Bundesbeauftragte gegen das Vergessen
Marianne Birthler
Wenn Marianne Birthler in einer Menschenrunde sitzt und wissen will, wer aus dem Osten kommt, macht sie den "Auguste-Test". "Wer weiß, was Weihnachtsgans Auguste ist?", ruft sie. Westler zucken mit den Schultern und denken an ein unbekanntes Braten-Rezept. Ostler zwinkern sich wissend zu: "Na klar, die Weihnachtsgans Auguste."
Marianne Birthler lacht, in ihren Augen schimmert ein Hauch Nostalgie. "Natürlich erinnere ich mich gerne an früher", sagt sie. "Das ist doch was ganz Normales!" Aber darüber ganze Fernsehshows produzieren, in denen Kati Witt und Axel Schulz die "Ostalgie" kultivieren? Marianne Birthler schüttelt den Kopf. "Das ist billig. Die Vergangenheit sollte aufgeklärt, nicht verklärt werden!" Einladungen zu solchen Shows lehnt sie ab. Schließlich hat sie eine Verantwortung - und 180 Kilometer Akten im Keller ihrer Behörde, die die hässliche Fratze der DDR jenseits von "Nudossi"-Broten und Trabbi-Geknutsche dokumentieren.
2600 Mitarbeiter, rund 10 000 Anträge auf Akteneinsicht monatlich, unzählige Informationen und Einzelschicksale. Wo hört da die Anlaufstelle für Stasi-Opfer auf, wo fängt die Vergangenheitsbewältigungs-Maschinerie an? "Die Behörde hat Züge einer Maschine", sagt Birthler. "Hier wird archiviert, kategorisiert, katalogisiert." Ununterbrochen reproduziert sich der Materialberg selber: Personenakten werden elektronisch erfasst und nach Sachgebieten neu zusammengestellt - um die Möglichkeiten der Erforschung zu verbessern.
Doch es geht um Menschen. Das Interesse, die eigene Akte einzusehen, ist auch 13 Jahre nach der Wende ungebrochen. Lynchjustiz befürchteten Gegner der Maschine, als die 1991 ins Rollen kam. Andere sahen Stasi-Opfer an den Enthüllungen zerbrechen. "Diese Menschen sind auf der Suche nach der Wahrheit", sagt Birthler. "Die zu akzeptieren, mag schmerzhaft sein, aber fällt leichter, als mit Ungewissheit zu leben."
Einer wehrt sich beharrlich, als Suchergebnis aus der Aktenmaschine ausgespuckt zu werden: Helmut Kohl. Diesen Monat geht der Rechtsstreit zwischen Birthler-Behörde und Altkanzler in die nächste Runde. Kohl will verhindern, dass seine Akte öffentlich wird. Birthler hält dagegen, dass Privates sowieso geschützt sei und für Kohl als Person der Zeitgeschichte andere Datenschutz-Maßstäbe gälten. Unpopuläre Entscheidungen hat sie noch nie gescheut. Vielleicht machen sie ihr sogar Spaß.
Mit 13 Jahren trat sie aus der FDJ aus. "Frühen Widerstand" erkennen einige Medien rückblickend, Birthler spricht von typischer Rebellion: "Ich wurde vor der ganzen Schule verhört und aufgefordert, wieder in die FDJ einzutreten. Da konnte ich doch nur noch nein sagen!" Ab 1986 protestiert sie mit anderen Bürgerrechtlern gegen das SED-Regime und verhandelt 1989 am "Runden Tisch". 1990 wird sie für die Grünen Bildungsministerin von Brandenburg. Nach zwei Jahren kommt es zum Bruch mit Ministerpräsident Stolpe. Aus Protest gegen die Stasi-Kontakte des "IM Sekretärs" legt sie ihr Amt nieder. Heute ist Stolpe Bundesminister. Birthler versucht, ihren Ärger hinunterzuschlucken: "Mein Kommentar dazu war mein Rücktritt vor 11 Jahren." Das sagt sie immer, wenn man sie zu Stolpe befragt.
Nach dem Rücktritt ist es ruhiger um sie geworden. Im September 2000 wird Birthler zur Bundesbeauftragten gewählt und damit zur Wächterin über eine unfassbare Menge an Informationen. Ihre eigene Akte existiert nicht mehr, sie wurde vernichtet. In der Akte ihres Ex-Mannes wurde sie fündig. "Große Überraschungen gab es nicht", erzählt sie. Von den meisten Spitzeleien durch Freunde oder Bekannte wusste sie längst. Wie misstrauisch macht das einen Menschen? Marianne Birthler lehnt sich in ihrem hellroten Sofa zurück. "Ich kann immer noch vertrauen", sagt sie. Und erzählt, wie sie kurz nach der Wende mit einer Freundin zusammen enge Freunde aufzählte, "für die wir unsere Hände ins Feuer legen würden". Jahre später gehen sie die Namen noch einmal durch: "Keinem haben wir zu Unrecht vertraut. Das war beruhigend."
In zwei Jahren ist ihre Amtszeit beendet. Was kommt dann? Steht sie noch zur Verfügung? "Vielleicht", sagt Birthler. Oder zurück in die Politik? "Nee, ich will nicht in die erste Reihe, das ist mir zu viel Öffentlichkeit. Mal ungeschminkt raus, auf den Markt gehen, darauf möchte ich nicht verzichten."
Sie wohnt in Prenzlauer Berg, am Kollwitzplatz. Manchmal trifft sie Wolfgang Thierse beim Einkaufen. Würde sie ihn nach Weihnachtsgans Auguste fragen, auch er würde wissend nicken: Na klar, Weihnachtsgans Auguste - mein liebstes Weihnachtsmärchen von früher.