Das Ende des Pop [4]

Der populärste Ausläufer der Postmoderne verabschiedet sich. Und reißt eventuell die ganze Epoche mit sich.

von Klaus Esterluß

[...] Doch irgendwann sind sie dran - und dann kennt sie keiner mehr - gestern niemand / morgen tot und dazwischen was? Populär! [...]

Die Fantastischen Vier - Populär - Lauschgift (1997)

Pop - was ist das? Musikalisch gesehen ist Pop ein Teil von U und U ist Unterhaltungsmusik. Pop meint populär. Erfolgreich, der Zeit voraus vielleicht, aktuell, modern, stylish (um sich der populärsten Vokabel der Neuzeit zu bedienen). Pop ist stylish. Pop ist populär. Zu welchem Preis? Teil 4 einer polemischen view-Serie.

Pop ist die Kunst, aus einem Nichts Gold zu machen. Eine Disziplin, zu der man geboren sein und Dieter Bohlen heißen muss. Zumindest scheint es so. Denn niemand sonst baut soviel Edelmetall aus heißer Luft. Sogar aus sich selbst. Man denke an die Selbstklonung Modern Talkings, der Band, mit der alles angefangen hat und die Dieter Bohlen in den 80er Jahren von einem Schlagerbarden zum Popstar machte. You're My Heart - You're My Soul trällerte es damals im Diskobeat und in Trainingsanzügen (rosa!) aus den Boxen von Tanztempeln und Radiostationen. Und You're My Heart - You're My Soul trällert es immer noch. Etwas aufgebohrt vielleicht, etwas moderner, stylisher, aber der Song bleibt der Gleiche. Das ist Pop. Was einmal funktioniert hat, funktioniert sicher ein zweites Mal. Bohlen beweist das, als er 1998 Modern Talking zurück aus der Retorte holt und nochmal fünf Jahre an die so schon lang genug währende Bandgeschichte anbaut. Album Eins nach Recall war dann passend ein poliertes Best of der alten Gassenhauer von damals. Oldschool - Popmusik getrimmt auf heute. 2003 - und hier gehört frei Kettcar, die Rettung des Pop aus Hamburg, zitiert: the year schwachsinn broke [...] - war es dann endgültig aus mit der Herrlichkeit. Bohlen hatte genug von Anders und ausserdem genug zu tun.

Das letzte Modern Talking Konzert hinterlässt tränenreiche Fans, die sich im Privatfernsehen darüber beschweren, dass es keine Zugabe gab, sondern der Dieter und der Thomas einfach so die Kurve kratzten und ein, nicht wundern, Best of, mit allen Gassenhauern zurück ließen. Das hatten wir schonmal? Vor fünf Jahren etwa. Genau.

Und so revivalt man fröhlich drauf los, als gäbe es kein Morgen. Was der Dieter kann, denkt sich womöglich eine nicht mehr ganz so junge, aber umso stylishere Frau im Jahr 2002, kann ich auch. Vier Jahre nach Dieter. Und sie nennt ihre Platte, gänzlich unpathetisch und selbstverliebt: Nena feat. Nena. Das Küken der 80er, das Fräulein Wunder, das, so hört man, beim Staubsaugen entdeckt wurde, um die Personifikation der Neuen Deutschen Welle zu sein. Nachdem den 99 Luftballons die Luft aus- und von den furchtbaren Fönfrisuren der Lack abgegangen war, kam nichts mehr. Ein paar Kinderliederscheiben, etwas Klimbim. Dann kam Dieter und dann die Idee. Inzwischen ist Nena Trägerin des Echos als Beste Künstlerin National, ohne überhaupt etwas geschaffen zu haben, schon gar keine neuen Songs. Aber weil die Alten ja die alten mitsingen können und die Jungen lernfähig sind, klappt es mit der Selbstreproduktion auch hier. Solange man so aussieht, dass sowohl Papi als auch Junior scharf werden, stimmt der Verkauf. Pop sei Dank. Und Dieter auch.

Ohne diese Art Rückholung aus der wohlverdienten Ruhe kann wohl keine Musikgeneration leben. Weltweit wurde und wird noch immer reanimiert, was nicht bei drei auf den Bäumen oder mindestens unter der Erde ist. Snap! (Rhythem is a Dancer) veröffentlichten dieser Tage eine Anthologie in schickem Rotton, Kim Wilde schwimmt auf Nena und will wieder mehr und auch allein machen, von den ganzen Rocklegenden mag man gar nicht reden. Aber wir befinden uns ja auch im einheimischen Raum. Und wir haben keine Rocklegenden. Pur vielleicht. Weichgespülte Scorpions. BAP? Egal. Verdammt lang her, das alles.

Gar nicht lange her, sondern dieser Tage omnipräsent, ist ein Phänomen, das dem Pop mehr als nur den Kopf kosten kann. Die Castingshow. Amerika ist Schuld daran. Als ob uns Hamburger, Freedom Fries und Britney Spears nicht schon gereicht hätten. Ist letztere auch ein Castingshow - Produkt?

Nicht jeder kann ein No Angel werden. Denn spätestens nach der Fleischwerdung von Bro'Sis erfuhr man, dass sich ein gleiches Showkonzept schon beim zweiten Versuch totnudelt. Siehe auch Big Brother. Was aber läuft und desillusionierten Discogängern ohne erkennbaren Geschmack das Geld aus der Tasche zieht, ist der Plattenindustrie nur recht und alles andere als billig. Davon lebt sie schließlich. Und weil ein simples Casting nicht mehr funktionert, kramen die Sendeverantwortlichen tief in der Trickkiste der Fernsehfrühgeschichte, um das Konzept Talentschuppen aus der Versenkung zu heben. Sat1 hatte dieser Tage einen durchschlagenden Erfolg damit. Pro7 macht nach und sicher nicht besser oder schlechter. Es folgen RTL, RTL2 und das öffentlich rechtliche Pendant. Zwar werden nicht nur Musiker gesucht (auch wenn es primär um die geht), sondern auch Models, Komiker und, ganz ausgefallen, Schauspieler. Im nächsten Jahr dann Köche, Taxifahrer, Langzeitstudenten. Das wärs doch.

Natürlich hat auch der Godfather aller Entwicklung, Dieter, seine Hände kräftig im Spiel. Castete er doch kürzlich als den Superstar Deutschlands einen gewissen Alex K. - einen blassen, unbeholfenen Jungen, der am Siegabend, Bild-tauglich und unter Tränen seine Freundin verlies und seitdem sogar mal auf Nummer 1 in den Charts stand. Vielmehr als plumpe Antworten in zweitklassigen Talkshows wird man von ihm in Zukunft wohl nicht mehr hören (müssen). Besser hat es da der latent bisexuelle Daniel K., dritter Sieger beim Superstarsuchen, der zumindest so quietschig ist, dass man ihn ein wenig spannend finden könnte. Zwar wird auch er in zwei Jahren vermutlich keine Musik mehr verkaufen können, aber eventuell dem Ilja-Richter-Syndrom anheim fallen, Schlagerparaden moderieren und in kleinen Komödien mitspielen.

Natürlich hat Dieter allen die Songs auf die jugendliche Hühnerbrust geschrieben, natürlich hat Dieter Songs als neu verkauft, die er schon vor 15 Jahren selbst gesungen hat und natürlich weiß auch Dieter um das Schicksal seiner Zöglinge und zieht fröhlich neue. Deutschland sucht den Superstar 2 kommt bald.

Irgendwann in naher Zukunft war vielleicht jeder von uns bei so einem Casting und hat gelernt, besser den Mund zu halten oder ist ein One-Hit Wonder geworden. Geld werden wir so oder so nicht verdient haben. Andy Warhol sprach von 15 Minuten Ruhm, die jedem Menschen zustünden. Auf dieses Recht darf man pochen.

Aber dann! Dann geht es der Casting- wie der Talkshow. Ab ins Klo damit. Keiner guckt mehr zu. Und es bricht die Rettung über uns hinein, wir wachen auf und hören, dass es noch anderes gibt. Musik! Musik, über die Herr Bohlen nicht wachen kann. Und die der Industrie noch immer sträflich egal ist. Wir werden zurückkehren zu den Wir sind Helden, Tocotronics, Tomtes, Kettcars und Sportfreunden Stillers und wir werden erkennen, dass Pop nicht tot ist, sondern nur etwas angegammelt riecht. Was hat dich bloß so ruiniert? Kurz in die Waschmaschine damit und alles ist wieder gut.

[...] Ich danke der Academy. für das Erkennen von Talent. / Das Leben schreit nach Energie. wahrscheinlich war ich besser nie / als in diesem Moment.[...]

Kettcar - Ich danke der Academy - Du und wieviel von deinen Freunden? (2003)