Das Ende des Pop [1]

Der populärste Ausläufer der Postmoderne verabschiedet sich. Und reißt eventuell die ganze Epoche mit sich.

von Jürgen Wutschke

Zeig mir deinen Dispo und ich sage dir, wer du bist. Zeig mir deine Aktien und ich sage dir, wo du warst. Eine Generation versucht sich selbst zu erfinden und scheitert erbärmlich - Teil 1 einer polemischen view-Serie.

Die Sonne weckt einen ganzjährig im angemieteten Loft. In der anderen Betthälfte liegt eine Frau, an die man sich eventuell sogar noch vom Vorabend erinnern kann. Sodann vergewissert man sich, in welcher Fabriketage man eigentlich genächtigt hat. Auf dem Hometrainer nimmt man den ersten Joghurtdrink des Tages, liest die Financial Times. Im Plasmafernsehen läuft N-TV oder so. Geld spielt dank dem Dispo der Sparkasse keine Rolle, die Kredite gibt es im Internet. Schulden sind ein gesellschaftliches Muss. Vor dem Weg in die Agentur checkt man schnell die ersten Mails und ordert die ersten Wertpapiere des Tages. Machen ja irgendwie alle in Aktien, ohne dass sie erklären können.

Mit simplen Ideen verdienen sich die Popjünger Fantastilliarden, Hauptsache man findet jemanden, dem man seinen Stuss verkaufen kann. Davon gibt es zum Glück aber viele. Und da jeder an jedem via Aktien beteiligt ist, reißt es dem Land auch mehrheitlich die Füße hoch, als sich herausstellt, dass alle Ideen hatten, die niemand brauchte. Plötzlich hatte man wieder den ehemaligen RTL-Chef Helmut Thoma im Ohr, der da flüsterte, dass das Internet die Antworten auf die Fragen habe, die blöderweise nur niemand stelle. Klar konnte man in Thüringen die beste Software entwickeln und in Brandenburg die größten Luftschiffe bauen und in München die schönsten Filmbibliotheken aufziehen. Aber irgendwann wollte das niemand mehr so recht glauben. Und als man den Mangel nicht mehr länger mit Hochglanzprospekten verschleiern konnte, ging es rasend schnell bergab. Schon nimmt man den Weg nach unten. Gott sei Dank gibt es aber Hilfe.

Denn in den 90ern schießen Ratgeber für Lebensstil und Börsen, für Gesundheit und Fitness aus dem Nichts und erreichen Traumauflagen. Scheinbar jeder Verlag wirft eigene Produktionen auf den Markt. Die Werbung kreiert den strahlenden Gewinner zwischen 25-35. Und jeder fühlt sich angesprochen.

Doch plötzlich ist das Individuum nicht mehr ganz so viel wert in seiner Singularität. Der Einzelne kann nicht mehr versuchen, aus seiner Ich-AG heraus den anonymen Anderen etwas aufzuschwatzen, um seinen eigenen Vorteil zu maximieren. Das Subjekt trägt sich selbst nicht mehr auf den Cocktailparties und Fitnessstudios der Republik zu Markte und präsentiert seine Projekte. Nichtbezahlte Kredite und der Vergleich von Wartezeiten auf dem Arbeitsamt taugen schlecht als Small-Talk-Themen. Zudem hat ein nicht unbeträchtlicher Teil der ehemals Tonangebenden derzeit damit zu tun, sich bei allerlei Prozessen als ahnungslose Familienväter und Opfer der Weltkonjunktur zu präsentieren. Hinterher kriechen all die Gestolperten und Gefallenen, die Geprellten und Abgezockten wieder zusammen unter die warme Decke des Staates. Man flieht aus der eingeforderten und ausgelebten Individualität wieder zurück ins Kollektiv, da sich der Einzelne dem Abenteuer als nicht gewachsen erwiesen hat. Hat halt nicht funktioniert. Machen wir wie zuvor eben zusammen weiter. Doch unter der Decke stellt sich heraus, dass diese nicht mehr von Helmut Kohl gehalten wird, sondern eben jemand neues da ist. Und der sieht das alles ein wenig anders. Die Decke ist löchrig geworden und an einigen Stellen mächtig dünn. Der Neue nimmt in Kauf, dass bei ihm kein Ausruhen mehr ist. Eventuell nicht mal mehr Platz.

Spätestens jedoch, als die SPD Siegmar Gabriel mit dem Posten des Pop-Beauftragten im bundesdeutschen Feuilleton lächerlich macht, ist klar, dass eine Epoche zu Ende ist. Denn damit ist eine Strömung nicht nur instrumentalisiert, sondern ihre Verlierer werden ab sofort staatlich verwaltet.