Das Ende des Pop [2]

Der populärste Ausläufer der Postmoderne verabschiedet sich. Und reißt eventuell die ganze Epoche mit sich.

von Sören Larsen

Deutschland hat sich zum Pazifismus erzogen und ist umgeben von Kriegen. Der Glanz in der Außenpolitik und das Elend daheim. Teil 2 einer polemischen view-Serie.

Die meisten derer, die sich später zur Popgeneration addieren lassen, haben eine elementare Gemeinsamkeit. Sie erfahren 1998 erstmals, dass ein Bundeskanzler nicht vererbt, sondern dass er tatsächlich fern aller Akklamation gewählt wird.

Und anfangs zeigt sich der Neue ganz cool. Fast jugendlich kommt er daher, hat an seiner Seite zu Beginn zwei, die sich zuletzt aber nur noch parodieren lassen. Ebenso wie an der Börse wird kunstvoll mit Zahlen jongliert und geblendet. Sämtliche Samstagabendshows werden mitgenommen. Das Lächeln wächst langsam im Gesicht fest. Doch schnell kommen die ersten Dämpfer. Deutschland zieht zusammen mit seinen Nachbarn in einen Krieg ohne Resolution der Vereinten Nationen. Ein doppeltes Tabu aus bundesdeutscher Sicht ist gebrochen. Und mit den Attentaten vom September 2001 ist der Hedonismus endgültig vorbei. Es war alles nur ein Grinsen.

Amerika reitet mit seinen Verbündeten unter fadenscheinigen Begründungen in den Nahen Osten und besiegt den Irak samt seiner Herrscherdynastie. Wieder ohne Segen der UN. Man sieht sich selbst gegen den Terrorismus im Krieg. Nie war ein Gegner unbekannter.

Doch nicht erst seitdem führen die Amerikaner auf jedem Kontinent einen Krieg. Es scheint aber, als könne keiner von ihnen gewonnen werden. Vielmehr deutet alles auf eine der schwersten Niederlagen seit dem Vietnamkrieg hin. Wieder verliert Amerika einen selbst ausgerufenen Krieg. Und wieder verliert es ihn an der publizistischen Heimatfront und der Realität außerhalb der Planungsbunker.

Zudem stellt sich der Allianz diesmal eine Opposition mit Frankreich und Deutschland an der Spitze entgegen. Dabei weiß der Kanzler die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. Zum wiederholten Mal in der deutschen Nachkriegsgeschichte etabliert sich eine Friedensbewegung, die jung und alt vereint. Deutschland emanzipiert sich nach 40 Jahren Besatzung und 10 Jahren der Suche endgültig international. Zwar noch mit der Europäischen Union im Rücken, aber an deren Spitze. Dass gleichzeitig jedoch an anderen Stellen in der Welt mit bundesdeutschen Soldaten gekämpft wird, verdeutlicht die gewachsene Rolle der Bundesrepublik.

Innerlich jedoch hat Deutschland noch lange nicht zu sich selbst gefunden. Mag man sich nach außen noch so vernünftig und einflussreich präsentieren, drinnen bröckelt überall der Putz. Die Sozialsysteme sind nicht länger bezahlbar, Gewerkschaften zerstritten und die beiden Kammern des föderalen Systems blockieren sich durch ein Jahrzehnt. Deutschland kommt arg lädiert aus der Wiedervereinigung. Der Osten ist weit weniger das Problem. Vielmehr blockieren die eingefahrenen Strukturen, die sich, da sie selbst anachronistisch sind, nicht übertragen lassen, ein ganzes Land für mindestens ein Jahrzehnt. Irgendwann erweisen sich die blühenden Landschaften beiderseits der Elbe als geschlossene Sahelzone. Kein Land, sollte man meinen, kann sich dauerhaft 10 Prozent Arbeitslosigkeit leisten, ohne elementar zu reformieren. Deutschland versucht es trotzdem.

Doch irgendwann merkt auch der Letzte, dass man nicht alles der schlechten Weltkonjunktur unterjubeln kann und es kehrt der Ernst ein. Spätestens seit die New Economy faktisch eingegangen war, ist der Spaß auch hierzulande vorbei. Und als dem Osten das Wasser nicht mehr nur bis zum Hals steht, sondern er in den Fluten versinkt, die den Kanzler noch mal für weitere vier Jahre an die Spree spülen, kündigt dieser die Arbeiter an. Bade-Scharping und Hilflos-Riester verschwinden. Gerster, Clement, Struck und Künast sollen es fortan richten. Doch die machen da weiter, wo die anderen aufgehört haben. Gewerkelt wird weiterhin nicht an der Ausgaben-, sondern an der Einnahmeseite. Die Renten sind faktisch für kommende Generationen nicht mehr finanzierbar. Die Deutschen haben einfach zu wenig Nachwuchs. Doch die Immigrationskinder, die die Geburtenlücke füllen sollen, können oder wollen nicht integriert werden. Selbst wenn dies aber gelingen sollte, müssen sie mit ihren urdeutschen Altersgenossen feststellen, dass der Großteil von ihnen eigentlich gar nicht gebraucht wird und in relativer Armut versinkt. Was hat Deutschland seiner Jugend noch zu bieten?

Parallel dazu werden die Lebensversicherungen, die kurz zuvor noch als Säule der zukünftigen Altersvorsorge gepriesen wurden, bei der Arbeitslosenunterstützung angerechnet. Über 100.000 sind gezwungen, ihre Policen verkaufen. Es droht die Altersarmut. Deutschland schafft zwei Jahre in Folge das Defizitkriterium der Europäischen Union nicht. Die Wirtschaft wächst faktisch nicht mehr.