Das Ende des Pop [5]

Der populärste Ausläufer der Postmoderne verabschiedet sich. Und reißt eventuell die ganze Epoche mit sich.

von Jürgen Wutschke

Über ein beinahe verlorenes Jahrzehnt in der Literatur - Teil 5 einer polemischen view-Serie.

Popliteratur ist keine Erfindung der letzten zehn Jahre und dennoch haben sie sie salonfähig gemacht und ihr damit jenes Schicksal beschert, dass beinahe allem aus den kleinen Zirkel der Innovativen stammenden widerfährt, wenn es die Masse entdeckt hat. Seine Kopisten konnten weder die Mentalität der Arrivierten auch nur ansatzweise nach vollziehen, noch waren sie in der Lage, das Genre weiter zu entwickeln. Allerdings verstanden sie es, für einen kurzen Zeitraum und in einem begrenzten Raum, die Grenzen genau auszuleuchten. Sie zu überschreiten gelang ihnen deshalb nicht, weil sie das Genre verstanden, aber nie durchschauten. Florian Illes bildet dazu mit seinen beiden Generation Golf die Klammer.

Stuckrad-Barre setzte mit Soloalbum ein erstes Ausrufezeichen und ließ diesem Publikumserfolg nach gleichem Strickmuster noch ein paar Bände - die sich zu merken nicht lohnt - folgen. In seinen Fußstapfen versuchte sich Benjamin Lebert, der mit Crazy den absoluten Tiefpunkt einer ganzen Richtung und gleichsam die totale Verirrung der Popliteratur markierte. Das Individuum geht in der Warenwelt auf, glaubt aber dennoch ihrer Herr zu werden. Der Verlust der Singularität geht einher mit der Unfähigkeit, seine Umwelt verstehen zu können. Zum einen negieren beide Autoren in ihren Helden sowohl einen Werte- und Bildungskanon, demonstrieren zugleich aber das Unvermögen, die neu geschaffenen multimedialen Götter zu begreifen. Sie propagieren eine Religion ohne Theologie. Während Stuckrad-Barre sich über die Freiheit und Unversöhnlichkeit des Autors mit seinem Subjekt retten kann und damit sein Werk vermutlich zumindest eine Fußnote sichern wird, schafft es Lebert, der auf traurige Weise mit seinem Subjekt verbunden ist, nicht über pubertäre Problemchen hinaus. Beide verweigern ihren Helden die obligatorische Entwicklung und enthalten ihnen damit die Adoleszenz vor.

Parallel dazu glaubte der SPIEGEL Mitte des Jahrzehnts das Fräuleinwunder in der Literatur ausrufen zu können, wogegen sich in erster Linie die Autorinnen selbst wehrten. Als wirklich interessante Stimmen haben sich dagegen die Berlinerin Judith Hermann und Zoe Jenny erwiesen. Hermann debütierte 1995 mit dem hochgelobten Erzählband Sommerhaus, später. In ihm beschreibt sie mit kraftvoller minimalistischer Sprache die Suche nach der Liebe und dem Leben. Was dabei allerdings noch Markenzeichen war, stellte sich wenige Jahre später in ihrem zweiten Band schlicht als Makel heraus. Zwar brilliert Hermann noch immer mit der Sprache, doch reduzierte sich der angedeutete Minimalismus zur puren Ereignislosigkeit innerhalb der Erzählungen.

Die Schweizerin Jenny erregte mit ihrem Debüt Das Blütenstaubzimmer auch in erster Linie wegen ihrer feinen Sprache Achtung. Allerdings biß sich die Kritik im Folgenden an Details des Plots fest, verwarf dabei auf stümperhafte Weise die Trennung zwischen Fiktion und Realität und trieb die Autorin aus der weltoffen-biederen Schweiz, die später mit ihrem Botschafter in der Bundesrepublik auch ihren farbigsten Vertreter, vor die Tür setzen wird.

Liebstes Thema der Feuilletons und zugleich deren größtes Ärgernis bleibt in den 90er Jahren jedoch der Berlin-Roman, oder besser dessen Nichtexistenz. Zwar legt Günter Grass zu Beginn der werdenden Berliner Republik mit Ein weites Feld einen seiner kraft- und fantasievollsten Romane vor, doch will man hierzulande nichts von Revanchismus und den Ängsten der Nachbarn hören. Schon gar nicht, wenn man bei seinen französischen Nachbarn eben mit dem Minol-Tankstellennetz als Quasi-Geschenk letzte Bedenken gemildert hat. Grass, der auf begnadete Weise die Wende 1989 historisch mit der Reichsgründung 1871 verwebt und dazu den großen preußischen Autoren und Chronisten seiner Zeit und seiner Kriege Theodor Fontane als Helden auserwählt, wird daraufhin nahezu menschenverachtend von Reich-Ranicki verissen.

Grass ist es auch, der mit seiner Novelle Krebsgang ein weiteres Kapitel bundesdeutscher Literatur beschließen wird. Mit ihm werden nicht nur die Jahrgänge der Flakhelfer-Generation verstummen, sondern generell die letzten lebenden Chronisten des 2. Weltkrieges. Dazu gehören Walter Kempowski, Siegfried Lenz, Peter Rühmkorf und Christa Wolf ebenso wie Martin Walser und etliche andere.

Ihnen folgt eine Generation von Autoren, die auf unterschiedlichen Seiten des Eisernen Vorhangs aufgewachsen, unterschiedlich sozialisiert und differenziert sensualisiert sind. Botho Strauß und Peter Handke werden als Vertreter der Postmoderne und einer betont elitären Literatur wahrscheinlich große Schwierigkeiten haben, neue Leserschichten zu erschließen. Die deutsche Lyrik hat mit Durs Grünbein einen sich derzeit stark ins Historische, vor allem ins Mythologische zurückziehenden Vertreter. Es fehlen nach den Popliteraten momentan die Chronisten und Visionäre, die dem aufkeimenden Neo-Konservatismus nicht nur zur Seite, sondern auch dessen Theologen sein werden. Noch immer haben die letzten zehn Jahre kaum Widerhall in der Literatur gefunden. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie kaum neue Stimmen von Dauer hervorgebracht haben.