Die Zukunft ist regional

Für Herbert Kolbe, Chefredakteur der Emder Zeitung, rückt der Leser in den Mittelpunkt

Eine Reportage von Klaus Esterluß

Emden, im September. Wenn Herbert Kolbe aus dem Fenster schaut, sieht er, für wen er arbeitet. Er sieht Menschen, die sich mit ihren Autos durch die engen Gassen des Viertels kämpfen. Die Häuser um die beiden Märkte herum sehen alle gleich aus. Er sieht Menschen, die in kleinen Geschäften einkaufen oder in Straßencafés sitzen und Eis essen. Herbert Kolbe kennt diese Menschen. Sie leben mit ihm, sie lesen ihn. Jeden Tag. Herbert Kolbe ist der Chefredakteur der Emder Zeitung.

Der Mann, der als erster in Deutschland das regionale Thema auf die erste Seite gebracht hat, trägt einen Anzug und ein weißes Hemd, das Sakko ist geöffnet.

Ruhig auf seinem Stuhl sitzen kann der 61jährige nicht. Immer ist er in Bewegung. Er schlägt die Beine übereinander, gestikuliert, springt auf, um ans Telefon zu gehen oder Exemplare seiner Zeitung zu holen. Er deutet auf Artikel und zeigt wichtige Bilder. Herbert Kolbe hat Energie. Er reagiert schnell und lebhaft, wenn er über seine Arbeit spricht.

Dennoch hat auch Herbert Kolbe nicht verhindern können, dass bei der Emder Zeitung das Anzeigengeschäft nicht mehr so gut läuft wie noch vor zwei Jahren. Deshalb kann hier im Augenblick niemand eingestellt werden. Steckt die Emder Zeitung in der Krise? Wir haben eine steigende Auflage sagt der Chefredakteur. 12.000 Menschen lesen die Emder Zeitung jeden Tag. Die meisten davon im Abonnement.

Herbert Kolbe schenkt Kaffee ein und lehnt sich in seinem Stuhl zurück.

Von den Mitarbeitern hier wurde bisher niemand entlassen. Sein Blatt ist eines der wenigen, die das von sich behaupten können. Herbert Kolbe lächelt. Eine Krise sieht anders aus.

Stephanie Schuurman sitzt ein Stockwerk unter dem Chef. Die 34jährige ist so was wie ein Abbild des Journalisten, wie ihn sich Herbert Kolbe vorstellt. Er schätzt gute Schreiber, die sich für alles interessieren und möglichst alles schreiben können. Stephanie Schuurman wird am Ende dazu gehören. Sie ist Volontärin bei der Emder Zeitung. Die einzige. Ihr Hauptgebiet ist das lokale Leben der Stadt. Themen für ihre Arbeit gibt es genug. Emden bietet von allem etwas. Auch wenn es eine Stadt mit nur 50.000 Einwohnern ist. Man muss nur die Augen öffnen sagt Schuurman. Ihr gefällt es hier. Eine ihrer Vorgängerinnen ist vor einem halben Jahr als Redakteurin übernommen worden. Zwei andere nicht.

Laut Herbert Kolbe orientiert sich die Emder Zeitung an der Region. Interessante und wichtige regionale Themen werden auf die erste Seite gestellt. Nicht gesondert, sondern gleichberechtigt neben überregionalen Meldungen. Bewegt ein Thema die Menschen hier, kommt es auf die Titelseite. Ohne Kompromisse. Wir fragen nicht: Was ist wichtig, sondern: Was ist interessant? sagt Kolbe und schlägt mit der rechten Faust auf die Armlehne seines Stuhls. Das macht er häufig, wenn er eine Aussage unterstreichen will. Für den Leser hier ist es interessanter, was der Rat gestern zur Müllabfuhr beschlossen hat als eine Bushrede.

Vor einigen Jahren hat die Emder Zeitung Preise gewonnen. Für ihre Art Artikel zu bebildern und ihr frisches Layout. Wir verwenden als einzige Tageszeitung der Welt den durchgehenden Flattersatz. Kolbe deutet auf verschiedene Abbildungen seiner Zeitung, die ungewöhnliche Perspektiven haben. Sie lenken den Leser in einen vorbestimmten Blick. Das funktioniert. Einige Bilder haben riesige Abmessungen, andere zeigen nur Details. Dynamik ist wichtig. Lokale Inhalte sind wichtiger.

Stephanie Schuurman bringt es auf den Punkt: Eine Lokalzeitung zu lesen bedeutet zu wissen, was in der Stadt passiert. Ginge es nur um weltbewegende Themen, könnten die Leser auch andere Zeitungen kaufen. Das aber wollen die Menschen in Emden nicht. Die meisten lesen zuerst, was in der Nachbarschaft passiert.

Herbert Kolbe gießt Sahne in seinen Kaffee. Er rührt um, trinkt langsam. Nach einer Stunde ist die Tasse noch halb voll. Ich glaube, sagt er, dass die regional bezogeneren Zeitungen beim Leser viel gefragter sind. Sie schreiben, was im Radio oder Fernsehen nicht besprochen wird. Der Leser will auch darüber informiert sein.

Bei der Emder Zeitung hat man erkannt, dass der heutige Mensch vieles schon weiß, bevor er seine Tageszeitung aufschlägt.

Deshalb sieht Herbert Kolbe in Zukunft eine viel stärkere Einbindung der Leser in der Entstehung der Zeitungen. Der Redakteur redigiert in den Visionen nur noch eine Zeitung, die von den Menschen gemacht wird, die sie lesen.

Wir haben unsere Sozialstruktur vor Augen, sagt er. Und: Diese Stadt lebt vom Auto, die Stadt lebt vom Hafen, die Stadt lebt vom Schiffbau. Für Herbert Kolbe ist wichtig, was die Menschen bewegt. Vor dem Fenster kann man sie sehen. In den Cafés und auf der Straße. Der so wichtige Hafen ist ganz in der Nähe.