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vermischtes - Reportage (view - das neue Berliner Interviewmagazin)

Madonna in Malmö

Die Berliner Starthilfe verhilft behinderten Menschen zu mehr Eigenständigkeit

Eine Reportage von cg

Berlin, im Mai. Andreas hat Stullen geschmiert. Jetzt türmen sich auf dem hellen Holztisch Leberwurstbrote neben Käsehäppchen. Der Dampf von frisch gebrühtem Kaffee wabert durch den Raum. Andreas ist in seinem Element. Der kleine Mann mit den grauen Haaren reicht den Gästen Milch und Zucker, macht sie auf den Salat aufmerksam oder wischt verschüttete Cola weg. Es ist heiß an diesem Tag und die Schweißflecken auf seinem weißen T-Shirt sehen wie kleine Inseln aus, die mit jeder Bewegung Land gewinnen. Andreas gibt sein Bestes. Es ist Tag der Offenen Tür und dieser Tag soll ein Erfolg werden. Alle Behinderten in diesem Raum wollen das. Auch Andreas.

5 Jahre Malmö

Andreas, 42, ist seit seiner Geburt geistig zurück geblieben. Er kann komplexe Zusammenhänge schwer erfassen und hat deshalb in der DDR nur einen Hilfsschulabschluss erworben. Er hat es sogar schriftlich, dass er behindert ist. Bettina Blankmann spricht nicht von Behinderten, sie sagt Klienten. Die 28-Jährige Diplomsozialpädagogin ist stellvertretende Geschäftsführerin des Berliner Starthilfe e.V. Der Verein unterstützt geistig behinderte und alkoholabhängige Menschen aus dem Prenzlauer Berg. Die Klienten heißen so, weil sie für die Leistungen des Vereins bezahlen. Streng genommen übernimmt zwar das Sozialamt die Kosten, aber die Starthilfe ist ein Dienstleister, sagt Blankmann. Festangestellte Sozialarbeiter machen Hausbesuche, beraten bei Behördengängen oder helfen im Haushalt. Betreutes Einzelwohnen nennt sich dieses Angebot der Starthilfe. Der Verein hat in den vergangenen dreizehn Jahren vier Gruppen gebildet, die nach Straßennamen der Umgebung benannt sind. Die Malmöer Gruppe war die dritte Einheit. Heute feiert Malmö sein 5-jähriges Bestehen und Bettina Blankmann wirkt zufrieden. Sie deutet auf die Fotostrecken an den Wänden. Es sind Bilder von Ausflügen, die die Gruppe mehrmals im Jahr organisiert. Lächelnde Klienten sind auf ihnen zu sehen. Auf Schaukeln, unter Bäumen oder in Polen. Glückliche Menschen aus fünf Jahren. Andreas steht auf einem Foto am Ufer der Ostsee.

Putzen für 1 fünfzig die Stunde

Andreas ist nervös. Er hat seine Stullen kurz allein gelassen und in einem Sessel Platz genommen. Der Sessel ist orange wie die Wände rundherum und so groß, dass Andreas noch kleiner wirkt. Seine Finger trommeln unablässig auf die Lehnen. Tatamm. Tatamm. Sein Blick schweift durch den Raum, als suche er etwas. Dann beginnt er zu erzählen. Andreas hat Schwierigkeiten, ganze Sätze zu bilden, verhaspelt sich oft. Setzt von neuem an. Wird rot. Dann legt sich die Aufregung und er redet plötzlich fließend. Erzählt von der Kindheit im Heim, vom Alkohol und von der geschiedenen Ehefrau, die sich auch in Betreuung befindet und ihn dauernd terrorisiert. Von seiner Arbeit in einer Putzfirma, bei der er für 1 Euro fünfzig die Stunde ein paar Mal in der Woche arbeiten kann. Heute hat er zweieinhalb Stunden aufgeschrieben. Er klingt stolz.

Mittwochs ist Disko

Andreas war auch vor fünf Jahren schon dabei. Damals war der Gemeinschaftsraum in der Schivelbeiner Straße noch ein Fahrradladen. Heute sind die Wände gestrichen und große Fenster eingebaut, in denen Sonnenblumen stehen. Die Küche im amerikanischen Stil ist der Stolz der Gruppe. Andreas hat bei all dem mit Hand angelegt. Er würde am liebsten jeden Tag hierher kommen. Zuhause fällt mir immer die Decke auf den Kopf. An jedem ersten Mittwoch im Monat ist Disko. Jeder in der Gruppe kann sich als Diskjockey produzieren, wenn er Kassetten mitbringt. Madonna und Modern Talking sind die Favoriten. Besucher von außen sind gern willkommen. Der Kaffee kostet fünfzig Cent und an der Decke dreht sich eine richtige Diskokugel. Andreas schmiert Stullen für die Tanzenden.

18 Klienten, vier Betreuer

Die Malmöer Gruppe besteht aus achtzehn Klienten und vier Sozialpädagoginnen, von denen jede vierzig Stunden in der Woche arbeitet. Eine Erzieherin ist halbtags angestellt. Die Klienten werden dem Verein hauptsächlich vom Sozialpsychiatrischen Dienst (SpD) vermittelt. Viele von ihnen können weder lesen noch schreiben. Frau Blankmann zuckt mit den Schultern, wenn sie von stundenlangem Briefeschreiben erzählt. Sie macht nicht den Eindruck, als verzweifele sie daran. Sie betont, dass sie selbst nicht auf Leitern steigt oder Wäsche für ihre Klienten wäscht. Die Putzfrau bin ich nämlich nicht. Alles wird zusammen erledigt. Nur so können die Klienten irgendwann eigenständig handeln. Andreas hat sich ein Glas Mineralwasser eingegossen. Er hält es fest umklammert und stellt es in seinen Schoss. Das scheint ihn zu beruhigen. Seine Beine, die in ausgewaschenen Bluejeans stecken, sind übereinander geschlagen.

Heimliche Besuche

Er sagt, dass er einen neuen Job in Aussicht hat. In einer kleinen Küche in Pankow. Dort hat Andreas vor ein paar Wochen zur Probe gearbeitet. Stullen geschmiert und sogar serviert. Man war zufrieden mit ihm, besonders mit seiner Korrektheit. Er stellt das Glas auf den Tisch und holt zwei Kinderfotos hervor. Seine Kinder. Als er von Marko und Diana spricht, lächelt er. Es ist ein Lächeln, das in den Mundwinkeln hängen bleibt. Marko ist zwölf und Diana neun. Sie sind der Grund, warum er zur Starthilfe kam. Sie sind auch der Grund, warum er dem Alkohol entsagt hat. Andreas träumt davon, dass sein Sohn eines Tages zu ihm ziehen kann. Seit Februar hat er deshalb keinen Alkohol mehr angerührt. Sein Traum motiviert ihn. Ich schaffe das, sagt er leise und trinkt noch einen Schluck Wasser. Marko wohnt in Oberstdorf, Diana in Buckow. Alle sechs Wochen besucht er sie in ihren Heimen. Heimlich. Seine Frau darf davon nichts erfahren, sonst macht sie mich fertig. Er nimmt ihnen immer ein paar Stullen mit.