Ritter der traurigen Gestalt
Zum 110. Geburtstag Rudolf Ditzens am 21. Juli
Als Kind ständig krank, von scheinbar minderem Intellekt, später Alkoholiker und Morphinist und am Ende auf allen vieren durch die Tuberkulosestation kriechend, um auf der Suche nach dem Tod die Auswürfe der anderen Patienten zu schlucken. Und zwischendrin einer der bekanntesten Autoren und Chronist der Weimarer Republik, erster Bürgermeister im mecklenburgischen Feldberg und ein von den Kommunisten hofierter Künstler. Nicht nur für Hans Fallada, wie sich Rudolf Ditzen nannte, war das zuviel für ein einziges Leben.

© www.fallada.de
Nach der Schule wechselt Rudolf in die pommersche Landwirtschaft, will im Laufe der nächsten Jahre gelernt haben, über 200 Kartoffelsorten zu unterscheiden. Nebenbei beginnt er zu schreiben. Seine überbordende Fantasie ist seit Schulzeiten bekannt. Zu diesem Zeitpunkt war er schon wegen eines gescheiterten Doppelselbstmordes, bei dem er allein zum Mörder wurde, wegen scheinbarer Unzurechnungsfähigkeit in psychiatrischer Behandlung. Das erspart ihm zumindest jetzt eine Verurteilung. Kurz darauf unterzieht er sich der ersten Entziehungskur und kommt doch noch ins Gefängnis - diesmal wegen Hinterziehung auf einem Gutshof. Nach der Haft tritt er der SPD bei und vier Jahre später beginnt der schriftstellerische Erfolg - und mit ihm der Mythos.
Mit Kleiner Mann - was nun?
, einer Milieustudie um ein Proletarierpärchen in der Weltwirtschaftskrise
zwischen jungem Glück und permanenter Armut, erreichte Fallada einen ersten Höhepunkt seines Schreibens. Der Roman führte
selbst in Amerika die Verkaufslisten an. Hans Fallada zog nach und veröffentlicht beinahe im Jahresrhythmus neue opulente
Romane. Dabei arbeitet er penibel nach Listen und notiert das tägliche Pensum. Nie bleibt er unter dem des Vortages,
sondern steigert es lieber. Nach jedem Roman muss er wegen Entkräftung ins Sanatorium. Seine Frau hat Angst vor jedem
neuen Buch und bleibt dennoch, wenn es ihn wieder juckt, seine Stütze. Zeitweilig bekommt der sogar den Drogenkonsum in
den Griff. Sein Verleger Ernst Rowohlt, in dessen Verlag er angestellt ist, gibt ihm halbtags frei, damit er schreiben
kann. Nach dem Krieg wird Rowohlt mit Falladas erstem Welterfolg die berühmte Rotationsreihe eröffnen.
Wer einmal aus dem Blechnapf frisst
, Wolf unter Wölfen
, Der eiserne Gustav
erscheinen in
kurzen Abständen. Im Mittelpunkt steht stets der Ausgestoßene, der sich mühsam seinen Platz erkämpfen will oder ihn zu
verteidigen hat. Fast immer verlieren seine Helden oder krebsen am Rand der Gesellschaft. Nach dem Ende des 3. Reiches
wird man ihn deswegen hofieren und einen proletarischen Schriftsteller nennen.
In der Kriegszeit schreibt Fallada autobiographische Prosa und Kindergeschichten. Man wird es ihm später als innere Emigration auslegen. Er lebt mit Frau und Kindern zurück gezogen im mecklenburgischen Feldberg. Wieder muss er in eine Entziehungskur. Dort lernt er seine zweite Frau kennen. Von nun an jagen sie sich als Verbündete im Rausch gemeinsam das Gift durch die Adern. Das Delirium wird nur noch durch das Schreiben unterbrochen. Am 5. Februar 1947 stirbt Hans Fallada in der Berliner Charité.
Nach dem Krieg bekommt er vom früheren Expressionisten und späteren Kulturminister der DDR Johannes R. Becher Gestapo-Unterlagen mit dem Auftrag, daraus ein Buch zu machen. Becher weiß um Falladas Krankheit und die heilende Wirkung der Arbeit. Er wird in den Kulturapparat eingespannt und beginnt ganz im Sinne der neuen Herren mit der Idealisierung der in den Akten festgehaltenen Vorgänge um ein Arbeiterehepaar im privaten Widerstand gegen Hitler. Später wird man ihm anrechnen, dass die Papiere unvollständig waren und er sich der künstlerischen Freiheit bediente.
Bis heute streitet sich die Wissenschaft, ob Fallada ein politischer Autor war. Auf der einen Seite stehen seine Parteimitgliedschaft bei den Sozialdemokraten, seine elftägige Inhaftierung durch die Nationalsozialisten, sein kurzes Engagement für die Kommunisten. Dem gegenüber stehen seine beinahe gänzlich unpolitischen Figuren. Zudem gibt es von ihm fast keine Äußerungen zur Tagespolitik. Es gilt also, den Zufall gegenüber dem Unvermögen abzuwägen.
Falladas Prosa lebt von einer bildhaften, aber einfachen Sprache, die kaum Raum für Interpretationen lässt.
Zeitlebens streifen seine Romane die Grenze zur Trivialität. Die Vorbilder waren Karl May und Jean Paul. Fallada liest
sich runter, ohne Reibungspunkte zu erzeugen. Und genau darin liegt Falladas Kunst. Im Nachhinein hat die
Literaturwissenschaft dafür den Begriff Neue Sachlichkeit erfunden. Er war Chronist seiner Zeit, ohne sie interpretieren
zu wollen und zu können. Das Schreiben parallel zur Zeit
(Grass), woran alle nach ihm wegen eines vermeintlich
intellektuellen Habitus' scheiterten oder sich am Scheitern weideten, hat Fallada publikumswirksam perfektioniert.