Das Ende des Pop [3]
Der populärste Ausläufer der Postmoderne verabschiedet sich. Und reißt eventuell die ganze Epoche mit sich.
Als sich die Welt verdrahtete, ging es rasend schnell bergauf. Die Zweite Industrielle Revolution war da. Als die ersten aber strauchelten, ging es ebenso schnell wieder bergab. Und zwar viel tiefer. Unten sah man dann, was in den Jahren zuvor liegen geblieben war. Teil 3 einer polemischen view-Serie.
Der Zauber begann mit dem Internet. Plötzlich war die Welt verdrahtet. Jeder konnte jeden an jedem Ort zu jeder Zeit erreichen. Und alles schien möglich. Niemand sollte mehr unnötig das Haus verlassen müssen. Per Mausklick flattert die bunte Warenwelt dank Post in die heimischen vier Wände.
Das Internet schien hervorragend geeignet, sich selbständig zu machen. Beihilfen gab es vom Staat und wenn das Geld trotzdem ausging, drängte man eben an die Börse in die extra neu gegründeten Indizes. Und da alle den Spuk glaubten, sprangen auch alle auf den Zug auf und zeichneten, was nur ausgegeben wurde. Fantasiefirmen wurden geboren, Renditeversprechen direkt aus dem Kaffeesatz in die Firmenprospekte übernommen. Die Kurse schnellten nach oben. Gelder kursierten, die nie existierten. Selbst an und für sich seriöse Staatsunternehmen engagierten Volksschauspieler und warfen ihre Anteile unters Volk. Deutschland war auf einmal ein Land der Aktionäre. Wer noch konventionell auf das Sparbuch zahlte, war der letzte Depp. Und wer Ende der 90er Jahre noch immer nicht in Aktien machte, fand eigentlich schon gar nicht mehr statt.
Die Katastrophe begann, als der amerikanische Notenbank-Chef Alan Greenspan auf den Plan trat und etwas von einer Spekulationsblase erzählte. Kaum hatte er ausgesprochen, vernahm man weltweit auf den Parketts der Börsen ein laues Lüftchen, das sich binnen kurzer Zeit zum Sturm entwickelte und das große bunte Kartenhäuschen zum Einstürzen brachte. Plötzlich sahen alle, dass den meisten außer Versprechen nichts gelungen ist. Ganze Länder gerieten in den Strudel. Die Zuständigkeit für die einst gelobten Tigerstaaten in Fernost wechselte fix vom Wirtschafts- zurück ins Entwicklungsministerium. Brandenburg wurde wieder Halbwüste. Mitunter übertrafen Firmen- und Kursverluste die Quantität der Weltwirtschaftskrise um ein Vielfaches. Und die Pop-Hauptstadt Berlin versank noch tiefer im Chaos.
Wieder begann die Arbeitslosigkeit zu steigen. Im Winter 2003/2004 werden 5 Millionen Erwerbslose prognostiziert. Der Wandel ist verpasst. Allein dem gegenwärtigen Gesundheitssystem werden mittlerweile düstere 25 Jahre Reformendauer attestiert. Aufgerechnet erzeugen zwei Jahre bundesdeutsches Sozialsystem ein Jahr Reparaturbedarf.
Auch der Osten wird weiterhin als strukturelles Niemandsland betrachtet. Und niemand stört sich dran. Zwei Flüsse, die über die Ufer springen, sind allen politischen Größen Besuche und Solidaritätsbekundungen wert. 20 Prozent Arbeitslose nicht.
Erste zaghafte Reformversuche haben allesamt den Tenor, dass Arbeitslosigkeit nur der individuellen Faulheit geschuldet sei. Zum Ansporn werden die Bezüge künftig kräftig gekürzt. Vor allem. Wer sich nicht als genügend mobil erweise, Arbeit zu finden, solle bestraft werden. Die Bundesregierung alimentiert den Exodus aus den neuen Bundesländern. Der feierliche Hedonismus der 90er Jahre ist dem kalten Sparhammer des neuen Jahrzehnts gewichen. Selbst die neuerlich verabschiedete Steuerreform mit den prognostizierten Erleichterungen für private Haushalte wird verpuffen, noch ehe im Bundesrat endlich ein Kompromiss erzielt sein wird. Statt dem Konsum werden gestiegene Sozialbeiträge, neuerlich erfundene und erhöhte Steuern (Mehrwert, Diesel, etc.) die private Altersvorsorge und die neuerlich wieder bitter notwendige hohe Kante bedient werden. So ist die private Sparquote von 13 Prozent 1998 auf magere 8,3 Prozent im III. Quartal 2001 gesunken, um zum I. Quartal des laufenden Jahres wieder auf 14 Prozent empor zu schnellen. Eine Größe, die scheinbar noch immer keinen Niederschlag in regierungsamtlichen Berechnungen gefunden hat. Im Prinzip findet seit fast drei Jahren kein Wirtschaftswachstum mehr statt. Neuste Idee: Bürgerversicherung.