Werner Kolhoff

Seitenwechsel

Ein Portrait von Christian Gödecke

Werner Kolhoff ist noch unbekannt beim neuen Arbeitgeber. Der Pförtner im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung am Reichstagsufer kennt weder den Namen noch kann er die Durchwahl des Büros in seiner Liste finden. K-o-l-h-o-f-f. Kollo? Kollmann? Kopfschütteln. Nach zehn Minuten hat das Warten endlich ein Ende. Den meinen Sie. Kolhoff. Gruppe Koordination. Ein Nicken. Dritter Stock. Links. Nochmal Links. Dann schräg rechts.

Foto: Werner Kolhoff

Ich rauche weniger - Werner Kolhoff bei der Arbeit

Werner Kolhoff wird an diesem Morgen keine Zeit haben für ein Interview. Er wird in seinem großen Büro hinter seinem großen Schreibtisch stehen und sagen, dass er um halb elf eine Besprechung habe. Man könne sich ja danach treffen. Aber um halb zwölf sei dann schon die nächste. Um zwölf? An der Spree? Eine Stunde sollte es schon sein.

Es ist Mittag und Werner Kolhoff sitzt in der Eins, einem noblen Restaurant an der Spree. Es liegt in unmittelbarer Nähe des ARD-Hauptstadtstudios und nur einen Steinwurf entfernt von Kolhoffs neuem Arbeitsplatz. Die Eins ist ein beliebter Treffpunkt von Politikern und Journalisten. Kolhoff hat sich in einen Bastsessel am Geländer gesetzt und bestellt Bratwürste mit Rotkohl und Röstkartoffeln, dazu eine Cola. Er raucht Marlboro light. Früher, wenn um 17 Uhr eine Meldung rein kam, die um 18 Uhr im Blatt sein musste, konnten es schon mal zehn Zigaretten in fünf Minuten sein. Früher, das war 2002, und Werner Kolhoff war Chef einer Parlamentsredaktion, die nach der Bundestagswahl mit Lob überhäuft wurde (taz). Das Blatt war die Berliner Zeitung. Seit Anfang des Jahres arbeitet er für die Bundesregierung. Er hat quasi die Seiten gewechselt. Wieder einmal.

Werner Kolhoff ist 47 und sieht aus wie Ende Dreißig. Er ist schlank, fast hager. Braun gebrannt. Zur hellen Hose trägt er ein blaues Hemd. Ohne Krawatte. Das Warten auf Tagesgericht Nummer drei nutzt Kolhoff, um einen kurzen Lebenslauf abzuspulen. In Vechta geboren wächst er in einer Bauernfamilie auf. Schon mit 14 will der kleine Werner Journalist werden. Er gibt eine Schülerzeitung heraus und: tritt mit 16 in die SPD ein. Ich wollte die Welt verändern. Und Politik machen. Journalist und Politiker? Ich bin nie Parteifunktionär gewesen. Immer passives Mitglied. Dann zwinkert er und sagt, dass er noch nie auf einer Delegiertenversammlung erschienen sei. Trotzdem schlagen zwei Seelen in seiner Brust. Die Cola kommt.

Ein kleiner Schluck, und weiter geht's im Text. Mit 18 kommt Kolhoff nach Berlin. Studiert Publizistik an der Freien Universität, dazu Soziologie und Holländisch. Engagiert sich in der Hochschulpolitik. Und bei den Jusos. Politik machen und die Welt verändern. 1980 bekommt Kolhoff mit Glück ein Volontariat beim Tagesspiegel und ist mit 24 bereits landespolitischer Korrespondent. Zwei Jahre später scheitert er mit dem Versuch, einen Betriebsrat zu gründen. Das ist der Anfang vom Ende. Die Verlegerfamilie, die keine Mitbestimmung im Unternehmen will, wirft den jungen Redakteur einfach raus. Werner Kolhoff ist gerade 25 und schon zum ersten Mal arbeitslos. Es gab daraufhin 2000 Abo-Abbestellungen. Solidaritätsbekundungen.

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Kolhoff zündet sich eine weitere Marlboro an und blickt über die Spree. In dieser Zeit hätte er bei Springer anfangen können. Aber das wollte ich damals nicht. Auch die ersten Angebote aus der Politik werden an ihn heran getragen. Und der Tagesspiegel bekommt, dank mutiger Austräger, Drucker und Sekretärinnen, letztlich doch einen Betriebsrat. Kolhoff lächelt. Am Ende hat er doch noch triumphiert. Das Essen wird serviert. Dann erzählt er, wie er zum ersten Mal die Seiten wechselt.

1983 fängt der Journalist Kolhoff bei der SPD Berlin an. Erst als Pressereferent des Landesverbandes, später als Sprecher von Partei und Fraktion. Die zweite Seele. Politik machen. Mitbestimmen. Kolhoff bildet die allererste Kampa und organisiert den Wahlkampf für Walter Momper. Nach dem Wahlsieg wird der Journalist Senatssprecher. Er ist jetzt Senatsdirigent, eine Besoldungsgruppe unter dem Staatssekretär. Am 1.November 1989 wird Kolhoff beauftragt, eine Kommission zur Vorbereitung auf einen verstärkten Besucherandrang aus der DDR zu bilden.

Ein prophetisches Planspiel der Senatskanzlei mit Begrüßungsgeld, Visa und Grenzübergängen. Acht Tage später fällt die Mauer und der Westen Berlins ist vorbereitet. Er koordiniert 1990 die Hauptstadtkampagne, die Berlin mit Hilfe von Prominenten wie Richard von Weizsäcker und einem Slogan (Natürlich Berlin!) zur gesamtdeutschen Kapitale machen soll. Ein Jahr später ist Eberhard Diepgen wieder Bürgermeister und Werner Kolhoff wieder arbeitslos. Die Zigarette liegt abgebrannt im Aschenbecher. Er steckt sich eine neue an und bestellt noch einen Kaffee. Ich wollte nicht in der Politik bleiben, sagt er dann. Doch die herrschende Meinung besagt, dass man zwischen Politik und Journalismus nicht wechseln darf. Er tut es trotzdem.

Mehr als zehn Jahre verbringt Kolhoff bei der Berliner Zeitung. Schon der Anfang ist schwer. Nicht nur der damalige Herausgeber Erich Böhme (Wegen Ihnen schlachte ich keinen Ossi!) hat ein Problem mit dem Senatsdirigenten a.D. Auch einige Kollegen in der Redaktion Brandenburg sehen den Grenzfall skeptisch. Kommunikationsstörungen anderer Art machen Kolhoff, der 1992 Ressortleiter wird, das Leben ebenfalls schwer. In Brandenburg mangelt es an vielem. Vor allem aber an freien Telefonleitungen. Ich musste Nummern aus der Schweiz und Holland vorwählen, um überhaupt kommunizieren zu können. Kolhoff schüttelt den Kopf. Trotzdem spricht er von der spannendsten Zeit meines Lebens. Auch wegen der großen Verantwortung für viele Mitarbeiter. Ab 1997 trägt Kolhoff nur noch Verantwortung für sich selbst. Als politischer Korrespondent wird er zum Einzelkämpfer, schreibt Portraits großer Politiker und große Reportagen. Eine wird für den Kisch-Preis nominiert. Am Ende ist er Leiter des Bundesbüros. Als es mit Teilen der Chefredaktion zu Konflikten kommt, trennt man sich - wie es so schön heißt - einvernehmlich. Kolhoff ist 46 und zum dritten Mal arbeitslos. Und als allein erziehender Vater von zwei kleinen Kindern an Berlin gebunden. Für Springer hätte ich sogar gearbeitet, aber die Angebote kommen alle aus der Politik.

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Werner Kolhoff ist jetzt Leiter der Gruppe Koordination im Bundespresseamt und hat vorerst zum letzten Mal die Seiten gewechselt. Er ist verantwortlich für die Koordination tagesaktueller Kontakte zur Presse. Er koordiniert die Akkreditierungsanfragen der Kollegen und betreut ausländische Journalisten. Kolhoff koordiniert, wie eine Kanzlerrede verbreitet wird und ist verantwortlich für den Internetauftritt der Bundesregierung. Kolhoff mag seinen neuen Job, die Koordination, auch wenn er nur noch ein Rädchen im Getriebe ist. Zehn Zigaretten in fünf Minuten raucht er nicht mehr. Der Stress ist ein anderer.

Es ist Punkt dreizehn Uhr, als Kolhoff los muss. Die nächste Besprechung. Politik machen, die zweite Seele. Von seinem Traum, die Welt verändern zu können, hat er sich längst verabschiedet.