Das Prinzip Hoffnung

Ein Kommentar von Christian Gödecke

Das Leben kann so einfach sein: Wenn man jung ist, gute Noten hat und, sagen wir, Bäcker werden will, stehen einem alle Türen offen. Ausbildungsstellen in handwerklichen Berufen gibt es nämlich nach wie vor, auch in Zeiten konjunktureller Flaute. Doch was passiert mit den schätzungsweise 20.000 Schulabgängern, die am Ende dieses Jahres keinen Ausbildungsplatz haben werden? Wohl nicht viel. Denn die politischen Parteien agieren auf dem sensiblen Feld der Bildungspolitik auch in diesem Jahr so verantwortungslos wie gewohnt. Will die SPD mit der neuerlich angedrohten Zwangsabgabe für Betriebe, die nicht ausbilden, die Wirtschaft unter Druck setzen, nimmt die Opposition in persona FDP die Unternehmen mit Blick auf die miserable Wirtschaftslage in Schutz. Hofft die SPD, auch in diesem Jahr die Betriebe per Drohkulisse Ausbildungsabgabe zur Räson rufen zu können, hofft die FDP auf die Erholung der Konjunktur und auf eine anschließende Wiedereinstellungs- und Ausbildungswelle. Was beide - Regierung und Opposition - somit eint, ist das Prinzip Hoffnung. Hoffnung auf Automatismen, die in diesem Jahr nicht zu wirken scheinen. Weder zeichnet sich ein Einlenken der Wirtschaft noch eine Erholung der Konjunktur ab. Es müssen deshalb endlich Gesetze in den Bereichen auf den Weg gebracht werden, in denen bei den Parteien Einigkeit herrscht. Weniger Bürokratie (Wegfall von Übernahmeverpflichtungen), gerechtere Verteilung der Ausbildungskosten (überbetriebliche Finanzierung) und nationale Bildungsstandards sind Ziele, die kurzfristig umgesetzt werden können und langfristig wirken. Das bleibt jedenfalls zu hoffen.