpfen. Dem drahtigen Herrn im Anzug,
der aussieht wie ein Banker der Sparkasse. Und dem rundlichen Mann mit der viereckigen Brille.
Ich mag, was sie machen. Alles Gute.
Danke, sagt der Künstler. Er sagt zu jedem Danke. Rechts
neben dem Podium steht ein Tisch, auf dem zwei mittelalte Damen in Blazern seine Bücher verkaufen.
Die Nachrichten
, 50 Kolumnen aus Berlin und New York
und Lunkebergs Fest
. Sein
neuestes Buch. Die Damen verkaufen viele Bücher heute Abend. Vielleicht sagt der Künstler auch
deshalb Danke.
Alexander Osang sitzt auf einem Plastikstuhl im getäfelten Saal des Berliner
Verlagsgebäudes
am Alexanderplatz. Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Alle sitzen
auf den gleichen Plastikstühlen wie Osang. Doch für ihn, der bis vor vier Jahren noch bei der
Berliner Zeitung
fest angestellt war, hat der Veranstalter ein Podium gebaut. Auf dem sitzt
er jetzt wie auf einem Thron. Alexander Osang, 41, Spiegel-Reporter und Kolumnist, ist heute König
zum Anfassen. In ungewohnter Rolle. Der dreimalige Kisch-Preisträger, Meister des geschriebenen
Wortes, liest. Und wenn er in den Pausen redet, berlinert er sogar. Osang ist heute, wie seine
besten Reportagen es sind. Bei den Menschen.
Danke, dass sie gekommen sind. Ich habe gehört, dass ja auch Metallica in der Stadt sein
sollen.
So beginnt Osang die Lesung von Lunkebergs Fest
und alle lachen. Es hat den
Anschein, dass die mehr als achthundert Menschen genau deshalb hierher gekommen sind. Sie wollen
lachen und Osang weiß das. Schon mit dem ersten Satz hat er es geschafft. Er sagt dann noch, dass
Justin Timberlake auch in der Stadt ist. Wie Osang es sagt, klingt es, als sei es eine
Entschuldigung.
Von Künstler zu Künstler. In den hinteren Reihen versteht man jedes Wort klar und deutlich. Der Mann auf dem Plastik-Thron wirkt agil, frisch.
Die erste Geschichte, die Osang vorliest, ist die Titelgeschichte Lunkebergs Fest
. Sie
spielt zu Weihnachten. Es geht um den Innensenatsreferenten Frank Lunkeberg, ungebetene Gäste und
einen verkorksten Heiligabend. Osang spielt mit Perspektiven, überrascht, bringt zum Lachen. Am Ende
hat man das Gefühl, im Wohnzimmer unterm Weihnachtsbaum gesessen zu haben. Mit eingefallenen
Schultern und hängendem Kopf. Ein paar Lacher zwischendurch, ein überraschtes Raunen am Ende. Das
Stimmungs-Thermometer in diesem Moment zeigt 20 Grad. Angenehm, nicht kühl.
Nach zwei Kolumnen aus New York - geschrieben kurz vor dem Beginn des Irak-Krieges - und
einer zweiten Geschichte aus seinem Buch folgt die letzte des Abends, eine Ostergeschichte. Das
Totenschiff
erzählt von Jürgen Eckert, der nach der Trennung von seiner Frau in Ungarn einen Bus
entführt. Es ist die beste Geschichte des Abends. Mit ein paar Schlucken Wasser muss selbst Osang
sein Lachen kaschieren.
Der König auf dem Plastikthron schreibt nach der Lesung eine Stunde lang Widmungen in seine
Bücher. Man hat den Eindruck, als würde er durch jeden Autogrammjäger hindurch schauen. Er sieht
müde aus. Alexander Osang ist vor einer Woche aus New York angekommen und hat seither jeden Abend
irgendwo in Deutschland vorgelesen. Hat für sein Buch geworben, es verkauft. Ein paar mehr Falten
haben sich in sein Gesicht gegraben. Jedenfalls sieht es so aus. Der Rocker mit Lederjacke und
Staubtuch bittet Osang, ihm den finalen Satz seiner letzten Kolumne ins Buch zu schreiben. Nichts
leichter als das.
Das ist der letzte Satz, aber es ist auch das, was er sagt. Wie Osang es sagt,
klingt es seltsam leicht, agil. Dann lächelt er und sagt Danke.