Jagdrudel, keine Meute

Wie in 60 Minuten Stoff für 34 Meldungen entsteht - ein Besuch in der Bundespressekonferenz

Eine Reportage von Rasmus Buchsteiner

Bevor das Ritual beginnt, wird die gelbe Suppentasse abgeräumt. Schnell hatte Werner Gößling die Spinatcreme gelöffelt, dann zur roten Serviette gegriffen und noch den bunten Salat mit Thunfisch zu drei Euro bestellt. Zwei hastig gerauchte Gauloises light liegen im Ascher, als er auf die Uhr schaut, sich von den Kollegen verabschiedet und zur Mappe mit den Unterlagen greift. Gößling trägt ein ockerfarbenes Sakko. Er lächelt. Ein freundlicher Herr mittleren Alters, ein Fachmann für Wirtschaft, lange schon Korrespondent beim ZDF, seit kurzem Chef der Bundespressekonferenz und damit ganz wichtig für das Ritual.

Das Ritual funktioniert auch in Berlin

Es funktioniert immer nach denselben Regeln - jeden Montag, Mittwoch und Freitag. Im Pressehaus am Schiffbauerdamm gibt es Raum für 220 Journalisten, aber meistens kommen viel weniger. Es gibt Mikrofone, um Fragen stellen zu können, die vom Regierungssprecher und den Kollegen aus den Bundesministerien beantwortet werden sollen. Zu den Zielen der Bundespressekonferenz gehört, Möglichkeiten für eine umfassende Unterrichtung der Öffentlichkeit zu schaffen. Damit ist sie, so steht es in der Magisterarbeit eines Potsdamer Politikstudenten, ein wichtiger Bestandteil der repräsentativen Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland. Das war in Bonn so. Nun funktioniert das Ritual auch in Berlin. Irgendwie.

Die Stufen zum Saal, in dem es stattfindet, hat Werner Gößling schnell genommen. B-u-n-d-e-s-p-r-e-s-s-e-k-o-n-f-e-r-e-n-z steht in hölzernen Buchstaben auf der blauen Wand, vor der er Platz genommen hat. Das ist fernsehgerecht. Eine kurze Einleitung, dann ist das Wort an Bela Anda, einem hochgewachsenen Mann mit dunklem Teint, perfekt gegeltem Haar und der Konzentration eines Bundesligatrainers am Spielfeldrand. Anda hat viel schlechte Presse gehabt in der letzten Zeit. Business as usual. Zunächst ein paar Punkte, die heute im Kabinett eine Rolle gespielt haben. Acht Minuten dauert der Monolog. Die Lage im Irak. Der Besuch des amerikanischen Außenministers am Freitag in einer Woche. Die Asien-Reise des Kanzlers. Alles im Eiltempo. Die Ministeriumssprecher langweilen sich. Ein ARD-Team dreht Schnittbilder für die Tagesthemen.

Man kennt sich

In der sechsten Reihe, links, hat Thomas Kröter von der Frankfurter Rundschau die Schreibunterlage ausgeklappt. Es ist wie an einer deutschen Uni. Man ist eingepfercht in den Sitzmöbeln. Kröter, wie Gößling ein alter Hase im Geschäft, schnippt mit dem Kuli. Hinter ihm hängt Werner Sonne von der ARD fast waagerecht in der Bank. Seine Beine sind zu lang. Das Frage- und Antwortspiel beginnt. Man kennt sich und nennt sich mit Namen. Junge Journalisten aber sind der Herr Kollege oder Frau Kollegin da hinten. Kröter kritzelt abwesend auf seinem Block, so wie es die meisten Menschen beim Telefonieren tun. Eines seiner Männchen sieht aus, als würde es gerade mit einem Raketenantrieb ins All geschossen. Dabei ist Kröter hellwach. Irgendwann geht ein Ruck durch seinen Körper, Handzeichen, Blickkontakt mit dem Vorsitzenden. Gößling nickt, Kröter greift zu Saalmikro Nummer sechs.

Die Stimme ist ruhig. Also, Herr Anda, jetzt bin ich verwirrt. Mir scheint, Sie wollen gar nicht verhindern, dass die Agenturen gleich melden: Bundesregierung schließt Erhöhung der Tabaksteuer nicht mehr aus. Warum sagen Sie nicht, dass das Kanzlerwort von letzter Woche - keine Steuererhöhungen - auch jetzt noch gilt? Respektvolles Raunen. Leises Schmunzeln. Punkt für Kröter, der in seinem Leinenjackett und wegen des angegrauten Vollbarts eher wie ein Deutschlehrer wirkt als wie jemand, der Anda in Verlegenheit bringen könnte. Der Regierungssprecher zögert. Er antwortet, die Erörterung des Themas sei ein offener Prozeß. So steht es auch in der Nachricht, die dpa eine Minute nach Ende der Pressekonferenz über den Ticker schickt. 34 Agenturmeldungen zu mehr als zehn Themen hat das Katz- und Mausspiel gebracht - und einige seltsame Dialoge.

Rhetorische Spielchen

Herr Anda, wie bewertet die Bundesregierung das deutsch-polnische Verhältnis? Das deutsch-polnische Verhältnis ist gut. Warum sprechen die Polen dann nicht mit den Deutschen über den Irak? Also, es gibt Kontakte auf allen Fachebenen. Insofern weiß ich nicht, wie sie zu dieser Beurteilung kommen. Der deutsche Verteidigungsminister hat sich irritiert geäußert über das Vorgehen der Polen in der Irak-Frage. Also, könnte das deutsch-polnische Verhältnis besser sein, als es jetzt ist? Ich finde, die deutsch-polnischen Beziehungen sind gut. Sie sind gut, sie waren gut und sie werden gut sein. Rededuelle. Rhetorische Spielchen. Den Gegner aus Reserve locken. Nachher im Foyer wird Kröter sagen: Wenn die da oben anfangen, zu dreist um den heißen Brei herum zu reden, dann muss man dazwischen gehen. Dann muss aus der Journalistenmeute ein Jagdrudel werden. Seine wasserblauen Augen blitzen hinter dem Designergestell.

Händedruck. Gößling verabschiedet sich von Anda und Anda von Gößling. Kröter tippt den Pin-Code ins Handy, schon unterwegs ins Büro. Über die Brücke am Schiffbauerdamm rauscht der ICE aus Hannover. Fünf Minuten braucht Kröter vom Pressehaus zu seinem Schreibtisch, den ein lebensgroßer Humphrey Bogart aus Pappe bewacht. Normal habe ich was gegen Die-Bundesregierung-schließt- nicht-aus...-Meldungen. Aber die Tabaksteuer lege ich euch ans Herz, sagt Kröter ins Telefon. Es hat geholfen. Die Rundschau erscheint am nächsten Tag mit 23 Zeilen Tabaksteuer auf Seite eins. Das Ritual wirkt nach.

(Der Autor ist Mitglied der 18.Lehrredaktion der Berliner Journalisten-Schule. Die Reportage beschreibt die Bundespressekonferenz vom 7. Mai 2003.)