Die Unangepasste

Ein Portrait von Maren Bekker

Als künftige Bundespräsidentin war sie mehrmals im Gespräch. Doch Renate Schmidt, seit Oktober 2002 Familienministerin, dementiert: Kein Interesse! - und freut sich schon jetzt, nach Amtsende endlich Zeit für ihr persönliches Lieblingsprojekt zu haben: ihre Familie.

Foto: Renate Schmidt

Fahrradfahren und Pilzesuchen gibt Renate Schmidt als ihre Hobbies an. Nicht wirklich schwierig, sich vorzustellen, wie sie mit ihren Enkelkindern durch den Wald radelt, einen platten Reifen flickt und resolut den Unterschied zwischen Steinpilzen und Knollenblätterpilzen erklärt. Frau Schmidt ist ein Familienmensch, ein Familientier, wie sie selber sagt. Ihre Büroetage in Berlin-Mitte ist mit hellem Parkett ausgelegt, schwarze Sessel unter bunten Bildern vermitteln Wohnzimmergefühl. Es menschelt sehr. Eigentlich rechnet man fast mit gerahmten Fotos, Familienbilder oder Enkelkinder mit großen Schultüten. Aber dafür ist Renate Schmidt viel zu professionell.

Zu früh gefreut

1972 wurde sie über die Gewerkschaftsarbeit als Betriebsrätin beim Nürnberger Quelle-Versand Mitglied der SPD. Bei Quelle hatte sie als 18-jährige, kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes, angefangen, um ihre kleine Familie ernähren zu können - von der Schule war sie, die minderjährige Schwangere, verwiesen worden. Acht Jahre und zwei Kinder später wurde sie in den Bundestag gewählt, wo sie sich schnell der Familienpolitik zuwandte. 1984 verstarb ihr Mann, der ihre berufliche Karriere lange Zeit als "Hausmann" unterstützt hatte. Aber Renate Schmidt machte weiter: von 1987 bis 1990 war sie stellvertretende Fraktionsvorsitzende, ab 1991 bayerische Landesvorsitzende und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages.

Mitte 2000 schien sich Schmidt aus der Politik verabschieden zu wollen. Sie kündigte ihren Rückzug vom SPD-Landesvorsitz und SPD-Fraktionsvorsitz in Bayern an. Die Kraft ist verbraucht, schrieb die taz damals. Doch jegliche Politik-Machos hatten sich zu früh gefreut. Im Oktober letzten Jahres wurde die Krampfhenne, wie der frühere bayerische Ministerpräsident Max Streibl sie einmal titulierte, zur Frauen- und Familienministerin ernannt.

Bewusst sexy, bewusst machtorientiert

S.O.S. Familie. Ohne Kinder sehen wir alt aus, so der Titel ihres 2002 veröffentlichten viel beachteten Werkes, mit dem sie quasi eine Bewerbung für das Amt der Familienministerin in Buchform vorlegte. In einer Untersuchung, die die Geburtenrate von 191 Ländern feststellte, lag Deutschland auf Platz 180! Renate Schmidts Stimme klingt energisch, professionell empört, aber niemals schrill. Das hat sie sich abgewöhnt. Einst prägte sie, damals noch in Bonn, einen neuen Typus politischer Weiblichkeit: bewusst sexy, bewusst emotional, bewusst spontan, aber auch bewusst ehrgeizig, bewusst machtorientiert, wie die Journalistin Cathrin Kahlweit sie in ihrem Buch Damenwahl beschreibt. Renate Schmidt zeigte gern Dekollete und Emotionen, und weinte auch schon mal in der Öffentlichkeit - egal ob aus Freude oder Frust. Sie scheute keine unbequemen Situationen, forderte die Abschaffung der Bundeswehr bereits zu einem Zeitpunkt als das noch nicht schick war und stellte sich 1982 mit sieben weiteren Mitstreitern gegen den Haushaltsentwurf der eigenen Regierung - damals ein kleiner Skandal. Doch heute ist nicht mehr Bonn oder Bayern, heute ist Berlin und Frau Schmidt sitzt als Ministerin mittendrin. In solche Hierarchien eingebunden zu sein, daran musste sie sich erstmal gewöhnen - aber manchmal will sie sich auch gar nicht gewöhnen: Am letzten Juni Wochenende, bei der Kabinettssitzung auf Schloß Neuhardenberg, da hat noch einmal die alte, unangepasste Renate den anderen einen Schmidtschen Strich durch die Rechnung gemacht. Eigentlich hätte Verteidigungsminister Peter Struck sein Bundeswehrkonzept, dass am neunmonatigen Pflichtdienst für Männer festhält, gerne zur beschlossenen Sache gemacht. Aber was das noch mit Wehrgerechtigkeit zu tun hat, dass konnte mir niemand erklären! sagt Schmidt streng.

Wir brauchen einen Mentalitätswechsel

Nach wie vor möchte sie den Wehrdienst abschaffen, dafür ein soziales Jahr auch für Frauen einführen. Strucks Plan, so schnell wie möglich über die Wehr-Richtlinien zu entscheiden hat sie zunichte gemacht, nun wird frühestens im November wieder neu abgestimmt. Ein kleiner Erfolg für Schmidt. Doch nun halte ich mich da erstmal zurück, sagt sie. Ihre Position sei ja bekannt. Außerdem dürfe sie ja auch die Kabinettsdisziplin nicht vergessen. Kabinettsdisziplin - dieser Begriff passt gut zu ihr. Dezent und ruhig sitzt sie vor dem verspielten, bläulichen Bild in ihrem Besprechungszimmer und ist ganz Dame. Ihre Haare haben ein angenehmes grau-weiß, ihr Anzug ist cremefarben, ihre Hautfarbe rosig.

Wir brauchen einen Mentalitätswechsel, die Familie muss wieder in den Mittelpunkt rücken und besser mit dem Beruf vereinbar werden! fordert Schmidt. Was es bedeutet, als Alleinerziehende berufstätig zu sein weiß sie schließlich aus ihren eigenen Erfahrungen. Doch leicht hat sie es nicht im Kabinett. Eine Heidenarbeit sei es gewesen, die Finanzierung ihres Ressorts zu sichern. Die Kürzung des Unterhaltsvorschuss konnte sie nur mühsam verhindern: Siebenmal musste ich drauf bestehen! Das Amt der Familienministerin haben sich Politiker ausgedacht, die wissen, dass sie Frauen fördern müssen wenn sie von Frauen gewählt werden wollen. Politiker wie Gerhard Schröder. Der hat Schmidts Posten mal als Ministerium für Familie und Gedöns verunglimpft. Auf die Frage, wie denn ihr Verhältnis zum Kanzler sei, antwortet Schmidt gewohnt professionell: wir kennen uns schon sehr lange und mögen uns. Etwas leiser fügt sie dann noch hinzu: aber richtig menscheln, - das tut's nicht.